Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 1): Monographie — Berlin, 1891

Seite: 47
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Punkt-Rosetten versierter Streifen befindet. Bei den Vögeln sind
die Oberteile der Schnäbel und Flügel sowie der Schwanzansata
meist braunviolett aufgehöht. Unterhalb des GefÜfsrandes befinden
sieb in Abständen von 5—6 cm kleine warzenförmige Erhebungen,
über welche «n Spmlenßrnament so gezeichnet ist, dafs jede
zweite Spirale eine solche Erhebung bedeckt. Die Vorderseite
der Henkel ist aufsen mit einem breiten Mäander eingefafst; die
struktive Form derselben wird auch noch durch ein kurzes wage-
rechtes Mäanderstück ausgedrückt, das dem oben erwähnten Steg
entspricht. In die so entstandenen Felder ist beiderseits oben
eine Eule, unten ein Schwan gezeichnet. Bei dem Henkel rechts
sind die sechs Blätter der räum füllenden Rosetten abwechselnd
schwär/, und brannvidclt, anfserdem ist der obere Teil der Flügel
bei Eule und Schwan, sowie de* Schwaraansatz in letzterer Farbe
aufgehöht, Links fehlt die entspreehenele Anfhöhung durch Nach-
lässigkeit, wie auch auf i'iciu linkt n i<ii» U.-nsi:. if'-n des 1 [alshildes
und dem Gesicht der einen Gorgonc.

Die Hauptdarstellung des Gefafses befindet sich auf dem
Halse desselben (Tafel 57), an beiden Seiten eingefafst von einem
Mäanders!reifen und RoscUcnhnnd. Wir sehen Herakles auf den
Kenlauren Nessos einstürmen, welcher auf der Flucht begriffen
ist und von seinem Gegner so heftig in den Rücken getreten
wird, dafs seine Kniee einzuknicken scheinen. Her Kentaur Wendel
das menschlich gestaltete Oberteil dem Herakles /u und erhebt
Hebend die Arme /.um Gesicht desselben; dieser hat ihn am Haar
ergriffen und bedroht ihn mit dem Schwert, wie dies im Gegen-
satz zu der lütcrarischcn Uebcrhcfcrung .Lies. Sophokles, Trachi-
nicrlnnen V. 55S f.), welche als Waffe des I lerakles hier nur Bogen
und Pfeil kennt, in den älteren Darstellungen neben der nur selten
vorkommenden Keule üblich ist (vgl. Stephani im Comfik-rauht

1865 S. 102fr., 1S73 S. 87fr.; Furtwängler in Roscher's Lexikon

I, 2 S. 2194): das I.öwcnfcll fehlt auch hier. Bemerkenswert isl
auch, dafs Dciancira nicht dargestellt isl: die Deutung ist je-
doch durch die beigefügten Namen gesichert. Der Namen des
Jgv'JIAlaB ist völlig erhalten, der des f^TOS durch ein
kleines ausgesprungenos Stück so verstümmelt, wie es die Abbil-
dung zeigt. Dafs letzterer Name V<';(')o,', attisch = Niatsos, zu
lesen sei, ist einleuchtend.

Die Anordnung des Bildes ist recht ausdrucksvoll, doch hat
der Künstler sich manche [ 'ngenauigkoilen zu Schulden kommen
lassen. Besonders auffallend ungeschickt ist die Haltung <\vx
Hände des Kentauren, dessen Kopf dem Herakles abgewendet
ist, obgleich er demselben flehend die Arme entgegen streckt.
Die ungeschickte Biegung der Pferdebeine ist nur teilweise durch
den Stofs, den Xessos empfängt, motivirt, und offenbar durch
Rau mzwatig veranlaßt.

. ™s

In der Wiedergabe des Bildes auf Taf. 57 ist wie bei dem
anderen alles ergänzt worden, was sich mit Sicherheit ergänzen

liels: im ilje ursprüngliche Grenze, besonders der braunviololtcn
Farbe, nicht festgestellt werden konnte, ist der augenblickliche
Erhaltungszustand wiedergegeben. Dies gilt besonders vom Bart
des Herakles, bei dem eine gewisse Unklarheit durch das Fehlen
des oberen Umrisses des Backenbartes bei deutlich umrisseneui
Kinn entsteht. Ein Backenbart ist aber, schon wegen der sicheren
Reste des Kinnbartes (in der Hand des Kentauren) zweifellos an-
zunehmen, der dann auch hier durch den Farbcuumcrschicd ge-
nügend ausgedrückt schien. Am oberen Ende des Schwertge-
hänges ist die untere Umrifslinie ein Versehen, das durch Über-
mal ung mit Braunviolett verdeckt war.

