Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

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'Ecprjfi. ayz. 1900, 210; grober roter Ton, die Bemalung geschwun-
den; H. 0,26 m).

1. Tafel. 52A, 2. Inv.-Nr. 13411. Aus zwei Stücken zu-
sammengesetzt; H. 0,55, Br. 0,54, D. 0,045 m- Oben glatter Rand;
die Oberfläche besonders gut erhalten. Zwei langgewandete, ge-
gürtete Frauen stehen einander gegenüber, die Rechten grüßend
erhoben. Es sind die Chariten (vapstsm), wie die Inschrift meldet,
ihrer zwei, nicht drei, wie am amyklaeischen Throne, der ja nächst
unserer Metope das älteste uns bekannte Denkmal der Göttinnen
ist. Die Platte bot bei einer Breite von 80—90 cm für eine dritte
Figur keinen Raum. Das Fleisch der Göttinnen ist weiß, ebenso
die Verzierung des Chitons der rechts Stehenden (die breiten
Streifen auf Tongrund, der Gürtel auf Firnis), dessen äußerer
Kontur mit schwarzen Punkten gesäumt ist. Sonst ist der Chiton
recht nachlässig und ungleich mit (zum Teil stark verdünntem)
Firnis gedeckt, nur der obere Saum rot aufgehöht.

2. Tafel 52A, 4. Inv.-Nr. 13408. Linke Hälfte einer Platte,
oben Rand erhalten (glatt, ohne Zapfen), unten ein kleiner Streif
abgebrochen. H. 0,605, Br. 0,38, D. 0,04. Links drei vor-
geritzte senkrechte Richtlinien für den sehr verblaßten Rosetten-
fries, auf den der Schweif und das rechte Hinterbein der Chimaera
übergreifen. Rechts ist gerade noch der Ansatz des nach vorn
gekehrten Ziegenleibes erhalten. Die Konturen und die Innen-
zeichnung in Firnis, die Fläche des Körpers orangerot, zum Teil
mit Weinrot gedeckt. Einzelne Linien der Innenzeichnung in einer
dritten mattroten Nuance. Am Schweife weiße Linien, Striche
und Punktreihen, zur Angabe der Schuppen des Schlangenleibes.
Die Rückenmähne des Löwenkörpers zieht sich bis zum Schweif
hin, wie bei zahlreichen archaischen Löwen.

3. Tafel 52A, 3. Inv.-Nr. 13404. Oberes Randstück glatt.
H. 0,25, Br. 0.21, D. 0,04. Von der nach links gewandten,
stehenden Iris (F2PSM) sind außer ihrer Namensbeischrift nur der
Hinterkopf mit dem lang herabfallenden Haare, ein Stück des
Flügels (darauf Spuren roter und vielleicht auch weißer Linien) und
dessen aufgebogenes Ende erhalten.

Außer diesen wichtigen Stücken sind von diesen kleineren
Metopen noch mehrere Fragmente erhalten, zum Teil ganz kleine,
mit Tatze (Tafel 52 A, 4 a, nicht zur Chimaera gehörig), Bug,
Schweif von Raubtieren. Tafel 52 A, 1 gibt ein Bruchstück (Inv.-
Nr. 13405; H. 0,18, Br. 0,36, D. 0,045) eines erotischen Symplegma.

Besonders wichtig sind die Inschriften dieser Metopen. F3PSM
zeigt gewöhnliches altkorinthisches Alphabet, Vapst^M fügt dazu
eine Form des /, die wohl auf den Einfluß der chalkidischen Kolonien
an der aetolischen Küste zurückzuführen ist. Dagegen bietet
xp^SAFON der großen Metope Tafel 50, 1 die korinthische Form
desselben Buchstabens.

Daß auch das speziell korinthische B = E fehlt, ist nicht ent-
scheidend; denn auf einem korinthischen Pinax (Antike Denk-
mäler II Taf. 30 Nr. 9) kommen in demselben Wort s/us beide
Formen vor, die speziell korinthische und die gemein griechische.
Es dürfte deshalb behauptet werden, daß das Alphabet im ganzen
wohl korinthisch ist, daß es aber (im V=X) auch Einflüsse von den
an der aetolischen Küste gegründeten chalkidischen Kolonien und
den benachbarten Lokrern erfahren hat.

