Heidelberger Adreß-Kalender für das Jahr 1868 — Heidelberg, 1868

Seite: VII
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unversehens zu einem bewaffne ten Ucberfall des streitigen
Landes durch die Franzosen führte.

Noch währte der im Sommer 1684 zwischen dem dentschen
Reichshaupte und der Krone Frankreich auf 20 Jahre abge-
schlosseue Waffenstillstand, und kein Mensch in Deutsch-
lnnd befürchtete einen Bruch desselbeu. Da aber ließ der Pa-
riser Hof ditrch seiiwn Gesandteu am Reichstage zu Regens-
burg erklären: „Die Verweigeruug fraglicher vou der 6uoke88«
<!'0rt«nn8 augesprochenen Lande würde den König, unbeschadet
des Waffenstillstandes, in die Nothwendigkeit versetzen, der
Prinzessin mit Gewalt zu dem Jhrigen zu verhelsen."

Hierin erblickleu die deutscheu Reichsstände eine verdeckte
Kriegserkläruug, und Kaiser Leopold I, in der redlichsten
Absicht seines edlen Herzens, drang auf ein patriotisches Zu-
sammenhalten und energisches Handelu punoto 86ouritati8
pudtioae. Der treulosen, list- und ränkevollen Poliiik des
französischen Cah^retes aber gelang es, zwischen den katholi-
schen nnd evaüg'elisch eu Ständen neues Mißtrauen zu
erweckeu, dadurch die Thätigkeit des Reichstages lahm zu legeu
und die traurigen politischen Zustäude Deutschlands noch mehr
zu verwirren.

Uuter dieseu Umstäudeu brauchte sich Rönig Ludwig
nicht zu scheuen, den Waffenstillstand wirklich zu brechen, die
jenseitige Pfalz zu besetzen uud diesseits die Reichsfestung Phi-
lippsburg zu belagern. Jezt freilich, da der König vier
Tage uach dem Rheinübergange seiner Trouppen auch ein
Kriegsmanifest am Reichstage übergeben ließ, erwachteu
die Reichsftände aus ihrer Unthätigkeit und dachten ernstlich
au Widerstaud, wührend der au der Niederdonau siegreiche
Kaiser mit den Türken eineu nachtheiligen Friedeu schloß,
um seiue Kriegsmacht am Rheiue gegeu die Franzosen ver-
wendeu und ihren Friedensbrnch rächen zu köuuen.

Es war aber zu spät. Bis der unbehilfliche Neichskörper
in Bewegung kam, hatte der Feind schon Philippsburg,
Frankeuthal, Maunheim und Heidelberg eingenommen
und seine Streifkorps bis nach Franken und Schwaben aus-
gesendet. Und als endlich die sächsischen, fränkischen und schwä-
bischen Kreistruppen, etwa 15,000 Mann stark, unter der Füh-
rung des Kurfürsten Johauu Georg von Sachsen, dem
Neckar und Rheine sich näherten, diente es nur dazu, den Kö-
uig Ludwig zu jenem unmeuschlichen Gefehle zu veraulassen,
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