Unter diesem Müde befindet sich das schöne altertümliche
Palmetten-Lotos-Band, von dem eine Probe auch auf der Tafel
erseheint; dasselbe läuft sich beiderseits an den Henkeln tot. Die
Kugeln, welche jedesmal an der Verbindungsstelle von Palmette
und Lotos erscheinen, sind in der Firnifsmalerei nicht vorgesehen.
Hier steht also Braunviolett z. T. unmittelbar auf dem Thtwgrund.
Auf dem Bauche des Gefafses sind die drei Gorgonen dar-
gestellt, von denen die Meduse kopflos erscheint; mit zusammen-
gefalteten Flügeln, mit der einen Hand ihr Knie fassen'd, sinkt
sie zusammen. Ihrem Halse entströmt Blut, welches mit Braun-
violelt unmittelbar auf den Tliongrimd gemalt ist. Die beiden
anderen Gorgonen sind in dem gewöhnlichen l.aufschcma der
archaischen Kunst gebildet: die Flügel sind aufgerichtet. Sic
tragen den in t\<;\- ältesten attischen Kunst für sie typischen kurzen
gegürteten Chiton (vgl, Furtwängler in Roscher's Lexikon 1, 2,
der für diese eilig laufenden Däninnen besonders passend
Gewand liegt so eigentümlich auf der Brust auf, dafs
es fast ein Teil der Flügel zu sein scheint, in welche es übergeht;
ganz unnatürlich ist der linke Arm der minieren Gorgono, welcher
lunter dein Flügel herauskommt, anstatt vor demselben zu er-
scheinen.

Über der /u^mimeiistnkenden Meduse befindet sich ein her-
abslofsender Raubvogel, welcher den hier leer bleibenden Raum
trefflich ausfüllt. Eine Andeutung des Chrysaor und Pegasos
findet sich nicht; noch auffälliger ist es, dafs Perseus fehlt. Denn
offenbar stellt unser Bild den Moment nach der Tötung der Me-
duse dar, als sich die beiden Schwestern Stheno und Euryale
auf die Verfolgung des mit Windeseile davon fliehenden Per-
seus bugeben. An die Gegend des Ereignisses, die Gestade des
Okeanos im äufsersten Westen, hat 'li;y Künstler durch einen
besonderen Streifen I lelphine unter dem Bilde erinnert. Dar-
stellungen der Gorgonen in ganzer Gestalt sind sehr häufig in
der archaischen Kunst, besonders beliebt sind sie auch in rein
dekorativer Verwendung (Furtwängler in Roscher's Lexikon I, 2
S. 1711). Dieser Umstand mag das Fehlen des Perseus mit
eulschuldigen. Die ausführliche Darstellung, von der dies Bild
nur ein Teil ist, bot sicherlich aufsei-dem fliehenden Perseus noch
Athenn und Hermes, wie vor allem die stilistisch mit unserem
Gcfäfse nächst verwandte Schüssel von Agina (Arch. Zeitung 1SS2
Taf. 9. 10} zeigt. Dort ist das eine der beiden Vierecke, in
welche die ganze Darstellung /erlegt war, verloren, grade die
Scene, welche wir hier vor uns haben, während die hier fehlenden
Gestalten vorhanden sind. Wenn wir voraussetzen dürften, dafs
die Zerlegung der ganzen Darstellung in zwei Bilder etwas Üb-
liches war, so könnte auch dies zur Erklärung der Unvollständig-
keit unseres Vasenbildes benutzt werden. Die an sich mögliche
Annahme, dafs die /.weile Hälfte auf einem anderen Gcfafs an-
gebracht gewesen wäre, scheint uns aber ganz in der Luft zu
schweben.

Das Bild ist rechts und links ohne besonderen ornamentalen
Abschluß gelassen und greift links mit Flifs und Flügclspitze der
Meduse in den schwarz gefärbten Grund der hinteren Hälfte des
Gefafses ein. Der senkrechte, etwa l cm breite sehwar/e Streifen,
welcher die Vorder- und Rückseite des Gefafses trennen sollte
schneidet hier die Figur, um welche dann weiterhin umvgeluiäfsig
der Grund ausgespart ist, wie dies die ptinktinen Linien angeben.
Auf der anderen Seite, wo aufser der linken Hand der vordersten
Gorgone nur der Schwanz des letzten Delphins ins Schwarze
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