Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 9
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Werkes zu bewahren gewußt hat Dazu kommt eine selten gute
Erhaltung« Abgesehen von den überhaupt fehlenden Teilen ist die
Figur ausgezeichnet erhalten, die warmgelbliche Oberfläche ist in
großen Teilen fast unberührt, der Kopf vor allem bis aufs letzte
unversehrt, Bddaß die feine Profillinie hier einmal vollkommen
antik ist.

Die Verletzungen der Statue zählt am vollständigsten Pollack in
den Österreichischen Jahresheften XII 1909 S. 154 auf und überhebt
mich dieser Pflicht, zumal unsere Abbildungen alles erkennen lassen.
Wichtig ist, daß einzelne Teile .schon im Altertum angesetzt waren,
teils von Anfang an, wie der hintere obere Teil des Helmes, der
linke Fuß und der linke Unterarm, die iiber den Kontur des
Blockes, aus dem die Statue gearbeitetwar, herausragten. Der linke
Arm war mittelst eines Eiscndübels, dessen Rest noch erhalten ist,
angesetzt. Dagegen weist auf eine Reparatur im Altertum der
Eisenstift in dein Stumpfe des rechten Oberarmes hin. Hier hat
der Marmor Bruchflache. Mit der Statue zusammen gefunden und
sicher zu ihr gehörig ist eine feine rechte Hand, die einen zylin-
drischen, stabförmigen Gegenstand hält, der oben und unten eine
leicht gerauhte Ansatzhache und ein 1 cm tiefes Bohrloch hat, also
sich nach oben und unten fortsetzte. Ferner ein Unterarm, der an
beiden Enden Brnchflache hat und in dessen unterem Ende noch der
Eisenstift steckt, mit dem die Hand (erst bei einer antiken Reparatur)
befestigt war, während in das obere Ende ein tiefes, jetzt leeres
Bohrloch für den Stift geht, der die Verbindung mit dem Oberarm
herstellte. Der Stift war, wie ein senkrechtes Bohrloch am Arm
zeigt, vergossen.

Die Statue ist 1,73 m hoch, die Plinthe 0,04 m.

Der Torso der Frankfurter Athena ist aus pentelischem, der
eingesetzte Kopf aus parischem Marmor gearbeitet. Zweifel
an der Zusammengehörigkeit von Kopf und Statue, wie sie gelegent-
lich laut geworden sind, sind unberechtigt. Der Wechsel des
Materiales darf dafür nicht angeführt werden, weil er zu häufig
vorkommt. Der Kontur der Büste paßt scharf in den Halsausschnitt
des Peplos, wie es üblich ist. Wenn der Kopf gegenwärtig nicht
absolut scharf sich einpassen läßt, so liegt das daran, daß an der
oberen Seite der linken Schulter und im Nacken an dem Torso ein
Teil weggebrochen ist und damit hier jetzt die Kante fehlt, an die
der angesetzte Kopf anschließen mußte. Der genaue Zusammen-
schluß war aber natürlich bei den beiden Stücken nur für die
Kanten erreicht, und seit diese auf der einen Seite fehlt, ist der
Kopf nicht mehr absolut auf dem Torso fixiert, sondern er kann
um ein weniges vorwärts oder rückwärts geneigt werden. Unsere
Profilansicht des Kopfes (Abb. 1) läßt erkennen, daß hier eine
schmale Fuge zwischen Hals und Körper mit Gips verstrichen
ist. Für die Fixierung des Kopfes mußte maßgebend sein, daß
die Kante des Rückenteiles des Überschlages am Peplos, die in
einer ziemlich geraden Linie über den linken Oberarm hinaufgeht,
in ihrer Verlängerung genau an der Kante des eingesetzten
Nackens hinlaufen mußte.

B. Sauer hatte bereits 1902 in einem Athena-Torso des
Louvre (Clarac-Reinach, Repert. I 151, 3, II 673,9; Furtwängler,
Masterpieces S. 27) eine Wiederholung der Athena aus der
Marsyasgruppe vermutet. Veröffentlicht hat er seine Ver-
mutung mit einer ersten Rekonstruktionsskizze erst in der Wochen-
schrift für klass. Phü. 1907 Sp. 1204 ff. Mittlerweile waren
1906 archäologisch geschulte Augen auf eine Replik dieser Figur
aufmerksam geworden, die bereits 25 Jahre vorher in Rom an der
Via Gregoriana Nr. 32 gefunden, bisher aber in Privatbesitz nicht
weiter beachtet war. Pollack erkannte, ohne von Sauers Vermutung
zu wissen, die Figur in ihrer Bedeutung, ebenso Arndt nach
einer Photographie. Man sah ferner, daß der Kopf, den das
römische Exemplar trug, in einer Dresdener Replik (Brunn-Bruck-
mann Denkm. Taf. 591) bereits langer vorhanden war. Nach dem
Pariser Torso, dem Dresdener Kopf und der Photographie des
römischen Exemplares regte Furtwängler eine Rekonstruktion in
Gips an, die in München unter Sievekings Leitung von K. Baur
ausgeführt und im Archäol. Anz. 1908 Sp. 341 ff. veröffentlicht und
besprochen wurde. Sauer behandelte die Repliken der Figur im
Zusammenhang mit der Marsyasgruppe im Arch. Jahrb. XXIII 1908
S. 125 fr., noch ohne genauere Kenntnis des Frankfurter Exem-
Antike Denkmäler 1912.

plarcs. Die erste Veröffentlichung des römischen, mittlerweile für
die Frankfurter städtische Skulpturensammlung erworbenen
Exemplares erfolgte durch Pollack in den Osterr. Jahresheften
XII 1909 S. 154ff. Beiblatt S. 221.

