Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

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gleichen den an denselben Stellen angebrachten Füllornamenten
des Dolon-Sarkophags und der Sarkophage Taf. 27, 1 und 2.

An den Aufsenkanten des Rahmens Blätterkyma mit ab-
wechselnd farbig ausgefüllten und leeren Blättern, an den Innen-
kanten geschlossener Mäander.

B. SARKOPHAG IN BERLIN. TAF. 26.

Vaseninventar 3353. Länge 2,08 m. Obere Breite 0,915 m.
Untere Breite 0,79 m.

Kopfstück. Genau in der Mitte steht, nach rechts hin ge-
wendet, eine geflügelte weibliche Göttin in feierlicher Haltung, wie
ein uyulfia. Sie hält mit jeder Hand einen Löwen am Schwanz
gefafst und zieht ihn in die Höhe. Die Tiere halten sich mit den
Vorderpranken noch am Boden und wenden den Kopf um. Sie
fügen sich sichtlich unwillig in diesen Zwang. Die Mähne ist ge-
sträubt und der Rachen weit geöffnet. Aber die Göttin hat die
starken Tiere völlig in der Gewalt. Sie erscheint überaus macht-
voll und prächtig. Ihr enganliegender, mit gesticktem Saum ver-
zierter Chiton reicht bis auf die Füfse, ein noch reicher verzierter
Mantel hängt in langen Zipfeln über die Arme. Das dichte Haar
ist auf dem Scheitel in einen frei herabhängenden Schopf zusammen-
gebunden. Vier mächtige Flügel gehen von der Brust und vom
Rücken aus und breiten sich in straffer Schwingung nach den
Seiten hin. Keine von den vielen Darstellungen der Tierbändigerin
(vgl. Studniczka, Kyrene S. 153 ff.) reicht in der künstlerischen
Ausgestaltung auch nur entfernt an dieses Bild des Sarkophages
heran, das allein von allen die dämonische Kraft der Göttin zu
lebendigem Ausdruck bringt.

Der Raum rechts und links von der Mittelfigur wird von je
einem Zweigespann eingenommen, auf dessen Wagen eine weib-
liche Figur als Lenkerin steht; sie ist nur auf der rechten Seite
erhalten, aber danach links leicht zu ergänzen, denn beide Seiten
haben sich zweifellos genau entsprochen. Sie hält die Zügel straff
angezogen. Daher stehen die Pferde mit geschlossenen Beinen,
nur Hals und Kopf sind in Bewegung, so dafs die Mähnen flattern.
Auffallend, wie diese Pferde und die Pferde auf den Klazomener
Sarkophagen überhaupt in Bau und Zeichnung mit den Pferden
auf dem Fries des Schatzhauses der Siphnier oder Knidier in
Delphi {Gazette des beaux arts 1895, 1 S. 328) übereinstimmen,
der auch in der strengen Symmetrie der Composition den Sarko-
phagen sehr nahe steht. Eine ausführliche Innenzeichnung von
weifsen und roten Linien (das aufgesetzte Rot ist in der Abbil-
dung durch Punctirung angegeben) drückt die Muskeln und Adern
am Körper der Tiere aus und giebt das Geschirr an, das ähnlich
prunkvoll wie auf dem Wiener Sarkophag Ant. Denkm. I Taf. 45
aufser dem Zaumzeug und dem breiten bestickten und mit Beschlägen
versehenen Halsriemen noch ein um die Brust gelegtes Ouasten-
gehänge enthält. Hinter dem Hals der Pferde ragt die Bekrönung
der Deichsel hervQr. Von dem Wagenstuhl sieht man den unteren
Teil mit dem breiten verzierten Rand und hinten den runden offenen
Handgriff. Die Räder haben zehn, nicht wie gewöhnlich acht Spei-
chen (auf dem neuen Sarkophag des British Museum sind zehn-
und achtspeichige Räder nebeneinander) und die Speichen, anders
geformt als sonst, bestehen aus dünnen, mit Ringen besetzten
Stäben. Die Lenkerin, mit Chiton und weitem Mantel bekleidet,
hält in der einen Hand die Zügel, in der anderen eine Stange;
sie trägt das Haar in derselben Frisur, wie die Göttin in der
Mitte. Ein besonders schöner Schmuck der Darstellung ist noch
unerwähnt geblieben. Häufig findet sich auf den Bildern der Sarko-
phage und ebenso der Vasen Ionischer Gattung zwischen den
Figuren am oberen oder unteren Rande eine lotosartige Blüte mit
geschwungenem Stengel. Dieses Motiv ist hier zu einem decora-
tiven Gebilde ausgestaltet, das in der ganzen älteren Ornamentik
ohne Beispiel ist: ein Strauch mit vier Blüten wächst vom Boden
auf und entfaltet sich in üppiger Fülle frei über die Fläche hin,
die zwischen den Beinen der Pferde frei blieb. Die Erfindung
dieser Form und die Art, wie die Linien geführt, die Blüten be-
wegt sind, damit der Raum gedeckt wurde, läfst von dem künstle-
rischen Sinn des Malers sehr hoch denken. Und ebenso glänzend
in der decorativen Wirkung ist die Mittelgruppe. Die Nötigung,
Antike Denkmäler 1895—98.

