Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

Seite: c_2
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Eine Fahrstrafse, die noch jetzt die Spuren der Wagengeleise
aufweist, führte von der Agora in gleichmäfsiger Steigung west-
lich um den Areopag herum (bei C in B 6, und durch die Senkung
zwischen Akropolis und Pnyx (A bis N) zunächst zu dem Sattel
zwischen Akropolis und Museion (P in C 9) und sodann weiter
nach einer starken Curve am Westabhange der Akropolis hinauf
zu dem Burgthore, das mit einiger Sicherheit unterhalb des
Beule'schen Thores an dem Sattel zwischen Areopag und Akro-
polis angenommen werden darf (W in E 8).

Zahlreiche Ouerstrafsen gingen von dieser wichtigen Verkehrs-
ader aus und führten auf der einen Seite zur Pnyx und ihrer
Umgebung, zur Koile und zum Museion, zum itonischen Thor
und zum Dionysos-Theater, und auf der andern Seite zum Areopag
und zum Westabhange der Akropolis. Im Mittelpunkte dieser
Strafsen liegt, wie unsere Tafel veranschaulicht, der Platz der
berühmten, lange gesuchten Enneakrunos. Hier, nicht weit von
dem Burgthore, lag einst die Quelle der alten Königsburg, hier
war später der Hauptbrunnen der Stadt, hier endete die grofse
Wasserleitung des Peisistratos.

Am östlichen Steilabhange des Pnyxhügels, gerade unterhalb
des Volksversammlungsplatzes und des wahrscheinlich mit diesem
verbundenen Heiligtums der Demeter Thermophoros, sind mancher-
lei Wasseranlagen gefunden, die seit uralten Zeiten an dieser
wasserreichen Stelle o-ele^en haben. Eine dieser Anlag-en, eine
Brunnenstube mit Felsbassin, ist noch in römischer Zeit im Ge-
brauche gewesen und sogar neu ausgestattet worden. Ich halte
diesen Felsbrunnen für die Kallirrhoe des Thukydides (II, 15), für
den alten Laufbrunnen, den Peisistratos durch Herstellung einer
grofsen Wasserleitung zur Enneakrunos umbaute. Ein grofses
Stück dieser Leitung, einen langen unterirdischen Felsstollen, auf
dessen Sohle ein Thonrohr lag, haben wir aufgefunden und aus-
geräumt. Die Leitung kommt aus dem oberen Ilifsosthale, läuft
unter dem Königlichen Garten hindurch, hat sich unter dem Be-
zirk des Dionysos Eleuthereus gefunden und erscheint auf unserer
Tafel unten rechts in den Quadraten F 9 bis D 9. Hier liegt sie
in grofser Tiefe unter der antiken Strafse, die das Dionysos-
Theater mit der Pnyx verbindet. Die Strecke von F bis V mit
ihren Windungen, Abzweigungen und Luftschachten wird in einem
besonderen Plane veröffentlicht werden. Die Fortsetzung von U
über N bis zum Brunnenhause ist auf Tafel 38 genauer dargestellt.
Von den vielen Abzweigungen mag hier nur eine erwähnt werden,
die auf unserer Tafel 37 in den Quadraten C 9 bis A 9 gezeichnete.
Sie zweigt von der Hauptleitung unter dem Platze P ab und läuft
in zahlreichen Windungen als vorzüglich erhaltener begehbarer Fels-
stollen unter dem Sattel O hindurch zum Stadtteile Koile und viel-
leicht weiter zum Phaleron. Die Einzelheiten der ganzen Leitung
werden durch gröfsere Zeichnungen und genauere Beschreibung in
den Athenischen Mitteilungen erklärt werden. Dort sollen auch
die Beweise für die hier gebrauchten und in dem Plane ein-
geschriebenen Namen Kalirrhoe, Enneakrunos, Stoa Basileios,
Hephaistos-Tempel, Pythion u. s. w. beigebracht werden.

Tafel 38 veranschaulicht die Resultate der zwischen
Pnyx und Akropolis unternommenen Ausgrabungen
in gröfsere m Mafsstabe. Am linken Rande des Planes
ist das östliche Ende des Pnyxhügels, am rechten Rande der
Westabhang der Akropolis und oben rechts ein Stück des Areopags
angedeutet. Die aufgedeckten antiken Strafsen sind durch eine
gelbliche Färbung hervorgehoben. Die in diesen Strafsen liegen-
den Canäle für Regenwasser und andere Abwässer sind mit ihren
Zweigcanälen violett gefärbt, während alle für Trinkwasser be-
stimmten Leitungen, Behälter und Brunnen eine blaue Färbung auf-
weisen. Alle griechischen Bauwerke sind schwarz, alle römischen rot
angelegt. Wo noch Mauern aus einer mittleren oder nicht sichcr
bestimmbaren Periode aufgedeckt sind, haben sie entweder eine
schwarze Schraffur erhalten (z. B. in C 6) oder sind weifs geblieben.

