Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

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1893-94

TAFEL i3. PORTRÄT VON EINER MUMIE AUS HAWARA IN DEN
KÖNIGLICHEN MUSEEN ZU BERLIN.

Das weibliche Porträt, das hier in natürlicher Gröfse, unter
genauer Wiedergabe seiner Farben, in einer in der Kunstanstalt
des Herrn R.Steinbock von der'geschickten Hand des Herrn
Neeser hergestellten Lithographie,
veröffentlicht wird, gehört zu jenen
vielbesprochenen Bildern, die beson-
ders im letzten Jahrzehnt auf aegyp-
tischen Mumien römischer Zeit ent-
deckt worden sind und die durch die
Sammlung des Herrn Theodor Graf
in weiten Kreisen bekannt geworden
sind.

Es ist alte aegyptische Sitte, bei
den äufseren Umhüllungen der Mumien
das Kopfende maskenartig als ein
menschliches Gesicht mit konventio-
nellen Zügen zu gestalten; in der grie-
chisch-römischen Zeit geschieht dies
meist so, dafs man über den Kopf
der Mumie eine Art grofser Maske
aus buntem und vergoldetem Stuck
stülpt, deren unteren Rand man in
den äufseren Binden verbirgt. Als
dann der Einflufs der griechischen
Kunst den altherkömmlichen aegyp-
tischen Stil zersetzt, werden auch
diese Masken gern als wirkliche Por-
träts der Toten gebildet, bei denen
freilich immer noch die Vergoldung
und die bunte Umrahmung an den
alten aegyptischen Gebrauch erinnern.

Endlich giebt man auch die alte Form der Maske auf und ersetzt
sie auf der Mumie durch ein Bildnifs rein griechischen Stiles, durch
einen Kopf in farbigem Thon (Vgl. Archäol. Anzeiger 1894 S. 178 f.)

oder durch eine Tafel mit dem ge-
malten Porträt. Wann dieser Wandel
eingetreten ist, läfst sich nicht genau
feststellen; man wird aber wohl nicht
fehl greifen, wenn man die besseren
dieser Bilder auf Grund der Haar-
und Barttracht in die Mitte des ersten
Jahrhunderts n. Chr. versetzt.

Das hier veröffentlichte Frauen-
bild (Nr. 11411 des aegyptischen Mu-
seums zu Berlin) gehört zu den schön-
sten Beispielen, die uns von diesen
Mumienporträts erhalten sind. Herr
Professor von Kaufmann, dessen

freundlichem Entgegenkommen die
Königlichen Museen diesen und andere
Schätze verdanken, fand es im März
1892 bei einer Ausgrabung in Ha-
wara, dem Gräberfelde der alten Stadt
Arsinoe im Faijum. (Vgl. Verhand-
lungen der Berliner Anthropologischen
Gesellschaft 9. Juli 1892 : Zeitschrift für
Ethnologie 1892 S. 4i6f.) In einer
aus Lehmziegeln erbauten Kammer
waren fünf reich ausgestattete Mumien,
wohl die eines Ehepaares und seiner
Kinder, beigesetzt; zu unterst lag die
Frau und neben ihr zwei Kinder in

Antike Denkmaelee 1893 — 94.
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