Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

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TAFEL 2-5. DER RUNDBAU IN EPTDAUROS.

Dieser kunsthistorisch wichtige und künstlerisch hervorragende
Bau wurde im Jahre 1882 von dem Generalephoros der Alter-
thümer, Herrn P. Kavvadias, auf Kosten der griechischen archäo-
logischen Gesellschaft ausgegraben. Die erste Veröffentlichung
seines Grundrisses und einiger seiner Bauglieder erfolgte durch
den Entdecker in den [IpaxTixa derselben Gesellschaft (für 1882
S. 77— 81 und Taf. 11). Um eine vollständigere Aufnahme zu
machen, besuchte ich im folgenden Jahre Epidauros und fertigte
die Pläne an, welche in den ITpcra-tx« für 1883 mit einem Texte
von P. Kavvadias (S. 49 — 50) veröffentlicht worden sind.

Im Jahre 1890 wurde die Tholos gleichzeitig von einem
französischen und deutschen Architekten sorgfältig aufgenommen.
Die Zeichnungen des ersteren, des Herrn Defrasse, sind noch
nicht publicirt. Zu der Arbeit des deutschen Architekten, des
Herrn R. Herold, gehören die vier Blätter, welche hier veröffent-
licht werden. Da Herr Herold sich verhindert sieht, den Text
zu den Tafeln zu schreiben, habe ich es übernommen, eine kurze
Erläuterung dazu zu geben. Eine ausführliche Arbeit über die
Tholos, wie ich sie schon früher beabsichtigt hatte, werde ich
im Anschliffs an die vor einiger Zeit aufgefundene Baurechnung des
Gebäudes demnächst im Jahrbuche des Instituts veröffentlichen.

Diese Inschrift, welche in der 'Etpr,[j.spk äpxaioXoYix-}) von 1892
von Herrn Ephoros Stäi's publicirt wird [S. 69 f.], enthält nicht nur
werthvolle Angaben über die Construction des Baues, sondern
gestattet uns auch, seine bisher unbekannte Bestimmung festzu-
stellen. Wie der Herausgeber und Entdecker der Inschrift richtig
erkannt hat, heifst das Gebäude in der Rechnung »Thymele« und
war also ein Opfergebäude, eine grofse Altaranlage; dafs sie
wahrscheinlich auch als gemeinsames Speiselocal für die Priester
und Beamten des Heilbezirkes diente, hat P. Kavvadias schon
früher aus den Gemälden geschlossen, welche sich im Inneren
befanden. Sie hatte also dieselbe Bestimmung wie die Tholos
in Athen, welche auch einen Altar enthielt und als Speisesaal
benutzt wurde. Der Erbauer der Tholos war nach Pausanias
(II, 27,3) der Künstler Polyklet, welcher jetzt auf Grund der Bau-
rechnung ins vierte Jahrhundert gesetzt werden mufs.

Tafel 2 enthält zwei Grundrisse der Tholos, von denen der
eine den jetzigen Zustand des Baues zeigt, der andere eine Er-
gänzung giebt, wie sie mit Hülfe der gefundenen Stücke des
Oberbaues mit Sicherheit hergestellt werden konnte. Erhalten
sind nur die unter der Erde befindlichen Mauern; der ganze
Oberbau, einschliefslich der Stufen, ist zerstört. Man unter-
scheidet in dem ersteren Grundrisse sechs ringförmige Mauern,
von denen die drei äufseren eine beträchtliche Stärke haben,
während die drei inneren bedeutend dünner sind. Die letzteren
sind aufserdem an ihrer Aufsenseite bearbeitet und von je einer
Thür durchbrochen, jene dagegen sind an ihren Aufsenseiten nicht
bearbeitet und müssen daher als unsichtbare Fundamentmauern
unter der Erde gelegen haben. Die Zwischenräume der inneren
Mauern sind durch die sie verbindenden Thüren und durch kleine
Quermauern zu einem einzigen labyrinthartigen Räume vereinigt,
dessen Zweck vollständig unbekannt ist. Wer an der Peripherie
den unterirdischen Raum betrat, musste alle Ringe durchlaufen,
um zu der Mitte zu gelangen. Irgend welche Spuren einer
Treppe, auf welcher man hinabsteigen konnte, sind allerdings
bisher nicht entdeckt worden.

Trotz der ejofsen Zerstöruno- des Baues ist die Erränzuno-
des Grundrisses, wie sie von Herrn Herold gezeichnet ist, voll-
kommen gesichert. Sie stimmt auch überein mit der Recon-
struetion, welche ich auf Tafel 3 der npoomxöt für 1883 gegeben
habe. Eine Ringhalle von .sechsundzwanzig dorischen Säulen um-
giebt den von einer geschlossenen Wand eingefafsten Innenraum,
welcher einen zweiten inneren Säulenring von vierzehn korinthi-
schen Säulen enthält. Der Fufsboden des mittelsten Kreises, wel-
cher zugleich die Decke des Labyrinthes bildete, bestand aus
schwarzen und weifsen Marmorplattcn, welche in kunstvollem
Muster zusammengefügt waren.

