Adressbuch der Stadt Heidelberg nebst den Stadtteilen Neuenheim und Schlierbach für das Jahr 1902 — Heidelberg, 1902

Seite: 462
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aber ein solcher im Gebiete des deutschen Reichs nicht stattgefunden hat, von der
Polizeibehörde des von ihm zuerst erwählten deutschen Arbeitsortes kosten- und
stempelfrei ausgestellt. Die Ausstellung erfolgt auf Antrag oder mit Zustimmung
des Vaters oder Vormundes; ist die Erklärung des Vaters nicht zu beschaffen, oder
verweigert der Vater die Zustimmung ohne genügenden Grund und zum Nachteile
des Arbeiters, so kann die Gemeindebehörde die Zuftimmung desselben ergänzen.
Vor der Ausstellung ist nachzuweisen, daß der Arbeiter zum Besuche der Volks-
schule nicht rnehr verpflichtet ift, und glaubhaft zu machen, daß bisher ein Arbeits-
buch für ihn noch nicht ausgestellt war.

§ 111. Bei dem Eintritte des Arbeiters in das Arbeitsverhältnis hat der Ar-
beitgeber an der dafiir bestimmteu Stelle dcs Arbeitsbuches die Zeit des Eintrittes
und die Art der Beschäftigung, am Ende des Arbeitsverhültnisses die Zeit des Aus-
trittes und, wenn die Beschäftigung Aenderungen erfahren hat, die Art der letzten Be-
schäftigung des Arbeiters einzutragen.

Die Eintragunaen sind mit Tinte zu bewirken und von dem Arbeitgeber zu
unterzeichnen. Sie dürfen nicht mit einem Merkmale versehen sein, welches den Jn-
haber des Arbeitsbuches günstig oder nachteilig zu kennzeichnen bezweckt.

Die Eintragung eines Urteils über die Führung oder die Leiftungen des Arbeiters
und sonstiae durch dieses Gesetz nicht vorgesehene Eintragungen oder Vermerke in oder
an dem Arbeitsbuche sind unzulässig.

§ 113. Beim Abgange können die Arbeiter ein Zeugnis über die Art und Dauer
ihrer Beschäftigung fordern. Dieses Zeugnis ist auf Verlangen der Arbeiter auch auf
ihre Führung auszudehnen.

8 114. Auf Antrag des Arbeiters hat die Ortspolizeibehörde die Eintragung in
das Arbeitsbuch und das dem Arbeiter etwa ausgestellte Zeugnis kosten- und stempel-
frei zu beglaubigen.

§ 115. Die Gewerbetreibenden sind verpflichtet, die Löhne ihrer Arbeiter bar in
Reichswährung auszuzahlen.

Sie dürfen denselben keine Waren kreditieren. Die Verabfolgung von Lebens-
mitteln an die Arbeiter fällt, sofern sie zu einem die Anschaffungskosten nicht über-
steigenden Preise ersolgt, unter die vorstehende Bestimmmig nicht; auch können den
Arbeitern Wohnung, Feuerung, Landnutzung, regelmäßige Beköstigung, Arzneien und
ärztliche Hilfe, sowie Werkzeuge und Stoffe zu den ihnen übertragenen Arbeiten unter
Anrechnung bei der Lohnzahlung verabfolgt werden.

ß 115 a. Lohn- und Abschlagszahlungen dürfen in Gast- und Schankwirt-
schaften oder Verkaufsstellen nicht ohne Genehmigung der unteren Verwaltungs-
behörde erfolgen; sie dürfen an Dritte nicht erfolgen auf Grund von Rechts-
geschäften oder Urkunden über Rechtsgeschäfte, welche nach 8 2 des Gesetzes, be-
treffend die Beschlagnahme des Arbeits- oder Dienftlohnes, vom 21. Juni 1869
(Bundes-Gesetzbl. S. 242) rechtlich unwirksam sind.

II. Verhältnisse der Gesellen und Gehilfen.

8 121. Gesellen und Gehilfen sind verpflichtet, den Anordnungen der Arbeit-
geber in Beziehung auf die ihnen übertragenen Arbeiten und auf die häuslichen
Einrichtungen Folge zu leisten; zu häuslichen Arbeiten sind sie nicht verbunden.

8 122. Das Arbeitsverhältnis zwischen den Gesellen oder Gehilfen und ihren
Arbeitgebern kann, wenn nicht ein anderes verabredet ist, durch eine jedem Teile
freistehende, vierzehn Tage vorher erklärte Aufkündigung gelöst werden.

Werden andere Aufkündigungsfristen vereinbart, so müffcn sie für beide Teile
gleich sein. Vereinbarungen, welche dieser Bestimmung zuwiderlausen, sind nichtig.

8 123. Vor Ablauf der vertragsmüßigen Zeit und ohne Aufkündigung köunen
Gesellen und Gehilfen entlassen werden:

1. Wenn sie bei Abschluß des Arbeitsvertrages den Arbeitgeber durch Vorzeigimg
falscher oder verfälschter Arbeitsbücher oder Zeugnisse hintergangeu oder ihn
über das Beftehen eines anderen, sie gleichzeitig verpflichtenden Arbeitsver-
hältnisses in einen Jrrtum versetzt haben;
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