Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 2): Monographie — Berlin, 1908

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Im unteren Streifen, der vom oberen durch eine auf
schwarzen Grund aufgesetzte violette Linie getrennt wird, ist eine
Reihe von zehn nach links gewendeten fressenden Kranichen dar-
gestellt, von denen drei weiß sind. Ihnen läuft an dem einen
Henkel ein kleiner bärtiger, nackter Mann entgegen, die L. mit
einer Gebärde des Staunens vorstreckend.

Auf der Schulter rings um den Halsansatz ein Stabornament
in Weiß, Schwarz und Rot. Das Feld der Schulter wird durch
die Henkel in zwei Teile zerlegt: a) zwei Paare gegen ein-
ander kämpfender Hähne und ein fünfter ruhig zuschauender (2 a),
b) um ein Lotospalmettenornament gruppierte Sirenen und Sphinxe
(2 b). In den Raum zwischen den Henkelansätzen ist je eine Sirene
mit ausgebreiteten Flügeln ohne Deckfarben oder Gravierung nur
als Silhouette hineingemalt (2 c).

Die am oberen Teile des Bauches befindliche Hauptdarstellung
der Vase wird oben von einem schwarz-weißen Halbmondstreifen,
unten von einem Streifen schwarzer Tupfen mit weißen Mittel-
punkten und von schwarzen Linien umrahmt abgeschlossen. Es ist
ein Reigen von 16 Mädchen dargestellt, die einander am Hand-
gelenk fassend sich nach den Tönen einer unter dem einen Henkel
stehenden, den Takt angebenden Flötenbläserin bewegen (ia. b).
Die letzte der Reihe hält in der freien Hand einen Kranz, die
Hand des vordersten Mädchens ist weggebrochen. Alle tragen
den eng anliegenden, um die Hüften gegürteten ionischen Chiton
mit kurzen, geknöpften Ärmeln. Im schwarzen Haare, das tief
auf den Rücken bis nahe an den Gürtel herunterfällt, tragen
sie eine breite, rote Tänie, am Halse eine Perlenschnur oder ein
festes Halsband, am Ohr eine runde Scheibe mit Sternmuster.
Die Striche darüber sollen wohl den kapselartigen Ohrschmuck
darstellen, den wir besonders von kyprischen archaischen Frauen-
köpfen her kennen. Die Füße der Mädchen sind abwechselnd
nackt und mit Schnabelschuhen bekleidet.

In der Nähe des Fußes ist schließlich ein umlaufender Fries
von nach rechts gewendeten Sirenen gemalt, von denen einige
rote Tänien im Haar tragen, eine mit einem Halsband ausgestattet
ist (5). Dieser Sirenenfries wird von drei schwarzen Linien, denen
dann breitere rote Streifen folgen, unten abgeschlossen.

B. Taf. 55. Berlin, Vas.-Inv. Nr. 4531. Aus Fragmenten zu-
sammengesetzt und ergänzt wie A. Es fehlen der Hals mit der
Mündung und der eine Henkel.

Diese Vase gehört derselben Amphorengattung mit den hori-
zontalen Henkeln an wie A, war aber größer: die Höhe bis zum
Haisansatze 0,43 m, der größte Umfang 1,28 m, während die
entsprechenden Maße von A nur 0,38 m und 1,15 m betragen. Bauch
und Schulter von B treffen sich auch mit schärferer Kante, als es
bei A der Fall ist.

Die Technik scheint im großen und ganzen derjenigen von
A ähnlich gewesen zu sein. Doch wird der Eindruck der Vase
durch den Zustand der sehr zerriebenen Oberfläche bedeutend be-
einträchtigt. Die Deckfarben Weiß und Rot lassen sich deswegen
nicht überall, wo sie einst vorhanden waren, in Spuren mehr feststellen.
Die Frauenmasken des erhaltenen kannelierten Henkels (4a. b),
der eine Höhe von o, 11 m erreicht, haben ein kräftiger und voller
gearbeitetes Kinn, als die von A. Der weiße Überzug mit der
Innenzeichnung ist fast vollständig abgegangen. Die Schulterbilder
werden auch hier durch einen jetzt abgebrochenen plastischen
Rundstab, an den sich ein großes schwarz-weiß-rotes Stabornament
anschließt, nach oben hin begrenzt. Von der Darstellung der
einen Seite ist nur rechts vom Henkel ein vollgerüsteter Krieger
auf seinem Wagen und ein geringer Rest einer weiteren Figur er-
halten (2 a). Wie gewöhnlich in der älteren archaischen Vasen-
malerei sind die Pferde von verschiedener Farbe: das vordere
schwarz, das hintere weiß. Der Greifenkopf am Schlußstück der
Deichsel ist wie an den klazomenischen Sarkophagen mit einem
Ring zum Durchziehen der Zügel versehen. Das vierspeichige Rad
war nach den geringen Farbenresten weiß mit schwarzen Details.
Der Krieger, dessen Panzer unten mit Lederlaschen, mtyvyeg, aus-
gestattet ist, hält mit der Rechten die Zügel, mit der Linken den
Rundschild. Vor den Pferden stand eine in langen Chiton und
Mantel gekleidete weibliche Figur ohne Schuhe, deren Oberkörper
fehlt. Zwischen den Henkelansätzen ist der Unterteil einer nach
Antike Denkmäler 1908.

