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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Glossar zur spätmittelalterlichen Buchmalerei und Buchherstellung S - U

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S

Schnitt
Beschrifteter Fußschnitt (Cpg 16)Die drei offenen Seiten des Buchblocks bezeichnet man als Schnitt, da die unregelmäßig großen Pergament- oder Papierblätter, um sie auf eine einheitliche Größe zu bringen, beim Binden an diesen Stellen beschnitten wurden. Der obere Schnitt wird als Kopf- oder Oberschnitt, der vordere als Vorderschnitt und der untere als Unter-, Fuß- oder Schwanzschnitt bezeichnet.
Schreiber, Schreiberspruch, Schreibwerkstätten
Schreiberspruch des Hans Coler im Cpg 403, fol. 255rWährend des Mittelalters waren es lange Zeit nur Geistliche, welche das Abschreiben von Büchern meist in den Skriptorien von Klöstern praktizierten. Nur in Italien scheint es das ganze Mittelalter hindurch Schreiber gegeben zu haben, die für Lohn tätig waren. Erst als im hohen und späten Mittelalter das Städte- und Kanzleiwesen sowie der Handel immer mehr aufblühte, lassen sich auch in den nördlichen Ländern sogenannte Lohnschreiber feststellen. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts sind einzelne Schreibwerkstätten nachzuweisen. Etwa zur gleichen Zeit befanden sich auch die ersten Laien unter den Schreibern. In den Werkstätten arbeiteten meist mehrere Schreiber gleichzeitig an der Herstellung eines Buches. Die Vorlage, die sie abschrieben, wurde zu diesem Zweck manchmal in einzelne Lagen aufgeteilt. Da jeglicher Buchschmuck vor dem Binden in den Codices angebracht werden mußte, wurde bei der Herstellung illustrierter Handschriften eng mit Malern und Zeichnern zusammengearbeitet. Daß die Schreiber in die von ihnen hergestellten Bücher ihren Namen eintrugen, ist während des 13. und 14. Jahrhunderts noch relativ selten. Schreibersprüche, welche Namen, Entstehungsort oder -jahr eines Manuskriptes nennen und dabei manchmal auch von allerlei Bitten der Hersteller begleitet werden, treten erst im 15. Jahrhundert vermehrt auf. Der stark angestiegene Literaturbedarf dieser Zeit hatte die Zahl der Berufsschreiber ebenfalls stetig vermehrt. Diese Berufsschreiber beschäftigten sich jedoch nicht nur mit der Abschrift von Büchern, sondern waren sehr viel häufiger als Briefschreiber in Verwaltungen, Kanzleien und Notariaten tätig.
Schrift
s. Kursive / kursive Schrift
s. Textura
Silberstift
Der Silberstift gilt als der erste in der bildenden Kunst verwendete Zeichenstift. Er besteht aus Silber und Blei, das sich auf der rauhen Pergament- oder Papieroberfläche abreibt und dort durch Oxidation verschwärzt. Besonders gut erfolgt diese Verschwärzung auf Gips (CaSO4) oder schwefelhaltigem Papier. Ab dem 15. Jahrhundert wurde die Silberstiftzeichnung besonders gerne angewendet (Jan van Eyck, Albrecht Dürer, Hans Holbein), für Entwurfszeichnungen wurde er allerdings schon in frühmittelalterlichen Handschriften benutzt.
Der heutige Bleistift – oder eigentlich ‘Graphitstift’, da er eine Mine aus Graphit (Kohlenstoff) besitzt – wird erstmals von dem Florentiner Maler Cennino Cennini (1370-1440) erwähnt. Da Graphit aber sehr bröckelig ist, war es recht schwierig, damit zu schreiben. Erst 1760 erfolgte durch Caspar Faber in Nürnberg eine Aufarbeitung des Graphit, u.a. durch Beimengung von Tonerden, die die Herstellung gleichmäßiger und fester Minen ermöglichte. Bleistifte waren jedoch bis ins 19. Jahrhundert hinein relativ teuer und wurden daher nur selten verwendet.
Simultane Illustration: = Simultanbild; Komplettierende Illustrationsmethode
Bei der Simultanen Illustration werden verschiedene Handlungen, die zeitlich oder räumlich voneinander getrennt sind, in einem Bild vereinigt. In der Darstellung können sie allein durch Architektur- oder Landschaftselemente voneinander abgegrenzt sein. Ziel ist es, eine zusammenhängende Geschichte oder Handlung in einem Bild zu zeigen. Die handelnden Personen werden dabei nicht mehrfach dargestellt. Als Beispiele sind die Trajanssäule in Rom oder die oft vielszenigen Bilderzyklen der Kölner Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts zu nennen (s. auch Cod. Pal. germ. 16, fol. 37v: Der Betrug Jacobs mit Erläuterung dessen was dargestellt ist).
Spalte / Schriftspalte /Kolumne
Bezeichnet den Raum auf einer Seite, in den der Text eingetragen wurde. In den meisten Handschriften findet man eine oder zwei Spalten pro Seite. Bsp.: Seite (fol. 6v) aus CPG 27 mit zweispaltigem Text
Spiegel
Der innere Teil der beiden Deckel wird als (Buch-)Spiegel bezeichnet. Analog zu Vorder- und Rücken- bzw. Hinterdeckel unterscheidet man auch den vorderen und hinteren Spiegel. Meist besteht der Spiegel aus aufgeklebten Pergament- oder Papierblättern. Häufig wurde für den Spiegel Makulatur, d. h. älteres nicht mehr benötigtes Schreibmaterial aus Büchern oder Urkunden verwendet. Zunächst leere Spiegelblätter wurden im Laufe der Zeit von den Besitzern der Bücher oft für Eintragungen aller Art, wie die Dokumentation von Familienereignissen, rechtskräftigen Verträgen und Urkundenabschriften, den bloßen Namenseintrag oder Exlibris, benutzt.
Streifenbilder
sind Illustrationen, die in den Text integriert sind und die gesamte Breite des Schriftraums, aber nur bis zur Hälfte seine Höhe umfassen.