Der Eingang in die Tholos lag auf der Ostseite und war
auf den grofsen Altar gerichtet, dessen Unterbau südlich vom
Asklepios-Tempel aufgefunden ist. Von der steinernen Rampe,
auf welcher man zu dem Eingang hinaufsteigen konnte, sind noch
mehrere Quadern an ihrer alten Stelle; ein Teil ist im Mittelalter
durch einen Kalkofen zerstört worden. Der Durchmesser des
ganzen Gebäudes betrug im Fundament 21,76 m und in der
Oberstufe 20,18 m. Der Maafsstab der Abbildung ist nicht ganz
genau 1 : 100.

Auf Tafel 3 hat R. Herold einen Durchschnitt durch die
erhaltenen Reste des Unterbaues und durch den ergänzten Ober-
bau gezeichnet. Dieser ist durch eine hellere Tönung von jenem
unterschieden. Obwohl die Stufen sämmtlich fehlen, ist die Höhe
des Stylobates gesichert durch einige Fufsbodenplatten der Ring-
halle, welche hoch an ihrer alten Stelle liegen. Die Höhe des
Fufsbodens im Innenraum ist dagegen nicht genau bekannt, jedoch
wird man mit R. Herold anzunehmen haben, dass er um eine
Stufe höher lag als der äufsere Stylobat. Die Gesammthöhe des
Baues ist nach Analogie anderer Gebäude angenommen, indem
die Höhe der beiden Säulcnarten aus ihren unteren Durchmessern
berechnet ist.

Während die Zwischenräume zwischen der Cellawand und der
äufseren Säulenreihe einerseits und dem inneren Säulenkreise an-
dererseits mit steinernen Decken überspannt waren, von welchen
viele Reste gefunden sind, mufs der centrale Mittelraum eine
hölzerne Decke gehabt haben; denn erstens ist von einer steiner-
nen Decke nichts erhalten und zweitens kann der Mittelraum
wegen der Gestalt seines Abschlufsgesimses nicht ohne Decke
gewesen sein und nicht unter freiem Himmel gelegen haben. Da
die Form der Decke nicht bekannt ist, ist sie in der ergänzten
Zeichnung, welche nur die vollkommen gesicherten Bauteile wieder-
geben soll, nicht dargestellt worden.

Auf dieser Tafel ist auch die Gestalt des Labyrinthes zu
erkennen, dessen Mauern und Thüren th'eils durchschnitten, teils
in der Ansicht erscheinen. Die Thüren, welche oben bogenförmig
abgeschlossen sind, haben eine Höhe von 1,62 m, sind also für
Menschen nur zu benutzen, wenn diese sich etwas bücken. Die
brunnenartige Vertiefung, welche in dem Mittelraume des Laby-
rinths gezeichnet ist, war im Alterthume nicht vorhanden, sondern
ist von mir im Jahre 1883 behufs Untersuchung der Fundament-
tiefe gemacht worden; sie darf daher nicht als Beweis dafür an-
geführt werden, dafs sich in der Mitte ein Brunnen oder eine
Quelle befand; vergl. Bulletin de corr. hell. XIV S. 633.

Auf Tafel 4 sind Säule, Gebälk und Dach der äufseren
Ringhalle in gröfserem Maafsstabe dargestellt. Mit Ausnahme
der Sima und der Dachziegel, welche aus Marmor bestehen, sind
die sämmtlichen Bauglieder der äufseren Ringhalle aus porösem
Kalkstein hergestellt und waren mit einem feinen Kalkputz über-
zogen. Die dorische Säule hat einen fast geradlinigen Echinus
und mufs daher jünger sein als die Säulen des Parthenon. Das
dorische Gebälk zeigt die Form und die Proportionen, welche im
vierten Jahrhundert üblich waren, hat aber eine Eigenthümlichkeit,
welche bisher für diese Zeit noch nicht bekannt war, nämlich
reich skulptirtc Rosetten in den Metopen. Die wirkungsvoll
gearbeitete Sima mit ihren Löwenköpfeh, Ranken und Palmetten
erinnert lebhaft an die ähnlichen Simen des Tempels der Athena
in Tegea und des Leonidaion in Olympia, mit denen sie auch
ungefähr gleichzeitig ist. Mit Farben ist sie dargestellt bei L.
Fenger, Dorische Polychromie, Tafel VI, 11.

Tafel 5 zeigt die Säule und das Gebälk des Inneren, eben-
falls in gröfserem Maafsstabe. Die aus weifsem Marmor und in
höchster Vollkommenheit ausgeführten Akanthusblätter, Kymatien,
Perlschnüre und übrigen Ornamente dieser korinthischen Säulen-
ordnung gehören zu den schönsten und werthvollsten Resten der
griechischen Baukunst; sie dürfen den wegen ihrer Schönheit
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