Freie Vereinigung Darmstädter Künstler   [Hrsg.]; Städtisches Ausstellungsgebäude auf der Mathilden-Höhe <Darmstadt>   [Hrsg.]
200 Jahre Darmstädter Kunst: 1830 - 1930: Darmstadt, Mathildenhöhe 1930 ; vom 22. Juni bis 28. September 1930 ; als Festgabe zur 600-Jahr-Feier der Stadt Darmstadt — Darmstadt, 1930

Seite: 38
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Karl Raupp, 1837—1918, verließ seine Vaterstadt Darmstadt
schon früh und kehrte dahin nur gelegentlich zu kürzerem Aufent-
halt zurück. Er war erst Schüler von Lucas, ging dann nach Frank-
furt a. M. zu Jakob Becker, von dessen Person und Kunst er
zeitlebens begeistert war, dann 1858 zu Piloty nach München.
Mit einer Reihe trefflicher Idyllen aus dem Bauernleben, die auch
gelegentlich eine humoristische Pointe haben (z. B. „Der Hand-
werksbursche") und schon sehr gut wiedergegebene Sonnen-
wirkungen bei kräftiger Pinselführung zeigen, auch mit vorzüg-
lichen Bildnissen macht er Aufsehen und wird als Professor an
die Kunstschule in Nürnberg berufen. Dort herrschte unter dem
anregenden Direktor August Kreling, der als einer der wenigen
Künstler des 19. Jahrhunderts die Kunst als Einheit betreiben
konnte, zugleich Bildhauer, Architekt, Maler, Illustrator und Kunst-
gewerbe war, ein reges künstlerisches Leben und Treiben.
Der Darmstädter Landsmann Löfftz und 'Fritz August von Kaul-
bach sind dort Schüler Raupps. Damais schon überzeugter Frei-
lichtmaler, hat er in seiner Nürnberger Zeit eine Reihe .von
wundervollen feintonigen und duftigen Landschaften (z. B.
„Ochsenfurt", 1864) sowie Sonnenstudien gemalt, die zum aller-
besten und^fortschrittlichsten gehörten,was in Deutschland gemalt
wurde. 1865 arbeitet er in Willingshausen, wo er mit Paul Weber
zusammentrifft. 1880 erfolgt seine Berufung an die Münchener
Akademie. Von da aus zieht er an den Chiemsee, wo er auf der
Fraueninsel heimisch wird und das Leben der dortigen Fischer-
bevölkerung in einer langen Reihe selbsterlebter Bilder schildert,
die durch ihre gesunde Naturwahrheit, die Güte der Malerei
und Echtheit der Typen seinen Ruf weit über Deutschland hinaus
verbreitet haben. So z. B. „Die Heuernte", „Ein Wetter kommt",
„Ave Maria", „Heimlicher Abschied" (in der DarmstädterGalerie),
„Friede". In überaus gelungener Weise fließen Menschen und
Natur auf seinen Bildern in eins zusammen, sie gehören zuein-
ander, bedingen einander, stehen nicht im Verhältnis von Staf-
fage und Folie,[sondern sind in einem gewissermaßen kosmischen
Gefühl zu einer Einheit geworden. „Bei diesen fast immer an
Ort und Stelle gesehenen und geschöpften Bildern ist die Wahr-
heit so überzeugend und zugleich so einfach und anspruchlos
schön, daß viele derselben wahre Perlen genannt werden

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