Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

Seite: d_4
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ad1908/0052
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
tele gefunden ('Ecprjfj. agy. 1905 S. 57 ff.)- Übrigens bezeichnet
die Stelle, an welcher dieser Tempel liegt, den einzigen Kult-
platz im Bezirk, dessen erhaltene Reste uns bis auf die älteste
Zeit zurückführen. Und dieser Kultplatz kann nur dem ®squw<z
AttÖHwv der Inschriften eigen gewesen sein.

Die Trümmer dieses Tempels gehören zwei ganz verschie-
denen Epochen an. Während die auf Ziegelplatten gemalten Me-
topen, zwei Sphingen als Akroterien, Dachziegel, Antefixe, Geisa
und die verschiedenen Profilstücke —■ alles aus bemalter Terra-
kotta — im allgemeinen dem VI. Jahrhundert angehören, ist der
ganze Stylobat (mit Ausnahme vielleicht von einigen Säulenstand-
platten) sowie die steinernen Säulentrommeln frühestens an das
Ende des III. Jahrhunderts (nach 206) zu setzen; das ist durch
mehrere Steine des Stylobats, zum Teil auch beschriebene, be-
wiesen, die, zerstörten Bauten des III. Jahrhunderts entnommen, hier
Verwendung gefunden haben.

Der alte Tempel — wir wollen ihn kurzweg Tempel des
VI. Jahrhunderts nennen — war, wie eben schon Kawerau ausein-
andergesetzt hat, sicherlich ein Holzbau; das erhellt aus den Me-
topen, die in Holz eingefalzt waren, und aus den Profilstücken
und Geisonplatten aus gebranntem Ton; auch hätte sich sonst
irgendein Stein vom Oberbau erhalten. Terrakotta-Triglyphen
wird man wohl ebenfalls für diesen Tempel in Anspruch nehmen,
da sich solche aus anderen alten Bauten des Bezirks erhalten haben.
Näheres über diesen Holzbau können wir aber nicht wissen; nur
soviel darf gesagt werden, daß er nicht etwa nach Art der sizi-
lischen Tempel und der Schatzhäuser in Olympia eine Terrakotta-
verkleidung hatte; wenigstens haben sich unter den, allerdings zu
einer Rekonstruktion lange nicht ausreichenden Resten keine solchen
Verkleidungs- oder Kastenstücke gefunden (vgl. aber oben S. 3
Anm. 1). Daß die erhaltenen untersten Säulentrommeln aus ge-
wöhnlichem Kalkstein nicht zum Tempel des VI. Jahrhunderts ge-
hören, ist klar; einmal waren sie nach den Dimensionen der Stein-
platten hergestellt, auf denen sie stehen und die wenigstens
größtenteils, wenn nicht sämtlich, Bauten des III. Jahrhunderts
entstammen; sodann sind sie überaus schlecht gearbeitet, und
ihre flachen Kanneluren nur zum Teil und nur auf einer Seite
ausgeführt.

Nach dem Brand des Tempels des VI. Jahrhunderts, im J. 218
oder 206, entstand auf dessen Schutt ein neuer Bau, welcher zu-
nächst einen steinernen Stylobat und steinerne Säulen bekam. Wie
er aber sonst beschaffen war, wissen wir nicht, da sich absolut
nichts vom Oberbau erhalten hat. Er muß jedoch ganz genau die
Stelle des alten verbrannten eingenommen haben; denn alle Me-
topenstücke und Antefixe sowie die beiden Sphingen wurden
außerhalb des jetzigen Stylobats an eben den Stellen gefunden,
wohin sie nur gefallen sein konnten, wenn der alte Säulengang
in allen Teilen mit dem jetzigen identisch war.

Der Tempel ist ein Peripteros mit 15x5 Säulen, nach Norden
orientiert. Auffallend groß ist seine Länge im Verhältnis zur Breite
(38x12 m). Die Cella (4,60 m breit) ist durch eine mittlere
Säulenstellung, von welcher die zehn Basen (sicher für hölzerne
Säulen) erhalten sind, der Länge nach in zwei Teile geteilt. Dem
entsprechend hat sie auch zwei Eingänge rechts und links von der
vordersten Säule; erhalten sind die Türschwellen. Eine Wand
trennt die Cella von einem Opisthodom; in seiner Mitte stand eine
Säule, eine zweite in der nach Norden offenen Eingangsseite.
Der ganze Fußboden des Tempels bestand aus einer dicken Schicht
von Kohlen, verkohltem Holz und Asche, die mit einer ungeheuren
Menge von Dachziegel- und anderen Terrakottastücken vermengt
war. Das war der Schutt des verbrannten Tempels des VI. Jahr-
hunderts. Weder der Stylobat noch die Cellawände zeigen eine
Fundamentierung. Mit einer Ausgleichsschicht und einer Stufe ist
nur ein Teil des Stylobats an der NW-Ecke versehen.

