Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

Seite: c_10
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Der Fundplatz liegt oberhalb des griechischen und arme-
nischen Friedhofes, am Abhänge unterhalb der Agia Kyriaki
und weiter hinauf des Gymnasiums tüv vhov. Der Kopf lag im
Schutte über der Nordhalle des Marktbaus, aber so hoch, dafs
er sichtlich nicht zu den in dem Marktbau einst befindlichen
Dingen gehörte, sondern von weiter oben her im Laufe der Ver-
schüttung heruntergekommen sein mufs, ob aus dem Gymna-

kann es leicht, namentlich aus den Darlegungen Fr. Koepp's
im 25. Programme der Berliner archäologischen Gesellschaft (1892)
entnehmen. Wäre auch die Möglichkeit, dafs wir ein mythi-
sches oder sonst ideales Wesen vor uns hätten, nicht schlechthin
ganz abzuweisen, so kehrt die Überlegung doch immer wieder
auf eine Menschengestalt, dann aber eines Herrschers auch ohne
das Abzeichen des Diadems, als auf das Wahrscheinlichste zu-

sium, in dem Kunstwerke reichlich auf-
gestellt waren, läfst sich nicht mit Be-
stimmtheit sagen. Bei einem Vordringen
der Ausgrabung weiter nach oben könn-
ten zugehörige Teile der Figur noch
einmal zum Vorschein kommen, die jetzt
fehlen.

Der Kopf ist überlebensgrofs, mifst
0,36 m von unterm Kinn bis auf die
Haarhöhe über der Stirn und ist aus ei-
nem feinkörnigen weifsen Marmor gear-
beitet, parischem, wie ich vermutete und
wie Richard Lepsius bestätigt. Die Er-
haltung ist, auch mit einem Teile des
Halses, bis auf die abgestofsene Nasen-
spitze ziemlich tadellos; kleine Schür-

funeen und Farbenunterschiede der Ober-
es

fläche treten in unserer Abbildung etwas
zu sehr hervor.

Der Gesamteindruck, namentlich in
der Partie um den Mund, ist jugendlicher,
als unsere, wie gesagt in etwas zu starke
Wirkung gesetzte Abbildung ihn giebt.
Die Nase war leicht gebogen, das volle,

zu halblangen Locken sich wellende Haar, hinten bis in den
Nacken herabreichend, seitwärts die Ohren grofsenteils deckend,
über der Stirn aufstrebend und nach beiden Seiten hin sich teilend,
ist von besonderm Reize der Linienbewegung; nur an einer
Stelle am Hinterkopfe, die wenig sichtbar gewesen sein mufs, ist
es nicht ganz ausgeführt. Etwas zu seiner Linken gebogen, mit
leicht geöffneten Lippen, mit im inneren Winkel tief liegenden,
nach aufsen weich gedeckten Augen und mit stark gefurchter
Stirn, hat der Kopf einen ausgesprochenen pathetischen Zug.

Der erste Gedanke, der beim Funde sich aufdrängte und den
die meisten Betrachter bisher teilten, ist, dafs Alexander der Grofse
dargestellt sei, und diese Deutung scheint Geltung zu beanspruchen.
Was darauf führt, bedarf nicht der Auseinandersetzung, oder man

rück. Einer der zwei Pergamenischen
Herrscher, Philetairos und Eumenes IL,
deren Gesichtszüge uns bekannt sind, ist
es nicht. Auch eine andere einleuchtende
Ähnlichkeit mit einem Herrscherkopfe, als
die mit den überlieferten Zügen Alexanders,
wüfste ich nicht nachzuweisen, aber auch
keine volle Übereinstimmung mit einem
der bekannten Alexander-Köpfe.

Wie mannigfaltig diese in den einst
zahllosen Wiederholungen, welche im
Laufe von Jahrhunderten entstanden, ge-
bildet sein mufsten, hat noch Koepp
a. a. O. auseinandergesetzt. Das steht
aber für mich aufser Frace, dafs der
neue Kopf den Stempel der Kunst, wie
sie zur Königszeit in Pergamon geübt
wurde, trägt. Auf die dem vorhande-
nen Materiale nach mifsliche Unterschei-
dung pergamenischer Kunstperioden in-
nerhalb der genannten Epoche will ich
mich dabei nicht einlassen, mir geht der
Kopf aus dem Formgeschmacke nicht
heraus, den wir aus der Giganto-
machie als den der Glanzzeit unter Eumenes II. kennen. Wollte
man Anklänge an Kunstformen etwas älterer Zeit auffinden,
so würde sich das bei einer Kunst verstehen, welche in ihrer
Gesamtheit ihr historisches Gegenbild in der Periode der Caracci,
aber auch eines Lebrun und Rubens mit ihren geistesverwandten
Zeitgenossen hat.

Also, mit dieser These begleite ich die Herausgabe, wenn
Alexander, dann kein überliefertes Porträt, sondern auf solcher
Grundlage eine pergamenische idealisierende Originalschöpfung,
auf jeden Fall eines der hervorragendsten Kunstwerke, welche uns
die Ausgrabungen in der Attalidenstadt geschenkt haben.

Conze.
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