Amelung, Arthur   [Hrsg.]; Jänicke, Oscar [Hrsg.]
Ortnit und die Wolfdietriche: nach Müllenhoffs Vorarbeiten (Deutsches Heldenbuch) (3. Teil, 1. Band): Monographie — Berlin, 1871

Seite: LXIV
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LXIV Einleitung

würde allein nicht die unechtheit des fünften liedes beweisen, denn die spiel-
mannspoesie liebt die anhangsartige Variation der früher erzählten aben-
teuer, wie Müllenhoff deutsche altertumskunde 1,39 am Ruther Morolt
Orendel gezeigt hat; und sicherlich ist das fünfte lied dieser manier zu liebe
gedichtet, die unechtheit desselben ergibt sich aus den zahlreichen nach-
ahmungen früherer verse die sich deutlich von den nachher zu erwäh-
nenden formelhaften Wendungen des gedicktes unterscheiden und aus der
Häufung der märchenhaften demente die in den andern gedickten vor
Wolfdietrich unbekannt sind, zumeist sind die verse die der ärmliche
dichter entlehnt natürlich aus II genommen: 797,3 aus 396,3. 4; 801,2
aus 433,3; 801,3. 4 ans 427,3. 4; 804,3. 4 aus 419,2; 812,1 aus 439,9.
vgl 557,1; 812,3-813,2 aus 438,3—439,2; aber auch aus III: 806,3. 4
aus 538,1. 2 und aus IV: 827,1 aus 787,3. nachlässig ist die erzählung
von dem ganz unmotivierten zorn Billnngs 813,3 wenn nicht etwa vor
dieser zeile etwas ausgefallen ist das dem in 439,3—440,2 erzählten ent-
sprach, in beiden zioergmärchen werden die wunder gehäuft: die linde mit
den hundert vögeln auf goldenen röhren 808, die ein eherner mann mit
zwei wunnesamen blasbälgen singen lässt, der goldene mann mit zwei
wunnesamen giesskannen 811, sodann die drei wunder die Tarnungs söhn
hat: die zwölf mädchen und der cederbaum in der linde 827 f., die wun-
derbare büchse 832 und das hörn 837. die büchse und das hörn finden
sich in Grimms kinder- und hausmärchen nr. 54 wieder, vgl. die an-
merkungen 3,90 f.; nur ist hier statt der büchse ein ranzen genannt, das
erste ist ein tischlein deck dich, an das der wein im Wolfdietrich 830,2
einigermassen erinnert; die mädchen und die ceder in der linde scheinen
eine entstellung des märchens zu sein, eine andere erklärung von Lieb-
recht s. Germ. 14,237. büchse und hörn gebraucht Wolfdietrich allerdings
später 852. 922 f., aber wahrscheinlich ist der bearbeiter des Schlusses der
dichter des fünften liedes und brachte diese beziehungen auf V erst in das
sechste lied. Wolfdietrich A und D wissen weder von dem kämpfe au der
Dülmende etwas noch von dem wunder bei der besiegung der brüder in
Constantinopel.

Die Untersuchung ob die andern lieder von einem dichter herrühren,
wird sehr erschwert durch die eigentümliche beschaffenheit der Überliefe-
rung, die beiden ersten lieder stimmen in der ganzen art der darstellung
sowie in der spräche und in der behandlung des verses vollkommen überein,
so dass sie mit Sicherheit demselben dichter zuzuschreiben sind, in III. IV.
VI zeigt sich metrisch wie stilistisch eine ganz andere manier: wieviel davon
auf die schlechte Überlieferung kommt, ist nicht ganz sicher zu bestimmen,
da im anfang des dritten liedes die beste hs. B abbricht, doch sind die dif-
ferenzen gegen I. II so gross dass man für III. IV. VI selbst dann einen
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