Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

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entsprechendes Band doppelt alternirender Palmetten und Lotos-
blüten umgibt die Aufsenseite des Halses, und einzelne Glieder
eines solchen Ornamentes verzieren den unteren Henkelansatz,
sowie ein breites Firnisband, das sich unter dem Henkel hinzieht,
und einen schmalen Firnisstreifen am Schulteransatz. Skizzen dieser
Ornamente, die in weifser Farbe auf dem Firnisgrunde gemalt
sind, auf Taf. 45.

Ein breites Schulterbild, durch das Firnisband unter dem
Henkel seitlich begrenzt, und drei umlaufende Figurenfriese um-
ziehen den Leib der Kanne. Unten schliefsen ein Firnisstreif und
der übliche Strahlenkranz die Decoration ab. Der Fufs ist
gefirnist.

Auf dem Schulterbilde (Taf. 44) schreiten zwei Heere zum
Kampfe, jedes in zwei Abteilungen einander zum grofsen Teil ver-
deckender Hopliten. Rechts sind es fünf und sieben Mann, links
vier und neun, zwischen denen ein Flötenbläser in kurzem, rotge-
gürtetem schwarzem Chiton zur Schlacht aufspielt, das Flöten-
futteral am Arme. Die Krieger tragen alle dieselbe metallene
Rüstung, die durch verdünnten Firnis wiedergegeben ist: Panzer,
unter dem bei einem ein kurzer roter Chiton sichtbar wird,
Beinschienen und korinthische Helme mit bunt verzierten Bügeln
und langen Büschen. Sie führen keine Schwerter, sondern zwei
Lanzen, eine geschultert (die Spitzen reichen oben in das Firnis-
band hinein), die andre vorgestreckt. Die Zahl der Lanzen stimmt
nicht ganz genau zu der der Krieger. Die grofsen Rundschilde
zeigen aufsen schöne Episemata auf ausgespartem Grunde: es
sind fliegende Geier und Adler, Stier- und Löwenköpfe (bei
letzteren Zähne und Mähne in Firniscontour), ein bärtiges Gorgo-
neion, ein Eber, und ein sog. Polypenornament. Innen sind die
Schilde rot, mit fein gestrichelten (gravirten) Dreiecken verziert,
und mit Handhaben versehen, während die Ränder innen wie
aufsen geometrische Ornamente zeigen: Strahlen, Spiralhaken,
laufenden Hund, Schachbrett, Maeanderglieder, Kreise, Halbkreise,
Punkte und schräge Striche. Am linken Ende des Bildes legt
ein knieender Krieger einem neben ihm stehenden (fast ganz zer-
störten) die zweite Beinschiene an; beider Schilde und Lanzen
(mit ihren Wurfriemen) lehnen an der Wand. Es sind Nachzügler,
im Begriff, ihren Genossen in den Kampf zu folgen. Ob es sich
um ein Scheingefecht oder eine wirkliche Schlacht handelt, werde
ich an anderer Stelle erörtern.

Unter diesem Schulterbilde folgt ein breites Firnisband, auf
dem ein kleiner Tierfries in weifser Farbe mit gravirter Innen-
zeichnung aufgemalt ist (Taf. 44). Jederseits davon ein roter und
ein gelber Streif. Es sind ein Hase, Steinböcke und Antilopen,
von grofsen Hunden verfolgt. Zwischen den Tieren zwei der
typischen protokorinthischen Punktrosetten. Die überaus frisch
und lebendig gezeichneten Figuren sind auf dem Original fast
ganz verblichen, jedoch ist Herrn Stefani's mit unermüdlicher Ge-
duld ausgeführte Wiedergabe durchaus getreu.

Es folgt ein breiter Figurenfries, an Höhe dem Schulterbilde
beinahe gleich (Taf. 45), der in drei Bilder zerfällt. Vorne in der
Mitte sitzt eine Sphinx in Vorderansicht, mit doppeltem Leibe
(der linke gröfstenteils zerstört), und einem Kopf, dessen lange
Locken von zwei Spiralen bekrönt sind. Zur Rechten dieser
rein ornamental trennenden Gestalt eine Löwenjagd: der mächtige
Löwe hält einen nackten Jüngling im Rachen, drei Jünglinge in
kurzen gegürteten roten Chitonen (bei einem fehlt die Farbe)
stofsen dem Tiere ihre Lanzen in Hals und Bug; das Blut rinnt
in Strömen herab. Von rechts eilt mit geschwungener Lanze