Eine gewisse Rechtfertigung erfordert gegenüber den früheren
Abbildungen unsere Tafel. Die einzig wirklich guten Aufnahmen
nach dem Original hat bisher Pollack in den Osterr. Jahresheften
gebracht. Die dort als Hauptansicht gegebene dreht die Figur
soweit nach rechts, daß der Kopf in reiner Profilansicht erscheint,
etwa so, wie unsere Abbildung 2 a die Gestalt zeigt. Unsere auf
Taf. 9 wiedergegebene Hauptansicht weicht davon bewußt ab,
indem sie den Körper vollständig in Vorderansicht bringt, ähnlich
wie Sieveking und Sauer mit ganz richtigem Gefühl die Figur
stellten (bei Sievekings Rekonstruktion darf man sich dabei nicht
durch den noch nicht ganz richtig aufgesetzten Kopf täuschen
lassen). Nicht nur kommt meiner Ansicht nach so die doppelte
Bewegung der Figur — die plötzliche Wendung nach rechts, während
die Figur schon in einer Bewegung nach links hin begriffen war
— klarer zum Ausdruck, sondern es scheint mir vor allem die
rein frontale Aufstellung, die die Figur in eine parallel zum Be-
schauer gerichtete Fläche bringt,_ zu dein Stil der Statue zu passen.
Die ganze Gruppe des Myron muß, auch bei aller scheinbaren
Freiheit der Bewegung im Einzelnen, noch nach Möglichkeit den
reliefartigen Charakter wahren. Die Athena, die, wie die Seiten-
ansicht zeigt, auffallend flach gehalten ist, fordert dazu gerades-
wegs heraus. Diese Seitenansicht (Abb. 2 b) schien mir ebenfalls nicht
uninteressant für den Künstler wie für den Kopisten. Für letzteren,
weil sie eine gewisse Sorglosigkeit erkennen läßt. Das Bein der
Athena wirkt unter dem Gewände viel zu dick. Die Replik im
Louvre, die überhaupt in Einzelheiten und namentlich in der Aus-
fuhrung der Rückenansicht korrekter ist, hat diesen Fehler nicht.
Für- den Künstler ist sie charakteristisch, weil die kleinen Knicke,
die durch das Stauchen des herabfallenden Gewandes auf der
Wade entstehen, einer jener Züge sind, die das Streben des
Künstlers, kleine naturalistische Einzelheiten zu beobachten und
wiederzugeben, zeigen. Die Profilansicht des Kopfes (Abb. 1), die
zugleich die Ineinanderfugung von Kopf und Körper zeigen sollte,
laßt dies ebenso erkennen. Die wundervoll feine, zart bewegte
Linie hat ein durchaus individuelles Gepräge, die leise gewölbte
Stirn, die aus der Stirn energisch vorspringende Nase mit dem
durchaus nicht absolut geradlinig verlaufenden Rücken sind eben-
so charakteristisch wie der kräftige Mund mit der kurzen Ober-
lippe und der vollen, etwas patzigen Unterlippe. Man hat den
Eindruck, daß der Künstler ein bestimmtes Modell vor sich hat
und dies nicht nach einem Idealtypus ummodelt. Hierin aber
Hegt, wie mir scheint, gerade eine Verwandtschaft mit dem in
mancher Einzelheit sonst abweichenden Diskobol, dessen ebenso
fein detailliertes Profil man auf der schönen von Studniczka ge-
gebenen Tafel VII der Festschrift f. Benndorf vergleiche. Das ist eben
Myron, der in gewisser Beziehung der vollendetste Vertreter der
Richtung attischer Kunst ist, die seit dem VI. Jahrhundert in
Malerei und Plastik nach Naturalismus hinstrebt und die durch das
Auftreten des Polygnot und Phidias, die die attische Kunst für lange
in die idealisierende Richtung hineinzwangen, zurückgedrängt wurde.

Noch in einem anderen Zuge zeigt Myron sich in der Statue
gleichsam als ein Vorläufer des Hellenismus. Es war keine Groß-
tat der Göttin, die es zu bilden galt. Nicht ganz würdig der
ernsten Göttin mag der Vorgang dem Künstler erschienen sein —
ein Jugendstreich, wie sie da unmutig die Flöten wegwirft und
dann doch den Silen, der sie aufheben will, wegscheucht. Da
bildet er kühn die Göttin als Madchen. Straff und knapp sind
die jugendlichen Formen des schlanken attischen Madchens, das
hier als Athena vor uns steht, wirksam gehoben durch die
schlichte Peplostracht. Über das feine Gesicht geht ein trotziger
Zug, wie sie den Silen zurückweist. Herbe jungfrauliche Anmut, ge-
paart mit einem noch nicht recht gezügelten Temperament, verkörpert
Myrons Athena, und gerade durch diese Menschlichkeit und das
Persönliche ihres Wesens tritt sie uns nahe. I )er Eigenart wird
man ganz inne, wenn man die Athenen phidiasischer Richtung mit
ihr vergleicht. Erst bei diesem Vergleich, da aber auch sofort,
habe ich voll empfunden, wie die sogenannte Athena Lemnia sich

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