Von den zahlreichen Bauwerken, deren Grundrisse auf dem
Plane erscheinen, sind zwei schon durch eine ausführlichere Be-

schreibung bekannt, nämlich das Dionysion in C 3 und C 4 und
das Amyneion in C 6 bis D 7. Jenes ist in den Athen. Mit-
teilungen 1895 S. 161, dieses ebenda 1896 S. 287 in besonderen
Plänen veröffentlicht worden. Eine kurze allgemeine Schilderung
der wichtigsten übrigen Anlagen, nämlich der Lesche in A 3 und
B 3, des darunter befindlichen Hieron, der südlich anstofsenden
Privathäuser und der Enneakrunos findet man in den Mitteilungen
1894 S. 496. Eine eingehendere Besprechung dieser und einiger
anderer Anlagen mufs späteren Aufsätzen vorbehalten bleiben.
Hier ma? nur der Lauf der Wasserleitung- des Peisistratos, soweit
sie auf Tafel 38 sichtbar ist, kurz angegeben werden. Die vom
Dionysos-Theater kommende unterirdische Felsleitung ist auf
unserer Tafel rechts unten bei dem Einsteigeschacht Z 13 als
blaue Leitung gezeichnet und liegt 83,95 m über dem Meere.
Die daneben bei dem Schacht Z 12 gezeichnete farblose Leitung
liegt höher und gehört einer älteren Zeit an. Der Felsstollen
des Peisistratos läuft nach Westen zum Brunnen Z 11 und teilt
sich dann bei Z 5 in zwei Arme. Der nördliche von ihnen, cler
schon in griechischer Zeit zusammengestürzt und verschüttet war,
führt in ziemlich gerader Linie nach Z 4, während der südliche,
einer späteren Reparatur angehörige Arm den Umweg über die
Einsteigebrunnen Z 10 und Z 8 macht und bei Z 4 wieder in den
alten Canal mündet. Bei Z 3 tritt die Leitung aus dem hier
niedriger gewordenen Felsen heraus und läuft in einem aus grofsen
Quadern hergestellten unterirdischen Canal zunächst unterhalb der
antiken Strafse, um bald darauf nach Nordwesten umzubiegen.
An dem Wendepunkte im Quadrate C 9 zweigt eine dünnere,
aber ebenfalls alte Thonrohrleitung ab, die den Brunnen im Heilig-
tume des Amynos mit frischem Wasser versah. Die Hauptleitung
erreicht in dem Quadrate B 8 an der Stelle, wo sie 83,88 m über
dem Meere liegt, den unter der heutigen Strafse noch anstehen-
den Felsen der Pnyx und wendet sich dann nach Nordosten, um
bei Z 2 ein kleines Bassin mit der Höhenzahl 83,33 m zu er_
reichen. Von hier sind in Griechischer Zeit zwei grofse Wasser-

o o

behälter r 15 (Sohle 82,96 m) und r 11 (Sohle 83,50 m) gespeist
worden; jener ein Schöpfbassin, mit ähnlichen Steinen umgeben,
wie sie jetzt auch an dem Brunnen des Theagenes in Megara
gefunden worden sind; dieser der Rest eines grofsen Klärbassins,
aus dem die eigentliche Enneakrunos mit ihren neun Mündungen
das Wasser erhielt. Die Stelle des Brunnenhauses selbst, von
dem nur einzelne Steine gefunden sind, ergiebt sich 1) aus dem
alten, in dem Pnyxfelsen erhaltenen Quellhause Y, das vermutlich
hinter dem neuen Brunnenhause lag; 2) aus der Höhenlage des
für das Brunnenhaus in Betracht kommenden Fufsbodens, der
etwa 2 m unter der Sohle des Bassins liegen mufs, damit das
Wasser aus hochgestellten Mündungen herausfliefsen konnte;
3) aus den Anfängen zweier alter unterirdischer Canäle, die bei
K 2 und K 3 gefunden ' sind und offenbar das überfliefsende
WTasser abgeleitet haben; 4) aus der Richtung der umliegenden
Strafsen (F H, G H, K I, M L, N L), welche alle zu der auf unserer
Tafel als »Platz der Enneakrunos« bezeichneten Stelle hin ge-
richtet sind und damit diese Stelle als ein uraltes Verkehrscentrum
erweisen; 5) aus dem Umstände, dafs auf diesem Platze keine alt-
griechischen Bauanlagen, sondern nur Reste eines römischen Hauses
und darunter zahlreiche Tiefbrunnen gefunden sind.

Als das Brunnenhaus des Peisistratos in römischer Zeit (nach
Pausanias) zerstört und sein Platz von einem Wohnhause ein-
genommen wurde, ist nur ein kleines Bassin (r 16) verblieben, das
durch ein Thonrohr gespeist wurde. Das meiste Wasser der
alten Leitung wurde durch einen bei Z 2 beginnenden und bis
zum Quadrate A 3 verfolgbaren Felskanal zur Agora geführt.
Diese neue Leitung ist auf unserer Tafel durch blaue Farbe mit
einem roten Streifen kenntlich gemacht. Alle anderen Leitungen,
Abzweigungen und Brunnen, wie auch die vielen am Pnyxfelsen
aufgedeckten Wasseranlagen können erst in den Athenischen Mit-
teilungen eingehend beschrieben «-erden.

Wilhelm Dörpfeld.
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