ein vierter Jüngling herbei. Links von der Sphinx schreitet ein
Viergespann nach rechts, von einem Jüngling in langem rotem Chiton
gelenkt, während ein nackter Knabe die Pferde vorne am Zügel
führt. Dem Viergespann folgen im Schritt, einander zum Teil
überschneidend, vier junge Reiter in kurzen roten Chitonen, jeder
ein Handpferd führend und in der Hand eine Gerte haltend. Die
Abwechslung der Farben an den Körpern, Mähnen, Schweifen
und Hufen der Pferde ist streng durchgeführt, und alle Einzel-
heiten des Zaumzeugs sind aufs sorgfältigste wiedergegeben. Die
Jünglinge dieses ganzen Streifens haben langes, lockiges Haar,
das am Nacken durch ein Band zusammengehalten wird; ihr
Fleisch ist in verdünntem Firnis wiedergegeben, nicht in der
bräunlichen Farbe des Schulterbildes. Im Felde verstreut Füll-
ornamente, wie sie dem protokorinthischen Stil eigen sind. Be-
merkenswert sind auch die zahlreichen Spuren einer Vorzeichnung,
die leicht in den weichen Thon geritzt waren und auf der Ab-
bildung durch punktirte Linien wiedergegeben sind.

Das wichtigste Bild dieses Frieses aber ist das unter dem
Henkel angebrachte Parisurteil; leider sind von den drei
Göttinnen nur die Köpfe, von Hermes nur die Spitze des Kery-
keions erhalten. Der jugendliche Alexandras, in halblangem um-
gegürtetem rotem Chiton, ist zwar fast unversehrt, aber von seiner
Namensbeischrift fehlt gerade der Teil, welcher zur Bestimmung
des Alphabets der wichtigste wäre. Die Inschriften A^si'ßj/^POI,
ASAA'AIA, A4)POA(tV«), die ersten bisher auf protokorinthischen
Vasen beobachteten, werde ich an andrer Stelle ausführlich
behandeln. Das Fleisch der Göttinnen ist in Firniscontour ge-
geben. Alle drei sind langgelockt, mit Diademen im Haare;
Aphrodite hält einen Kranz, die waffenlose Athena ein Skeptron.

Der unterste, wiederum schmälere Fries, durch drei schmale
Firnisstreifen von dem zweiten getrennt, bietet uns das in der
protokorinthischen Kunst so beliebte Motiv der Hasenjagd, aber in
gröfserer Ausführlichkeit, als es mir sonst bekannt ist. Zwischen
Büschen kauern drei nackte Jünglinge (kurzes Haar, Fleisch in ver-
dünntem Firnis): die beiden rechts, deren erster einen Hund an
der Leine hält, während der zweite dazu noch zwei tote Hasen
an einem Stock über der Schulter trägt, müssen hinter dem
dritten gedacht werden; die Trennung auf der Abbildung ergab
sich aus der Lücke zwischen den Sträuchern rechts und diesem
letzteren Jüngling, der nach seiner Stellung wohl ein Lagobolon
in der erhobenen Rechten hielt. Die richtige Trennungslinie fällt
zwischen den Jüngling mit den Hasen und den letzten Hund. Die
drei Jäger lauern versteckt auf ihre Beute, einen Hasen und eine
Füchsin, welche die Meute ihnen zutreibt. Es sind sieben riesige
Rüden, drei schwarze, zwei gelbe und, von letzteren halb verdeckt,
zwei weifse mit schwarzen Tupfen (in Contourzeichnung). Die
ganze Scene ist in sehr lebendiger, anschaulicher Weise geschildert
und legt von dem Können des Malers das beste Zeugnis ab.
Auch hier sind im Felde protokorinthische Füllornamente verstreut.

Wir erkennen in unsrer Vase ein Beispiel der höchsten Blüte
des protokorinthischen Stils, der hier in Technik und Stil bereits
fremde Einflüsse erfahren hat. Dazu stimmen denn auch vortreff-
lich die chronologischen Anhaltspunkte, welche uns einerseits die
Buchstabenformen der Inschriften, andrerseits die Grabanlage in
Formello und die mit unsrer Vase zusammen gefundenen Gefäfse
bieten. Beide führen in den Anfang des 6. Jahrhunderts. Für
die Begründung verweise ich auf den im Archäologischen Jahrbuch
erscheinenden Aufsatz.

Georg Karo.
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