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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Rabanus Maurus „De rerum naturis”

Der durch eine Schlussschrift auf das Jahr 1425 datierte Codex Pal. lat. 291 der Biblioteca Apostolica Vaticana bietet die wohl prachtvollste Ausgabe von Rabanus Maurus’ „De rerum naturis“ und zugleich einen der vollständigsten Textzeugen dieses Werkes, das das Wissen der damaligen Welt umspannte. Handschriftlich verbreitet wurde der Text vom 9. bis zum 15. Jahrhundert. 1467 erschien er erstmals unter dem Titel „De universo“ sogar im Frühdruck. Doch existiert kein weiteres Exemplar, das so opulent mit zahlreichen Miniaturen in feinster Deckfarbenmalerei ausgestattet wurde wie dieses.

Rabanus Maurus (um 780-856) war Abt des Klosters Fulda, Mainzer Erzbischof und nach Ausweis seiner vorwiegend theologischen Schriften einer der bedeutendstenen Gelehrten des 9. Jahrhunderts. Wohl während der Jahre, die er auf dem bei Fulda gelegenen Petersberg verbrachte, verfasste er eine in 22 Bücher unterteilte Enzyklopädie, die das gesamte heilsgeschichtliche und naturwissenschaftliche Wissen seiner Zeit umfasste. Dafür kompilierte Rabanus verschiedene Quellen, zu denen unter anderem die „Etymologiae“ des Isidor von Sevilla gehörte. Gestützt auf patristische Texte ergänzte er das tradierte Wissen um Bibeltexte und allegorische Auslegungen. Denn Rabanus’ Ziel war es, ein Kompendium zu schaffen, das weniger pragmatisches Sachwissen vermitteln sollte als vielmehr religiöses Denken und konkret bei der Auslegung der Heiligen Schrift helfen sollte. Daher stehen am Anfang seines Werkes der Schöpfergott und die Darstellung der Inhalte christlichen Glaubens, bevor systematisch kulturelle und naturkundliche Dinge behandelt werden.

Die Überlieferung von „De rerum naturis“ lässt sich in zwei Textgruppen unterteilen, von denen die erste unmittelbar auf Rabanus zurückgeht und auch die zweite schon im 9. Jahrhundert entstanden sein dürfte. Dieser Textfassung gehört der Codex Pal. lat. 291 ebenso an wie auch die älteste, ebenfalls mit Illustrationen ausgestattete Handschrift von 1022/23 aus Monte Cassino. Möglicherweise orientierten sich die Maler beider Handschriften an einer Vorlage aus karolingischer Zeit, die aber nicht mehr greifbar ist. Zwischen den beiden Handschriften gibt es eine Reihe ikonographischer Übereinstimmungen. Jedoch weist die prachtvolle Rabanus-Handschrift im Vatikan auch Abweichungen auf, die eine von der Monte Cassino-Handschrift unabhängige Genese nahelegen. Die bildkünstlerische Ausstattung von Pal. lat. 291 ist vor allem im Sinne einer zeitgenössischen Modernisierung zu verstehen. Neben den seit spätantiker Zeit tradierten Bildtypen sind auch solche zu erkennen, die ab 1400 in der Ausprägung des Internationalen Stils in verschiedenen Textgattungen vorlagen. So erinnern Tier- und Pflanzendarstellungen an norditalienische Tacuinum-Sanitatis-Handschriften, die Landschaftsdarstellungen hingegen an Bildkompositionen, die etwa über französische oder flämische Stundenbücher vermittelt sein könnten. Dabei zeugen die Miniaturen von der künstlerischen Schaffenskraft der Maler, zeichnen sie sich doch durch zum Teil detailreiche Einzelbeobachtungen aus, die naturalistisch anmuten, auch wenn im Tierreich ein Affe wohl kaum Gelegenheit hat, einen Fuchs zu lausen, wie es auf Blatt 86v, dem Titelbild zu den wilden Tieren (Lib. VIII), zu sehen ist.

Im Hinblick auf das Gesamterscheinungsbild der Handschrift zeigt sich, dass Schreiber und Maler offenbar qualitativ hohe Standards befolgten. Davon zeugen auch die wertvollen Materialien wie Gold und kostspielige Farbpigmente, die der Handschrift bis heute eine ungeheure Leuchtkraft verleihen. Unterschiede in der Umsetzung – weniger beim Schriftbild als bei den Miniaturen – sind dennoch zu beobachten. Ganz offensichtlich wurde der Bildschmuck von verschiedenen Malern ausgeführt, die wohl gemeinsam in einer Werkstatt tätig waren, denen aber eine unterschiedliche künstlerische Herkunft unterstellt werden darf. Ein Großteil der fein modellierten Miniaturen lässt sich mit Beispielen mittelrheinischer Herkunft verbinden. Leonie von Wilckens hat sich bereits 1980 für eine Entstehung der Handschrift in der noch mittelrheinisch beeinflussten kurpfälzischen Residenzstadt Heidelberg ausgesprochen. Diese These bestätigt zumindest auch das Dedikationsbild von Blatt 1r: Vor der Muttergottes, auf deren Schoß das Christuskind sitzt, kniet hier ein Stifter mit pfälzischen Wappen und in Begleitung des heiligen Georg. Es ist wohl Pfalzgraf Ludwig III., der noble Auftraggeber der Handschrift.

(Margit Krenn, Universitätsbibliothek Heidelberg, 10/2012)

Literatur

  • Bibliotheca Palatina, Katalog zur Ausstellung der Universität Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Biblioteca Apostolica Vaticana, Textbd. Hrsg. von Elmar Mittler, Heidelberg 1986, Kat. Nr. C 8.1 (Markus Weis)
  • Diane O. Le Berrurier: The Pictoral Sources of Mythological and Scientific Illustrations in Hrabanus Maurus’ De rerum naturis, New York, London 1978
  • Marianne Reuter: Text und Bild im Codex 132 der Bibliothek von Montecassino “Liber Rabani de originibus rerum”. Untersuchungen zur mittelalterlichen Illustrationspraxis (Münchener Beiträge zur Mediävistik und Renaissance-Forschung 34), München 1984
  • Leonie von Wilckens: Buchmalerei um 1410-1440 in Heidelberg und in der Kurpfalz, in: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 1980, S. 30-47