das Wappenbild der Tierbändigerin in die Breite zu dehnen, hat
den Künstler das starre, überlieferte Schema in ein lebendiges
Bild umgestalten, statt des Emporhaltens das Anheben der Tiere
erfinden lassen, die nun nach den Seiten zu fortstreben. Und in
die Lücke, die jetzt zwischen den Köpfen der Löwen und den
weit gespannten Flügeln der Göttin entstand, zeichnete er den
gesenkten Kopf des einen Pferdes hinein. Das Problem der Raum-
füllung konnte nicht schöner gelöst werden, als es in dieser in
jedem Zuge vollendeten Composition geschehen ist. — Zwei ver-
hältnifsmäfsig breite Ornamentstreifen schliefsen das Bild ein, oben
ein Blätterkyma mit abwechselnd leeren und getönten Blättern,
unten Rosetten mit sehr reichlicher und wenig sorgfältiger Innen-
strichelung, durch Punctreihen von einander getrennt. Beide Orna-
mente sind zwischen zwei schmale mit einem Stufenband verzierte
Leisten gestellt, die ebenso auch in den übrigen Teilen des Sarko-
phages als Trennungen und Einfassungen wiederkehren.

Oberer Verbindungsstreifen. Jederseits zwei Schafe,
hintereinander laufend, in der Richtung nach aufsen.

Die Seitenstreifen. Im oberen Bildfeld links ein Eber,
rechts eine Sau mit zu Boden geneigtem Kopf, nach innen ge-
wendet. Darunter ein zweireihiges Blatt- oder Schuppenmuster,
von der Stufenlinie umgrenzt. —Mittelstück. Einfaches Flecht-
band mit seitlichen Palmetten. — Unteres Bildfeld. Jederseits
ein Bock, nach innen gewendet, der Körper nicht abgedeckt,
sondern fleckig bemalt. Im Grund Füllornamente (Hängeblatt mit
Punctumrahmung, Punctrosette, Kreuz mit Strichfüllung). Als Ein-
fassung dient unten wieder die Stufenline, oben ein punetirter
Streifen.

Unterer Verbindungsstreifen. Doppelmäander mit Felder-
füllung durch schwarz abgedeckte Quadrate.

Fufsstück. Stier zwischen zwei Löwen, die Löwen in der
gewöhnlichen Art, der Stier fleckig bemalt. Im Grund Füllorna-
mente derselben Art, wie in den unteren Bildfeldern der Seiten-
streifen. Diese Ornamente sind am ähnlichsten mit denen auf
dem Wiener Sarkophag (A. D. I Taf. 45), der ebenso in den übri-
gen Ornamenten gleiche oder sehr verwandte Muster, namentlich
dieselbe Verwendung der Stufenlinie zur Begrenzung der Flächen
aufweist, und auch im Stil der figürlichen Darstellungen diesem
Berliner Sarkophag am nächsten steht.

An den Innenkanten des Rahmens zwei Mäanderfelder
mit einem Punctrosettenfelde abwechselnd. An den Aufsen-
kanten Blätterkyma mit abwechselnd zwei gefüllten und einem
leeren Blatte.

C. SARKOPHAG IN BERLIN. TAF. 27, 1.

Vaseninventar 3348. Länge 2,19 m. Obere Breite 1,00 m.
Untere Breite 0,69 m.

Kopfstück. Eine Frau, die nach links enteilen will, wird
von zwei Kriegern gepackt und mit dem Schwerte bedroht.
Hinter jedem Krieger steht eine weibliche Gestalt. Beide suchen
die Männer von ihrem Vorhaben zurückzuhalten, indem sie die
Hand an deren Arm legen. Weiterhin wird das Bild auf jeder
Seite durch einen geflügelten Jüngling auf sprengendem Rofs ab-
geschlossen. Der Raum unter den Pferden ist durch einen laufen-
den Hund ausgefüllt, wie ähnlich zwischen den Figuren allent-
halben aufwachsende Blüten als Raumfüllung angebracht sind. In
den Einzelheiten der Tracht, Bekleidung, Bewaffnung bietet das
Bild nichts Neues oder Merkwürdiges. Es ist sicher, dass die
Mittelfigur weiblich ist. Sie hat dieselbe Gewandung (Chiton und
Überwurf mit langen Zipfeln), wie die Frauen hinter den Kriegern
und -trägt das Haar auf dem Scheitel zum Schopf gebunden (wie
z. B. die Göttin auf Taf. 26), eine Frisur, die nicht ausschliefslich,
aber doch häufig für Darstellungen von Frauen verwendet ist.
Es giebt meines Wissens keine Sage, auf die die Schilderung
dieses Bildes pafst. Wo eine Frau in Gefahr gerät, ist es immer
nur ein Mann, der sie bedroht, und wieder nur eine Frau, die
diesen zurückhält. Ist es ein verlorener Mythus, der dem Maler den
Stoff zu dem Bilde gegeben hat ? Diese Annahme wäre hier noch
weniger am Platze, als sonst. Für die scheinbaren Schwierigkeiten
der Deutung mufs die Lösung aus dem Bilde selbst gesucht

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