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http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/Jerchel1932/0037
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Heinrich Jerchel
Die Hügel davor und die Baumkronen sind grün, in den verschiedensten Schattierungen zwischen gelb und
blau. Dieselben Farbtöne zeigt der Grasboden. In lebhaften Farben heben sich davon die buntgekleideten
Reiter ab, denen auf der anderen Bildseite die grau-weiße Kapelle mit ihrem karminroten Dach entspricht.
Ungemein dunkel wirken daneben die schwärzlichen Kutten der Mönche. Das ganze Bildchen unterscheidet
sich sehr von den Baseler Illustrationen der Frühzeit. Es ist ein wirkliches kleines Gemälde mit Rahmen
und ähnlich angelegt wie die französischen Buchmalereien. Aus dem Wappen ergibt sich, daß es auf Veranlassung
von Otto III. von Hachberg-Sausenberg geschaffen wurde. Seit 1411 war dieser Bischof von Konstanz
, durch seine Familie stand er in Beziehungen zu den Grafen von Burgund104. Man könnte deshalb
annehmen, das Werk eines wandernden Buchkünstlers aus dem Kreise des Jacques Coene oder des Hänslein
von Hagenau vor sich zu haben; doch gibt es einen verwandten Altarflügel des Bodenseegebiets.
Dieser Flügel befindet sich im Konstanzer Rosgartenmuseum und trägt auf der Vorderseite
eine Darstellung der Vermählung Maria, auf der Rückseite eine solche mit der Anbetung des
Christkindes105. Der Kopf Gottvaters auf dem Anbetungsbilde erinnert an das Haupt des Hierony-
mus der Miniatur. Der Stall ist ähnlich in den Bildraum gestellt wie die Kapelle; seine vordere Holzsäule
überschneidet einen Teil der Gestalt des Joseph. Zweifellos ist der Altarflügel ein Jahrzehnt früher gemalt
als das Karlsruher Jeronianum. Aber die für das 15. Jahrhundert typische Wirklichkeitsfreude, die eigene
Beobachtung an Stelle der althergebrachten Formtraditionen äußert sich in der Darstellung der Hütte, der
Josephsgestalt und des Gewölbes mit der Engelsplastik. Das beweist, daß die Bodenseekunst um 1400 schon
auf einer außerordentlich hohen Stufe stand, der man ein reichliches Jahrzehnt später wohl ein Bildchen wie
die Hieronymusminiatur zutrauen darf.
Etwa um die gleiche Zeit wie dieses entsteht die sogenannte T ogge n b u r g bi be 110°. Sie ist eine
Abschrift von Teilen der Weltchronik des Rudolf v. Ems und befindet sich mit der Inv. Nr. 78 E. 1 im
Berliner Kupfer Stichkabinett. In Liechtenstaig, in der Stadt der Grafen von Toggenburg, wurde
sie von Herrn Diettrich 1411 für den Grafen Friedrich VII. und seine Gemahlin „am fritag in d' wochen ze
phinsten" zu Ende geschrieben. Wir haben somit ein festes Datum für die Entstehungszeit ihrer 142 Bilder
und dürfen annehmen, daß auch diese nicht zu fern von Liechtenstaig und sicher im Bodenseegebiet entstanden
sind. Somit ist sie zum Ausgangspunkt für die Betrachtung der Buchmalereien dieser Gegend zu wählen.
Ihre Bilder sind von einer Hand in Deckfarben auf Pergament gemalt. Sie sind gerahmt, doch wird
der Rahmen häufig von hinausragenden Bildteilen überschnitten. Darin stimmen sie mit den Weltchroniken
des 14. Jahrhunderts überein, und ikonographisch haben ihre Illustrationen besonders enge Beziehungen
zu dem Züricher Rudolf v. Ems aus Kloster Rheinau. Das sagt schon Zemp, der eine der Züricher
Szenen (Jakobs Auszug) neben derselben der Toggenburgbibel abbildet107. (Hier ist es fol. 62.) Komposition
und Inhalt stimmen auf beiden Bildern im wesentlichen überein, doch groß sind die formalen Unterschiede:
Das Bodenstück nimmt bei dem älteren Bilde nur ein Fünftel des Bildganzen ein, bei dem der Toggenburgbibel
über die Hälfte. Die so erreichte größere Ausdehnung der Bildbühne erlaubt das Dargestellte breiter zu
entfalten. Während die Tiere im Züricher Kodex im Zuge hintereinander schreiten, sind sie auf dem Bilde
104 Ganz, 1924, S. 28.
105 Brandt, 1912, S. 91 f.; Wingenroth und Groeber, Abb. 2 u. 3, Text S. 74; Ganz, 192-4, S. 24 ff., Tafel I u. IL
Joe yg^ fas beschreibende Verzeichnis am Schluß.
10T Zemp, 1897, Abb. 4 u. 5.