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T

Textura
Textura aus Cpg19, fol. 183vTextura gehört zu den gotischen Schriftarten und wird in den Handschriften meist als Auszeichnungsschrift verwendet. Charakteristisch für die Textura ist die Konzentration auf die Mittelzone der Buchstaben: Ober- und Unterlängen werden zurückgenommen und die mittleren Schäfte der Buchstaben u, m, n und i, indem sie oben und unten miteinander verbunden werden, besonders betont. Auf diese Weise entstehen sehr einheitliche Schriftbänder.
Tintenfraß
Fragmente aus Cpg 20.Tintenfraß in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften wird hauptsächlich durch die Eisengallustinte verursacht und bedeutet bis heute ein erhebliches Schadenspotential für Papier und Pergament. Zum Stoppen oder  Behebung dieser Schäden ist trotz intensiver Forschung und der Entdeckung verschiedener Möglichkeiten noch immer kein wirklich befriedigendes Rezept gefunden worden.
Verursacht werden die Fraßerscheinungen, bei denen die Cellulosefasern des Papiers bzw. die Kollagenfasern des Pergaments angegriffen und zersetzt werden, u.a. durch Bildung von Schwefelsäure. Zu den Bestandteilen der Eisengallustinte, aber u.U. auch anderer Tinten (z.B. Dornenrindentinte), gehört Eisenvitriol (Eisensulfat), das im Mittelalter meist mit Kupfervitriol verunreinigt vorkam. Vitriol, das bei der Tintenherstellung nicht an der Bildung des schwarzen Eisengallatkomplexes teilgenommen hat, kann durch chemische Reaktionen mit Sauerstoff und Wasser aus der Luft zur Bildung von freien Radikalen und Schwefelsäure führen. Radikale und Säure führen zu einer Spaltung der langkettigen Makromoleküle (Cellulose und Kollagen); es entstehen kurze Kettenbruchstücke, die zu einer Veränderung der mechanischen Eigenschaften des Papiers/Pergaments führen, wie z.B. zu Brüchigkeit durch Herabsetzen der Flexibilität oder zu verändertem Dehnungsverhalten durch Hydrophobierung.
Als erste sichtbare Anzeichen für einen beginnenden Tintenfraß ist eine Verbräunung um die Buchstaben und Zeilen herum zu beobachten. Aufgrund der immer stärker werdenden unterschiedlichen mechanischen Eigenschaften zwischen geschädigten und ungeschädigten Papierbereichen entstehen feine Risse im Grenzbereich und in den Buchstaben, die sich zu kleineren und größeren Fehlstellen ausweiten. Es können einzelne Buchstaben herausbrechen, ja sogar ganze Worte oder Zeilen, wie es im Cod. Pal. germ. 20 geschehen ist.

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U

Überschrift
Überschrift aus Cpg 403, fol. 25rSpätmittelalterliche Handschriften verfügen häufig über ein ausgeprägtes System von textgliedernden Elementen. Zu diesen gehören meist rote Überschriften, die Kapitel und Großabschnitte, die sogenannten Bücher, einleiten. Handelt es sich um illustrierte Handschriften stehen die Überschriften in der Regel vor den Illustrationen und dienen manchmal ebenso zur Erläuterung der Bilder. Häufig werden diese Überschriften in Kapitelverzeichnissen zu Beginn der Handschriften zitiert, um die Auffindung von einzelnen Werkteilem zu erleichtern. Das Eintragen der Überschriften ist einer der letzten Arbeitsgänge bei der Herstellung mittelalterlicher Handschriften. Sie werden zusammen mit anderen Elementen der Rubrizierung oft von einem anderen Schreiber, dem Rubrikator, der auch die Kontrolle und Korrektur des Geschriebenen ausführte, angebracht.
Unterzeichnung
In der linken unteren Ecke Unterzeichnung (Cpg 142, fol. 59v). Zur Herstellung der Miniaturen legten sich die mittelalterlichen Künstler in der Regel mit Hilfe von Metallstiften oder Kohle Unterzeichnungen an, die sie später mit der Feder ausführten und mit Deck- oder Wasserfarben kolorierten. Gelegentlich lassen sich solche Unterzeichnungen in den Miniaturen auch heute noch erkennen. Dies ist z. B. der Fall, wenn eine Unterzeichnung in einer anderen Form als der ursprünglich geplanten ausgeführt wurde. Hin und wieder findet man für diesen Sachverhalt in der Literatur auch noch den Begriff der Vorzeichnung. Dieser ist jedoch mißverständlich, da mit Vorzeichnung häufig auch selbständige Entwürfe und Studien zu einem Kunstwerk gemeint sein können.
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Literatur

  • Schneider, Karin: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung (Sammlung kurzer Grammatiken Germanischer Dialekte, B. Ergänzungsreihe Nr. 8), Tübingen 1999
  • Jakobi-Mirwald, Christine: Buchmalerei. Ihre Terminologie in der Kunstgeschichte, 3., überarb. u. erw. Aufl. Berlin, 2008.

© Ulrike Spyra, Jens Dannehl, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 9/2008