Amelung, Arthur   [Hrsg.]; Jänicke, Oscar [Hrsg.]
Ortnit und die Wolfdietriche: nach Müllenhoffs Vorarbeiten (Deutsches Heldenbuch) (3. Teil, 1. Band): Monographie — Berlin, 1871

Seite: XXXVI
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XXXVI Einleitung

sprach aber Alberich unterbrochen, auch in Albrechts Virginal sind die
reden beliebt, aber sie erhallen eine solche ausdehnung, dass sie selbst wie-
der zu weit ausgesponnenen erzählungen werden, hier dagegen findet ein
so rasch wechselnder dialog statt, dass der dichter häufig auch die epische
einführung der redenden person ganz weglässt. es herscht in diesen dia-
logen, namentlich im Ortnit, durchweg ein rascher lebhafter conversations-
ton, der zwar mitunter im ausdruck unedel und trivial erscheint, aber im
ganzen durch Ungezwungenheit und frische gefällt, der dialog im Wolf-
dietrich steht an beivegtheit und lebendigkeit gegen den Ortnit etwas zurück;
es ist im ganzen dieselbe weise, aber in geringerer ausbildung.

Was die erzählungsweise besonders von der höfischen kunst unter-
scheidet und sie dem volksepos näher bringt, ist der gänzliche mangel an
ausführlichen Schilderungen und beschreibungen. nirgends begegnen die
beliebten darstellungen von hoffesten und die weitläufige auf Zählung kost-
barer kleiderstoffe. die knapp gehaltenen Schilderungen, die bisweilen be-
gegnen, erheben sich nicht über einige herkömmliche formein. gewöhnlich
reicht ein kurzer vergleich aus (anm. zu Ortn. 46,2). sogar an eigentlichen
kämpf Schilderungen fehlt es; die massenbewegungen die hier stattfinden
Hessen auch keine so individuelle darstellung zu wie die einzelkämpfe des
volksepos. überhaupt aber bewegen sich diese dichter, wo sie nicht die per-
sonen reden lassen, sondern selbst erzählen und schildern, fast nur in
phrasen der spielmannspoesie und der epischen lieder. sie stehen an eigent-
lichem erzählerlatent gegen ihren zeit- und kunstgenossen Albrecht von
Kemenaten auffallend zurück, der periodenbau ist in solchen partien oft
erstaunlich ungeschickt und monoton, wie an Schilderungen so fehlt es bei
beiden dichtem an reflexionen {im Wolfd. 255 nur in primitivster weise),
die kurzen Sentenzen, die häufig den redenden personen in den mund ge-
legt werden (Ortn. 29,3. 32,4. 70,4. 74,2. 77,4. 102. 145,2. 154,2. 156,3.
237,1. 242,2—4. 243,1. 2. 247,2. 276,2. 320. 346,3.518,1. Wolfd.
87,3. 199,3. 264. 284,3. 285,3. 4. 311. 372,4. 374,2. 397,2. 3. 407,4.
409,3. 412,4. 488,3) enthalten nicht eigene und neue gedanken des dich-
ters, sondern nur landläufige Spruchweisheit (siehe die anm.).

. Wus die äussere form der gedichte betrifft, so habe ich auf die Über-
einstimmung im strophenbau schon hingewiesen, auch die einteilung in
äventiuren (Wolfd. 33,3) mit wiederkehrender schlussformel ist dieselbe,
als beiden gedichten gemeinsam sind ferner hervorzuheben die cäsurreime,
die der dichter, wo sie sich ungesucht einstellen, als willkommenen schmuck
verwendet, genau reimen Ortn. 27,1. 2. 34,1. 2. 84,3. 4. 86,1. 2. 87,1. 2.
94,1.2. 127,1.2. 154,3.4. 170,3. 4. 247,1. 2. 250,1.2. 349,3.4.
380.1. 2. 401,1. 2. 448,1. 2. 454,1. 2. 597,3.4. Wolfd. 64,1. 2.71,1.2.
77,1.2. 156,1.2. 171,3.4. 238,1. 2. 332,1. 2. 336,3. 4. 337,3. 4.
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