Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 7
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ad1926/0013
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
von vorn, der rechts von der Seite gesehen. Beide wiegen
sich im Zehenstand auf den schwanken Schalen und halten
sich mit hocherhobenen Händen (rechts fehlen die Unterarme)
an der mittleren Schnur fest, den Blick abwärts gerichtet. Der
etwas kleinere rechts wiegt leichter, so daß die Wage hier empor-
schnellt. Die Frau auf dieser Seite stützt ihr betrübtes und un-
mutiges Antlitz tief herab in die Rechte, während ihre verhüllte
Linke von innen in den Mantel greift, der in schweren Falten
über die Beine hängt. Die Frau links dagegen drückt mit er-
hobener Hand und leisem Lächeln ihre Freude über das bessere
Gewicht auf ihrer Seite aus.

Den nahe liegenden, am bestimmtesten von J. de Mot in der
Revue archeologique XVII 1911, 149 ff. ausgesprochenen Gedanken,
es sei eine von den epischen Psychostasien gemeint, widerlegt der ge-
nauere Vergleich mit den erhaltenen Darstellungen dieses Gegenstan-
des, mit denen das Relief im Grunde nichts gemein hat als die Wägung
kleiner männlicher Figuren. Da der lächelnde Flügelknabe nur
Eros sein kann, was zuerst entschieden John Marshall aussprach
(Burlington Magazine XVII, Juli 1910, 249), muß es sich um Liebes-
sachen handeln, wofür der Gebrauch der Wage verschiedentlich
bezeugt ist. Der Unterzeichnete versuchte im Jahrbuch S. 141 ff. (wie
in Kürze auch Petersen, Vom alten Rom* S. 145) ausführlich
die Meinung zu begründen, daß die Aufteilung des Adonis zwischen
Aphrodite und Persephone zum Nachteil der letztern zu erkennen
ist. Dazu passen die Attribute in den Zwickeldreiecken der Voluten,
rechts der chthonische Granatapfel, links der Seefisch, dieser hier
besonders angemessen, da das Gegenstück L nach Petersens über-
zeugender, im Jahrbuch S. 108 ff. aufs neue verteidigter Deutung
in seinem Hauptrelief die Meergeburt Aphrodites vorstellt.

Auch die Schmalseiten des Bostoner Denkmals lassen sich aus
dieser Sage erklären. Der an Persephone lehnende Jüngling, der
sich am Leierspiel vergnügt, wäre Adonis selbst, welchen die
Göttin in der Unterwelt zurückhält. Die vorzüglich charakterisierte
Greisin des linken Flügels, nach allen Analogien, auch der nächsten,

der Gerepso des Pistoxenosbechers in Schwerin (Hartwig, Meister-
schalen 376), eine Trophos, wäre die Amme der Myrrha, der
Mutter des Adonis (Ovid, Met. 10, 510 ff., Antoninus Liber., Met.
34), dargestellt wie sie den Myrrhenbaum behütet, in den die
Tochter des Kinyras nach ihrer blutschänderischen Verbindung mit
dem Vater verwandelt wurde.

Bewähren sich diese Deutungen, dann rühren die beiden
Reliefwerke von einem Altar der Aphrodite und des Adonis her,
dessen ursprünglicher Standort auf Cypem, vielleicht in Amathus
zu suchen wäre (Pausanias 9, 41, 2). Jedenfalls aber besitzen wir
in dem Bostoner Denkmal ein würdiges Seitenstück des mit Recht
allgemein gepriesenen Ludovisi'schen. Der Stil ist in allem Wesent-
lichen derselbe, wenn auch Grunde zu finden sein mögen, an ver-
schiedene Hände zu denken. Dazu gehört nicht das höhere Relief
des B, durchschnittlich 0,08, am Kopfe des Eros sogar 0,105,
gegen 0,06 oder wenig mehr an L. Denn es ergibt sich eben
aus der vom Gegenstande verlangten Vorderansicht des Eroskopfes.
Die Komposition fordert auf B auch das weite Auseinanderrücken
der zwei Sitzenden, das zu dem befremdlichen Hinausragen ihrer
aufgestützten Arme über die tektonischen Ecken führt. Daß sie
nicht ganz so streng symmetrisch bleiben konnte, wie die geschlos-
senere Dreifigurengruppe von L, ergibt die Dissonanz des gestörten
Gleichgewichtes der Wage, deren Auflösung der Meister mit größter
Kunst bewirkt hat (Jahrbuch S. 119 ff.). Bewundernswert ist auch der
Reichtum an Formen, besonders des psychischen Ausdrucks. Es ist ein
echtes Werk der Übergangszeit gleich nach den Perserkriegen aus
dem Bereiche, den wir am vollständigsten durch die attischen
Vasen kennen, zu denen sich zahlreiche Beziehungen ergeben.
Auch auf die große attische Kunst weist manches voraus, so der
Kopftypus des Jünglings auf den des Myronischen Diskoswerfers.
Doch mag, bei dem starken Einfluß ionischer Kunst auf die damalige
attische, dessen bedeutendster Träger Polygnot wurde, auch ein
solcher Meister in Betracht kommen. Franz, Siudniczka.

Antike Denkmäler 1912
loading ...