Der Tempel des VI. Jahrhunderts ist nicht der erste auf diesem
Boden gewesen. Vielmehr ist er an die Stelle eines früheren ge-
treten, dessen Mauerreste unter jener Kohlen- und Aschenschicht
zum Vorschein gekommen sind. Da der Schutt, in welchem diese
Mauerreste verborgen lagen, nur geometrische Vasenfragmente
enthielt, so muß man sie spätestens ins VIII.—VII. Jahrhundert ver-
weisen. Über diesen Tempel der geometrischen Zeit läßt sich

nichts Genaueres sagen, da sich von ihm kein architektonisches
Glied erhalten hat. Aus der Einfachheit des auf seinen Resten
gebauten Tempels des VI. Jahrhunderts läßt sich aber schließen,
daß er ein noch einfacherer Holzbau war. Vielleicht hat er auch
eine entsprechende Terrakottaverzierung gehabt, da sich ganz alter-
tümliche Antefixe (Taf. 53A, 2; *E(pr\fi. aQ%. 1900 S. 191 Fig. 4 in
der Mitte, S. 193 Fig. 5 und Tafel 10 Nr. 1—5) nebst großen, eigen-
tümlich geformten Dachziegeln (ibid. S. 198 Fig. 6), Triglyphen und
wasserspeienden Löwenköpfen (ibid. S. 161 Vignette; Taf. 53A, 1)
außerhalb des Tempels ziemlich zahlreich gefunden haben.

Noch älter als dieser Tempel ist aber der Altar anzusehen,
welcher sich hier befand. Seine Stelle bezeichnet ein beträchlicher,
gegen 2 m hoher Aschenhaufen, der, mit einer unermeßlichen
Meno-e von verbrannten Tierknochen durchsetzt, etwa den Raum
zwischen der sechsten und achten Säule des östlichen Stylobats
(von der NO-Ecke gerechnet) einerseits und der dritten und vierten
Basis der mittleren Säulenstellung andererseits ausfüllt. Genau bei
der siebenten Säule ist diese Asche ausgegraben worden und zeigte
außer den Tierknochen noch einige bronzene Votivgegenstände,
wie Pferde geometrischen Stils, Wagenräder und eine Statuette.
Je höher die Menge der mit den Knochen der geopferten Tiere
durchsetzten Asche in diesem Altar stieg, desto weiter um ihn
herum muß dieselbe sich zerstreut haben. Endlich wird man ein-
mal den Boden künstlich geebnet haben, um den ersten Tempel,
den der geometrischen Zeit, zu bauen. So erklärt sich die etwa
20 cm dicke Aschen- und Tierknochenschicht, die jetzt den ganzen
vom Tempel eingenommenen Raum bedeckt, sich auch außerhalb
desselben nach Westen und Süden ausdehnt und unterhalb der
Cellawände und des Stylobats überall noch zum Vorschein tritt,
wo sie durch die Ausgrabung nicht weggescharrt werden mußte.
In dieser Aschen- und Tierknochenschicht haben sich beim west-
lichen Stylobat auch bronzene Schwerter nebst geometrischen Va-
senscherben gefunden.

Die kleinen runden Steinplatten, die den Altar in einer Ellipse
umgeben, sind wohl Säulenbasen. Die Säulen, natürlich hölzerne,
werden eine Art von Dach getragen haben, welches vielleicht die
ursprüngliche Kultstätte überspannte (vgl. IT^axtixä 1906,136). Eine
elliptische Form hatten, wie es scheint, überhaupt die ältesten ein-
fachen Wohnungen in Thermos. Eine solche liegt südlich vom
Tempel; eine andere fand sich im Dorf Kephalowrysson nördlich
vom Bezirk. Den Sockel bildete eine Steinmauer; das übrige be-
stand aus Reisig und Stroh. Ganz ähnlich baute man schon in
vormykenischer Zeit (z. B. in Orchomenos), baut man noch heute
die einfachen Hütten in Aetolien. Eine elliptische Form hat auch
das Gebäude, welches sicher älter als der Tempel des VI.
Jahrhunderts ist, zum Teil unter ihm liegt und größtenteils
nach Norden sich ausdehnt (Ecprj/u, a.Q%. 1900 S. 191, Tafel).
Ein Brandgrab mit einem kleinen Goldschmuck hat sich in ihm
gefunden.

An verschiedenen Stellen innerhalb und außerhalb des Tempels
fanden sich große Vorratsgefäße (niOoi, 'E<pi]/u. ety/. 1900 S. 175
Fig. 2 und S. 177 Fig. 3) mit Erde und Asche gefüllt, die aus der
erwähnten Aschen- und Knochenschicht des Altars hineingeraten
sein wird. Eines dieser Gefäße war ganz leer und mit einer Stein-
platte bedeckt.

So bezeichnet also die älteste Kultstätte hier der Altar, der
vielleicht neben einem heiligen Baume oder irgendeinem Kultmale
stand. Er wird wohl bis auf die erste Besiedelung durch die
historisch-griechischen Bewohner zurückgehen. Dann baute man
einen Tempel, den man spätestens in die Zeit um das VIII.—VII.
Jahrhundert setzen wird. Auf seinen Trümmern erhob sich im
VI. Jahrhundert der Tempel, von welchem die auf unseren Tafeln
wiedergegebenen Metopen und Antefixe herrühren. Die Zerstörung
dieses Tempels erfolgte nach Polybios (V 5 ff. XI 7,2) im J. 218
oder 206 durch Philipp V. von Makedonien. Kurz nachher muß
ein notdürftiger Bau auf den Ruinen entstanden sein. In ganz
moderner Zeit stand hier eine Wassermühle (ytQOTQißüov), deren
Reste an dem östlichen Stylobat noch zu sehen sind. Ein tiefer
Schutt lagerte nur auf dem östlichen und nördlichen Teil des
Tempels; der übrige Raum war mit einer ganz dünnen Humus-
schicht bedeckt.
loading ...