rechts laufenden langbekleideten Frau noch zu sehen. Auf der
andern Seite vom Henkel (2 b) erscheint zunächst eine nach links
schreitende, in Chiton und Mantel gekleidete Figur. Der leinene
Stoff des Chitons ist, wie oft in der archaischen Kunst, im Gegensatz
zum dicken Wollenstoff des Mantels durch Zickzacklinien charak-
terisiert. Dann war ein nach links weit ausschreitender Krieger mit
roten Beinschienen dargestellt und vor ihm ein Reiter, dessen
Pferd noch zum Teil erhalten ist. Vor diesem springt ein kleiner
Damhirsch in die Höhe, dessen Kopf verloren gegangen ist. Nur
von dem großen Geweih ist das obere Ende erhalten. Weiter nach
links folgen ein nach links stürmender Krieger, ein in derselben
Richtung springender Damhirsch, der untere Teil einer nach rechts
gewendeten Frau und die Beine eines gleichfalls nach rechts
schreitenden Kriegers. Von den Deckfarben Rot und Weiß scheint
reichlicher Gebrauch gemacht worden zu sein.

Am Bauche ist wie auf A unter dem schwarz-weißen Halb-
mondstreifen ein Tanzchor von Mädchen dargestellt, die in einem
ähnlichen Gewände erscheinen (ia. b). Auch hier geht der Reigen
von der Henkelgegend aus, wo die Flötenbläserin ihren Platz hat.
Das Weiß der nackten Körperteile ist vielfach abgesprungen. Die
Innenzeichnung der weiß gemalten Partien ist hier geritzt, nicht
wie bei A gemalt. Die Mädchen tragen meistens ein Halsband
mit Bommel, einige halten Kränze. Das Gewand war mit weißen
Kreuzchen und an der vorderen Borte mit einer weißen Punkt-
reihe verziert. Der untere Saum und der Gürtel waren bei einigen
Figuren wahrscheinlich rot. Die Flötenbläserin trägt über dem
durch Wellenlinien gekennzeichneten Linnenchiton noch einen
Mantel.

Unten läuft ein Tierstreif um den Bauch herum (3 a. b). Von
beiden Seiten wird ein Stier von je einem Löwen angegriffen. Dann
folgt eine Reihe nach links gewendeter Tiere, die teilweise nicht
ganz erhalten sind, nämlich Damhirsch, Löwe, Stier, Damhirsch. —
Auch hier sind Spuren roter und weißer Bemalung stellenweise noch
erkennbar. So fanden sich Spuren von Rot am Bauchstreifen der
Tiere und am Halse des einen Hirsches. Weiß war zu Tupfen
und Punktreihen verwandt worden. Der Fuß ist mit einem Stab-
ornament geziert.

Fragmente: C. Taf. 56, 1. Berlin, Vas.-Inv. Nr. 4531 Aa. Frag-
ment eines größeren Deckels, wahrscheinlich zu einer Deckelschale ge-
hörig. Größte Höhe 0,14 m. Heller Ton, schwarzer Firnis, der stark
abgerieben ist. Im oberen Bildstreifen ist eine Sphinx, im unteren
eine Sirene und die Flügel eines ähnlichen Wesens oder wahr-
scheinlicher einer Sphinx zu sehen.

D. Taf. 56, 2. Kgl. Museum in Cassel, Inv. I 438. Kännchen
mit Kleeblattmündung. Höhe mit dem Henkel 0,125 m. Im aus-
gesparten Bildfelde ein Triton nach links, der einen Kranz in der
Linken hält. Im Grunde zwei Delphine. Die weiße Farbe un-
mittelbar auf den Tongrund gesetzt. Darauf die Innenzeichnung mit
verdünntem Firnis.

E. Taf. 56, 3. Berlin, Vas.-Inv. Nr. 4531 Ab. Größte Breite
0,175 m. Stück vom Bauche und der Schulter mit dem Hals-
ansatze eines großen Gefäßes wie F. Das Stabornament auf der
Schulter ganz ähnlich wie auf jenem Gefäß. Der Hals war in-
und auswendig schwarz gemalt. Am Bauche sieht man den weißen
Oberkörper eines nach rechts galoppierenden Reiters, dessen Haare
in vier Locken tief auf den Rücken herunterfallen. Am Kopfe
trägt er eine Binde. Das Pferd ist schwarz mit weißer Mähne.
Unter oder neben dem Pferde läuft ein weißer Hund mit Halsband.
Vor dem Pferdekopf stößt ein Adler senkrecht herunter. Links vom
Kopfe des Reiters ein kleiner undeutlicher Rest.

F. Taf. 56, 4. Berlin, Vas.-Inv. Nr. 453iAc. Stück vom
Bauche und der Schulter eines großen Gefäßes, wahrscheinlich einer
Amphora, mit dem Reste eines Henkels. Größte Breite 0,21 m.
Auf der Schulter am Halsansatz das übliche Stabornament. Von
der Darstellung des Bauches ist das Pferdehinterteil wohl von einem
Kentauren, der auf der Schulter einen Baumzweig trug, und da-
hinter unter dem Henkel der Oberteil einer Frau, deren auf die
Schulter übergreifender Kopf nicht mehr erhalten ist, noch sichtbar.
Die auf den Rücken herunterfallenden Haare sind durch eingeritzte
Wellenlinien gegeben. An der Brust der Frau ein weißer Tupfen,
der wahrscheinlich von der Hand der Frau herrührt, mit der sie den

S
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