Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

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Architraven. Es entspricht nämlich jeder Platte je ein 0,10—
0,12 langes Dübelloch, und dieses ist so angebracht, clafs a) (an
der Ostseite) der rechte Rand der Platte mit dem rechten Rand
des Dübellochs, b) (an der Südseite) der linke Rand der Platte mit
dem linken Rand des Dübellochs sich deckt. Die Länge der Eck-
architrave, von denen der rechte fehlt, der linke abgebrochen ist,
ist auf 2,37 m berechnet. Auf Grund der so gewonnenen Mafse
läfst sich der aus zwei Bruchstücken zusammengesetzten Platte III
mit ziemlicher Sicherheit die ihr auf Tafel 34 gegebene Stelle an-
weisen. Auch die Eckplatte (I) gehört wohl an die ihr zugewiesene
Stelle*), die übrigen sind nur nach Gutdünken eingefügt. Dafs
sie zu dem Friese der Osthalle gehören, ist darum wahrscheinlich,
weil dieser wie jener der Nordhalle sich am längsten in situ be-
funden hat.

2.
DIE FIGUREN.

Die Reste des Figurenfrieses werden seit einer Reihe von
Jahren in den beiden Akropolismuseen aufbewahrt**). An mehrere
der besser erhaltenen Stücke ist zum Zwecke der Aufstellung ein
Sockel aus Gips angefügt. Andere waren früher einmal auf
solche aufgesetzt und weisen daher Befestigungslöcher und Dübel-
reste auf. Antike Befestigungsspuren sind auf keiner der erhalte-
nen Fufsflächen wahrnehmbar. Die Figuren waren vielmehr nur
im Rücken mit den Friesplatten verdübelt und aufserdem ver-
kittet. , Die hierfür eben gehaltenen Flächen sind nicht bei allen
Stücken gleichmäfsig glatt gearbeitet bezw. zum Zwecke der Ver-
kittung gerauht oder gespitzt. Verschiedene Hände, wie sie ja
bekanntlich bei der Herstellung des Frieses beteiligt waren, geben
sich darin ebenso wie in der Behandlung der Vorderseite zu er-
kennen. Die Dübellöcher, an jeder Figur eines, sind in der
Regel ziemlich hoch angebracht und rechteckig geformt, ihre
Längsseiten meist senkrecht zur Standfläche gerichtet. Sie sind
teils eingemeifselt, teils eingebohrt und bestehen in der Mehrzahl
aus drei Bohrlöchern ohne Zwischenwände. Schräg von oben
mündet in sie je ein Gufskanal. In der unten folgenden Be-
schreibung wird bei den nicht bis zu den Füfsen reichenden Bruch-
stücken unterschieden werden zwischen der Entfernung des unte-
ren Randes des Dübelloches von der unteren Bruchfläche und der-
jenigen von der ursprünglichen Standfläche der Figur. Die letztere
läfst sich natürlich nur ungefähr schätzen.

Ein Blick auf die besser erhaltenen Stücke zeigt uns über-
dies, clafs die Figuren nicht von gleicher Gröfse waren***).

Man vergleiche z. B. die beiden sitzenden Frauen, die je
einen nackten Knaben auf dem Schofse halten (Taf. 31,11 und
33, 23), um zu sehen, dafs der Gröfsenunterschied ein recht merk-
licher ist. Wenn man daraufhin die mehr oder weniger vollstän-
dig erhaltenen Figuren der Gröfse nach ordnet, so scheiden sich
von selbst zwei Hauptgruppen. In diese auch die kleineren Bruch-
stücke einzureihen ist auf unseren Tafeln in der Art versucht,
dafs auf Tafel 31 und 32 Fragmente, die in der Mehrzahl wohl
von grofsen Figuren stammen, «ruf Tafel 33 und 34 solche von
den kleineren angeordnet sind. Unter den letztgenannten befindet
sich eine geringe Anzahl auffallend kleiner Stücke, die auch durch
lebhaftere Bewegung von den übrigen abstechen. Die jeweils an-
zunehmende Standfläche ist durch eine durchgezogene Linie
markiert.

Die ursprüngliche Höhe der Figuren läfst sich, obwohl durch-
weg die Köpfe fehlen, doch mit einiger Sicherheit bestimmen.
Sie beträgt für die stehenden Gestalten der zweiten Gruppe,
unter denen sich mehrere bis zum Hals erhaltene weibliche Fi-
guren befinden, ungefähr 0,58 m, für die der ersten, die leider
keine einzige bis auf den Kopf vollständige, stehende Figur ent-
hält, ungefähr 0,65 m. Da nun die Höhe der Friesplatten der
nördlichen Vorhalle 0,68 m, die der übrigen aber nur 0,61 m

*) Das rechte Ende des zugehörigen, o,tlm langen Dübellochs ist allerdings nachdem
an Ort und Stelle genommenen Mafse nur 0,40 von dem vorderen Plattenrande der Süd-
seite, dem in der Zeichnung der dicke schwarze Strich entspricht, entfernt, während die
Schmalseite der Platte 0,45 m breit ist. Aber jenes Mafs kann auch auf einem Irrtum be-
ruhen, indem, statt wie bei den anderen von der Mitte, liier möglicherweise von dem linken
Rande des Dübelloches aus nach links gemessen ist (0,345).