4. DIE ANTEFIXE.

Alle Stirnziegel des Daches am Tempel zu Thermos trugen
Frauen-, Männer- oder Silensmasken. Wasserspeiend, also an Flach-
ziegeln angebracht, sind nur die Silens- und einige Männerköpfe1),
niemals die der Frauen, die nur Deckziegel verzieren. Die bei
weitem größere Zahl der Frauenmasken zeigt den ziemlich ein-
förmigen archaischen Gesichtstypus, sehr wenige den des V. Jahr-
hunderts. Die Männertypen sind auch zum Teil archaisch, zum
Teil jünger; ähnlich die der Silene. Diese zeigen das Bestreben,
beim Ersatz archaischer defekter Stücke den alten Stil in jüngerer
Zeit nachzuahmen.

Tafel 53 gibt die grelle Farbigkeit der Originale nach
Gillierons Aquarellen, auf Tafel 53 A treten ergänzend einige Photo-

') Bei den Silenen floß das Wasser aus dem weit geöffneten Munde, bei den Männern
aus einem Loche unter dem Kinn; vgl. Abb. I und Taf. 53A, 8. Auf Taf. 53, 5 ist der
Hals mit diesem Loche weggebrochen.

Antike Denkmäler 1908.

graphien hinzu. Den herrlichen archaischen Silenskopf Tafel 53, 1,
voll übersprudelnder bestialischer Fröhlichkeit, kann man mit der
schönen Bronze aus Dodona (Carapanos, Dodone Tafel 9; A. Della
Seta, La genesi dello scorcio nell' arte greca Tafel 14, 3) ver-
gleichen. Sein Profil gibt Abb. 8. Der jüngere Silen (Tafel 53, 2;
5 3 A, 5, 5 a) ist nur die schwächliche Nachbildung einer Zeit, die
den alten Pferdedämon längst durch den viel menschlicheren Satyrn
ersetzt hatte und hier nur ausnahmsweise den archaischen Silen
wiedergibt. Ebenso sind die jüngeren Männerköpfe (Tafel 53A,

Abb. 8. Profil des Silens Taf. 53, 1.

7, 7a und Abb. i)2) nur Erneuerungen defekter Exemplare des
alten Typus (Tafel 53, 3; 53A, 6, 6 a); daneben aber finden sich
Männerköpfe in schönem, freiem Stil des V. Jahrhunderts, die nur
in der Haartracht das alte Schema wahren, während sie den
archaischen Spitzbart durch den breiten wallenden Bart ihrer
eigenen Zeit ersetzen (Tafel 5 3 A, 8,8 a). Den steifen Frauentypus der
ursprünglichen Antefixe (Tafel 53, 4; 53A, 3, 3a) reproduzieren in
recht freier Weise die jüngeren wie Tafel 53, 5 (der reiche Hals-
schmuck besser erhalten auf Phot. d. Inst. Akarn. 267, 277) und
53A 2, 4, sowie Abb. 9. Nur der Polos und das gescheitelte,

Abb. 9. Einer der jüngeren Stirnziegel.

wellige Haar, das in je drei Strähnen vorne über die Schultern
fällt, bleiben gewahrt, der Gesichtstypus wechselt mit den Jahr-
hunderten.

Die Herstellungsweise dieser Masken war, wie mehrere Frag-
mente zeigen, folgende. Der Deck- oder Flachziegel bekam vorn
die vertikale Platte mit einem dicken Wulst in der Mitte gleich
bei der ersten Formung des grobkörnigen Tons. Der ganze
Ziegel wurde dann mit einer Schicht von gutgeschlämmtem gelb-

2) Der junge Mann, (man beobachte die gravierten Augensterne!) steht auf Abb. I
zwischen zwei archaischen Frauenköpfei^, um zu zeigen, wie etwa die Ergänzung defekter
Exemplare durch neue aussehen mochte.
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