52
Die Hügel davor und die Baumkronen sind grün, in den verschiedensten Schattierungen zwischen gelb und
blau. Dieselben Farbtöne zeigt der Grasboden. In lebhaften Farben heben sich davon die buntgekleideten
Reiter ab, denen auf der anderen Bildseite die grau-weiße Kapelle mit ihrem karminroten Dach entspricht.
Ungemein dunkel wirken daneben die schwärzlichen Kutten der Mönche. Das ganze Bildchen unterscheidet
sich sehr von den Baseler Illustrationen der Frühzeit. Es ist ein wirkliches kleines Gemälde mit Rahmen
und ähnlich angelegt wie die französischen Buchmalereien. Aus dem Wappen ergibt sich, daß es auf Veranlassung
von Otto III. von Hachberg-Sausenberg geschaffen wurde. Seit 1411 war dieser Bischof von Konstanz
, durch seine Familie stand er in Beziehungen zu den Grafen von Burgund104. Man könnte deshalb
annehmen, das Werk eines wandernden Buchkünstlers aus dem Kreise des Jacques Coene oder des Hänslein
von Hagenau vor sich zu haben; doch gibt es einen verwandten Altarflügel des Bodenseegebiets.
Dieser Flügel befindet sich im Konstanzer Rosgartenmuseum und trägt auf der Vorderseite
eine Darstellung der Vermählung Maria, auf der Rückseite eine solche mit der Anbetung des
Christkindes105. Der Kopf Gottvaters auf dem Anbetungsbilde erinnert an das Haupt des Hierony-
mus der Miniatur. Der Stall ist ähnlich in den Bildraum gestellt wie die Kapelle; seine vordere Holzsäule
überschneidet einen Teil der Gestalt des Joseph. Zweifellos ist der Altarflügel ein Jahrzehnt früher gemalt
als das Karlsruher Jeronianum. Aber die für das 15. Jahrhundert typische Wirklichkeitsfreude, die eigene
Beobachtung an Stelle der althergebrachten Formtraditionen äußert sich in der Darstellung der Hütte, der
Josephsgestalt und des Gewölbes mit der Engelsplastik. Das beweist, daß die Bodenseekunst um 1400 schon
auf einer außerordentlich hohen Stufe stand, der man ein reichliches Jahrzehnt später wohl ein Bildchen wie
die Hieronymusminiatur zutrauen darf.
Etwa um die gleiche Zeit wie dieses entsteht die sogenannte T ogge n b u r g bi be 110°. Sie ist eine
Abschrift von Teilen der Weltchronik des Rudolf v. Ems und befindet sich mit der Inv. Nr. 78 E. 1 im
Berliner Kupfer Stichkabinett. In Liechtenstaig, in der Stadt der Grafen von Toggenburg, wurde
sie von Herrn Diettrich 1411 für den Grafen Friedrich VII. und seine Gemahlin „am fritag in d' wochen ze
phinsten" zu Ende geschrieben. Wir haben somit ein festes Datum für die Entstehungszeit ihrer 142 Bilder
und dürfen annehmen, daß auch diese nicht zu fern von Liechtenstaig und sicher im Bodenseegebiet entstanden
sind. Somit ist sie zum Ausgangspunkt für die Betrachtung der Buchmalereien dieser Gegend zu wählen.
Ihre Bilder sind von einer Hand in Deckfarben auf Pergament gemalt. Sie sind gerahmt, doch wird
der Rahmen häufig von hinausragenden Bildteilen überschnitten. Darin stimmen sie mit den Weltchroniken
des 14. Jahrhunderts überein, und ikonographisch haben ihre Illustrationen besonders enge Beziehungen
zu dem Züricher Rudolf v. Ems aus Kloster Rheinau. Das sagt schon Zemp, der eine der Züricher
Szenen (Jakobs Auszug) neben derselben der Toggenburgbibel abbildet107. (Hier ist es fol. 62.) Komposition
und Inhalt stimmen auf beiden Bildern im wesentlichen überein, doch groß sind die formalen Unterschiede:
Das Bodenstück nimmt bei dem älteren Bilde nur ein Fünftel des Bildganzen ein, bei dem der Toggenburgbibel
über die Hälfte. Die so erreichte größere Ausdehnung der Bildbühne erlaubt das Dargestellte breiter zu
entfalten. Während die Tiere im Züricher Kodex im Zuge hintereinander schreiten, sind sie auf dem Bilde
104 Ganz, 1924, S. 28.
105 Brandt, 1912, S. 91 f.; Wingenroth und Groeber, Abb. 2 u. 3, Text S. 74; Ganz, 192-4, S. 24 ff., Tafel I u. IL
Joe yg^ fas beschreibende Verzeichnis am Schluß.
10T Zemp, 1897, Abb. 4 u. 5.
52
Persistente URL:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/Jerchel1932/0037
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/Jerchel1932/0037