**) Nur ein Stück (Taf. 31,8 Unterkörper) ist erst neuerdings aus dem Magazine des
Nationalmuseums auf die Akropolis überführt worden.

***) Schöne hat a. a. O. Sp. 12 bereits auf diese Verschiedenheit des Mafsstabes aufmerk-
sam gemacht.

beträgt, so müssen die 0,65 m hohen Figuren vom Friese cler
Nordhalle stammen, die übrigen, wenn auch nicht unbedingt, von
dem der Cella und ihrer östlichen Vorhalle.

Die Erhaltung der einzelnen Stücke ist eine sehr verschiedene.
Einige haben durch Brand stark gelitten. An den besterhaltenen
glaubt man Verschiedenheit der Arbeit auch an der Vorderseite
zu erkennen*).

Die Gröfse der Abbildungen verhält sich zur Originalgröfse
wie 1 : 4,5.

Tafel 31.

1. (2822)**). Oberschenkelpartie einer nach links gewendet
stehenden, mit dem Himation bekleideten Figur. Die Rücken-
fläche ist mit dem Spitzeisen fein gerauht und weist nur einige
wenige gröbere Löcher auf. Unten ist sie 0,06 m, oben 0,07 m
breit. Darin befindet sich 0,17m vom unteren Rande (d.i. etwa
0,33 m von der ehemaligen Standfläche) ein sauber mit dem
Meifsel eingearbeitetes Dübelloch (1. 0,04, br. 0,018, tf. 0,035 m)-
Die Arbeit an der Vorderseite ist flott, etwas derb und auf starke
Schattenwirkung berechnet.

2. (1290 = Schöne 14). Aus zwei Fragmenten zusammen-
gesetztes Bruchstück — Bauch, rechtes Bein bis unter das Knie
und kleines Stück des linken Oberschenkels — einer eilig nach
rechts ausschreitenden weiblichen Figur in gegürtetem Chiton.
In die tiefliegende mittlere der drei zwischen den Beinen befind-
lichen Falten ist von unten her ein kleines Loch eingebohrt. Es
scheint, als ob hier noch ein Stückchen angesetzt gewesen sei.
Die Rückenfläche ist mit dem Zahneisen gerauht und hat kleine:
Unebenheiten, die durch das Absetzen des Eisens entstanden sind.

3. (1294 = Seh. 15). Unterkörper einer eilig nach rechts
ausschreitenden weiblichen Figur in gegürtetem Chiton. Die
Rückenfläche ist fein gerauht, die Fufsfläche abgeblättert; darin
ein modernes, Blei enthaltendes Loch. Das Stück hat sehr ge-
litten.

4. (2825). Oberkörper — bis zur Mitte der Oberschenkel
— einer nach links eilig ausschreitenden weiblichen Figur. Sie
trägt einen gegürteten Ärmelchiton, der bei der eiligen Vorwärts-
bewegung sich an der linken Schulter gelöst hat und bis unter
die linke Brust heruntergeglitten ist. Über den vorgestreckten
rechten Arm hat sie den Mantel geworfen, dessen eines Ende sie
mit der hoch erhobenen linken Hand über

die Schulter emporzog. Diese Mantelpartie
ist aus der Rückenfläche herausgearbeitet
(s. Fig. 5). Hier gewahrt man auch das
Ende eines Haarschopfes. Die Figur trug
also das Haar wie die Koren des Erech-
theion zusammengebunden. Den Kopf
wendete sie nach links zurück. Die Rücken-
fläche ist mit einem feinen Zahneisen ge-
rauht und nach oben zu etwas gespitzt.
Darin befindet sich, 0,11 vom unteren (d. i.
etwa 0,36 m von der ehemaligen Stand-
fläche) und 0,03 — 0,035 m vom linken Rande (der Rückseite) ent-
fernt, ein ganz mit Eisen und Blei gefülltes Dübelloch (1. 0,07,
br. 0,025 m)- Das Blei greift über den Rand des
Loches über. In der Höhe dieses Dübelloches
befindet sich in der linken Hüfte ein zweites, hori-
zontal angebrachtes, das 0,18 m von der untersten
Ecke der Figur entfernt ist (Fig. 6) und noch viel
Blei enthält. Das ganze Stück ist auffallend dick
(unten 0,135 m). Die Gewandfalten sind stellen-
weise sehr tief eingeschnitten, wozu der Bohrer
stark benutzt und z. B. an der linken Hüfte ziem-
lich roh gehandhabt worden ist. Andererseits sind
die Faltenzüge, namentlich da, wo sie wie am
Arme, an der Brust u. s. w. eng anliegen, durch
lang durchgezogene, feine Vertiefungen und Fältchen fast kleinlich
gegliedert.

5. (1291 = Seh. 17). Bruchstück — linker Oberschenkel

*) S. auch Schöne a. a. O. Sp. 5.

**) Die eingeklammerten Zahlen sind die betr. Inventarnummern des Akropolismuseums.

Fig. 5-

Fig. 6.
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