Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 1): Monographie — Berlin, 1891

Seite: 13
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25. 26. TEMPEL DER ROMA UND DES AUGUSTUS
AUF DER AKROPOUS VON ATHEN.

Von diesem bei keinem antiken Schriftsteller erwähnten Bau-
werk waren bis vor kurzem nur einige Blöcke eines kreisförmig
gestalteten Arclütravs bekannt, welche sich auf dem Plateau des
Burgfelsens östlich vom Parthenon befanden. Einer dieser Blocke
trägt die bereits von Cyriacus von Ancona copirte Weihung an
die Göttin Roma und den Kaiser Augustus (C. /. A. 111, 63).
Die Skizze eine.? Arehitravblocks und die daraus abgeleitete Rc-
construetion des ganzen Architravringcs nebsi einigen Maafsan-
gaben findet .sich in Fauvels Aufzeichnungen ^Paris, ßibl. naliöatile,
Mscr. fr. 22877, Fol. 15 R). 1833 gab Ludwig Rofs (vergl.
Arch. Aufsätze I, S. 113. 272I Nachricht von den wiedergefundenen
Resten des Tempels, dessen 1 'urdum-sser i-r auf etwa 20 l"111V
schälzte. wie auch Heule (/'. \<rof»>k J'. i/fthics II, S. 206 ff), welcher
ilrei Aixhitravstticke kennt.

Die durch die Rundform der Bauglicder erleichterte Auf-
findung weiterer dem Tempel zugehöriger Stücke ermöglicht mir
auf Tafel 25 und 26 den Versuch einer Reconstruction zu geben.

Wie die Ansicht der Unter fläche eines auf Tafel ?6 gezeich-
neten Architravstücks erkennen litsst. ist es sicher, dass der Archi-
trav von freistehenden Säulen gelragen wurde. Ausser den er-
haltenen Spuren der Kapitell-Oberfläche ilii'ru die glatte Bearbeitung
der Architrav-Unterseite zum Beweise hierfür. Mit der Länge
der einzelnen Blocke ist mithin auch die Breite der lntercolumnien
gegeben. Von vier erhaltenen Archilravlilöckcn /.eigen drei fast
gleiche Länge, während der vierte, die Inschrift tragende Block
beträchtlich länger ist. Setzt man diesem breiteren Eingangs-
Intcrcoliimnium ein gleich breites an der Rückseile des Tempels
gegenüber, so geht die Länge der kleinenn Ardütravblocke nicht
in die Länge der übrig bleibenden Stücke des KreisumTanges auf.
Nimmt mau dagegen nur ein breileres und acht schmalere lnter-
columnien an. so entspricht das für die letzteren sich ergebende
Breitenmaass ziemlich genau der durchschnittlichen Länge der
kleineren Architravblocke. Es scheint mir hiemach gesichert, dafs
der Tempel neun Säulen hatte, von denen die zu beiden Seiten
des Eingangs befindlichen weiter aus einander gestellt waren. Ein
mit einem Kyma und einem Perlstabe versehenes Geison erwies sich
durch gleiche Arbeit und entsprechende \laafse als zugehörig, ebenso
ein Stück einer Oberstufe, auf welchem die Standspur einer
Säulenbasis mit zwei Dübellödiorn erhallen ist. Hierzu wieder
fand sich eine Säulenbasis, welche entsprediende \laafse und gleiche
Bearbeitung, sowie zwei den vorigen ähnliche I Hilicllöcher aufwies.
Die Basis ist durchaus den Säulenbasen von der Westseite des
Erechtheions nachgebildet, nur dafs von den horizontalen Rie-
felungen des obersten Rundstabes bei unserer Basis nur die zwei
untersten zur Ausführung gekommen sind. Auch Architrav und
Geison des Roma-Tempels sind nach dem Muster der entsprechen-
den Bauglieder des Erechtheions gestaltet I liese Beobachtung

führte dazu, auch eine Reihe von ionisch' n K.i:■iti-ili-n. welche den-
jenigen des Erechtheions unmittelbar nachgebildet sind, aber sehr
flüchtige Arbeit zeigen, dem Bau zuzuweisen. Es ergab sich femer,
dafs die Maafse des Abacus mit den auf tler Architrav-Unterfläche er-

AOTIKK IJmiliM.lBl.Btt 1*88.

thfi.

= Obi



Unlerstiicke mit dem Hals des Kapitells \wv\ mit der Säulenbasis
zusammenpassen. Eine vollständige Süuie iiefs sich allerdings
nicht zusammenstellen, sodafs in der reslaurirlen Gesammtansicht
die Säulenhöhe nicht als gesichert gelten kann. Ich habe dieselbe
nach dem Verhältnifs der Ercchlheionsäulen augesetzt und nach
difltei Vorbilde auch das Geison in seinem vor das Kyma aus-
ladenden Theilc, der bei dem vorhandenen Gcisonstück abge-
brochen ist, ergänzt. Alle erhaltenen Bauslücke bestehen aus
pL-nlclischem Marmor.

In der Restauration frei hinzugelugt ist die Sima. Die Zahl
der Tempelstufen ist nicht gesichert; vielleicht war noch eine
dritte Stufe vorhanden, Für die Bedachung habe ich die Form
eines einfachen Zeitdaches angenommen. 1 lie ('.nindrilsuiaafse
des Tempels sind immerhin so grofs, dafs man im Innern des
Säulenkreises eine Cclla mit kreisrunder Mauer reconstruireu
könnte. Es würde, wenn man tlie Breite des Einganges und der
Gcilamaucr von der inneren Architravkantc ab mit rund 1 m an-
nimmt, ein innerer Durchmesser der Cella von .1,55 m verbleiben.
Ich habe es aber vorgezogen, den Tempel als freie Säulenhalle
ohne Cclla zu reconstruireu, weil von Quadern der Cellamauer
keine Spur erhalten ist. Ein zwingender Beweis gegen das ein-
stige Vorhandensein einer Cellamauer ist jedoch keineswegs bei-
zubringen.

Dafs der 'Tempel ösilich vom i'anhenon gestanden habe, ist
der Lage der vorhandenen Werkstücke nach seil Kofs immer an-
genommen: aber genau ist der Platz erst durch die Ausgrabungen

Porosblöcken bestehendes, durch geschichtetes Fundament von
nahezu quadratischer Grundform (rd. 11 m zu 12 m) freigelegt
wurde, das östlich vom Parthenon in dessen Längenaxe ge-
legen und von der Oberstufe desselben 21,30 m entfernt ist. In
dessen tieferen, bis auf den Fels herabreichenden Schichten, die
aus um-ege]massigen Steinen bestehen, fanden sich neben sehr
altem Material auch Siücke lungeren Ursprungs verbaut, so In-
schriften, deren jüngste nach Lollings Datirung dem Ende des
vierten Jahrhunderts angehört, sowie ein vom Erecht hei 011 stam-
mender CcisonUock. der bei irgend einer baulichen Veränderung
an diesem Tempel von seinem Platz entfernt sein mnfs. Es ist ntm-

■Sdllos

1 diese

i bete

zeichneten Fundament dasjenige eines Albe na-Altars, welcher mit
dem Parthenon gleich/eilig sein müfste, zu erkennen .vergl. Beule
a. a. O. II, S. 20S); vielmehr spricht die Lage der erhaltenen Ar-
ch itravstücke. welche auf diesem Fundament oder in dessen un-
mittelbarer Nähe gefunden wurden, sowie die Construction und
die Gröfse desselben dafür, dafs es dem 'Tempel der Roma und
des Augustus zugehörte.

Athen. Georg Kawerau.
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