Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 18
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Tafel 19. STATUE AUS DEM HERATEMPEL IN PERGAMON.

Die auf Tafel 19 in einer Vorderansicht abgebildete über-
lebensgroße Statue aus weißem Marmor wurde im Jahre 1911
bei den Ausgrabungen unseres Instituts in Pergamon in der Ruine
des Tempels gefunden, der nach dem Zeugnisse der Architrav-
inschrift von König Attalos II. der Hera Basileia gewidmet wurde.
Der Tempel krönt, hoch über ihr gelegen, die gewaltige Drei-
terrassen-Anlage der Gymnasien.

Über den Fund haben Dorpfeld und Ippel in den Athen. Mitt.
des Instituts XXXVII 1912 S. 261 und 316 ff. berichtet und ge-
handelt, mit Abbildungen der Statue im Texte und auf Taf. XXIIa
und XXVI. Wenn wir noch einmal eine Abbildung bringen, so
geschieht es, um durch deren größeren Maßstab auch nach dieser,
nicht unwesentlichen Seite hin dem Kunstwerke gerecht zu werden,
und um es in seiner Bedeutung für die Geschichte der Skulptur
in Pergamon aufs neue der Aufmerksamkeit zu empfehlen.

Den genannten Berichterstattern entnehmen wir, daß die Statue
jedenfalls im Tempel ihren Platz hatte, in zwei Hauptteile aus-
einander gebrochen, wurde sie unter den Trümmern des Baues be-
graben gefunden. Ihrer Fall-Lage nach scheint sie auf dem linken
schmaleren Teile der Basis gestanden zu haben, welche an der
ganzen Rückwand der Cella entlang zieht Ihr Platz wäre etwa
bei a auf dem Grundrisse Athen. Mitt. 1912, Taf XVII gewesen,
nicht auf dem mittleren vorspringenden Teite der Basis, welche
das, leider verschwundene, Kultusbild der Hera getragen haben
wird. Wir setzen hinzu, daß die Statue ihrem ganzen Umrisse
nach nicht als Teil einer Gruppe, sondern als eine Einzelfigur
erscheint.

Stellung und Gewandung entsprechen unter pergamenischen
Skulpturen denen des Zeus Amnion (A. v. P. VII, n. 41), nur daß
dessen Körperwendung eine andere ist, kehren auch wieder in
dem, aber weit lebhafter bewegten sog. Poseidon (A. v. P. VII,
n. 149). Man sieht, wie bei verschiedenen Darstellungen die

Gesamterscheinung vorkommen kann. Dorpfeld erkennt in unserer
Statue einen Zeus, dem zusammen mit der Hera Basileia eine
unterhalb des Tempels gefundene Weihinschrift gilt (Athen. Mitt.
des Instituts XXXIII 190S, S. 402, n. 28). Irgend eine Einzelheit
deutet nicht auf Zeus; die linke Hand ist mit offenen Fingern
leicht an die Hüfte gelegt. Die Gesamterscheinung, bei der in
der gehobenen Rechten ein Speer oder Szepter vorauszusetzen
ist, laßt ebensowohl die Deutung Ippels auf einen Herrscher zu,
der als aüwao; der Hera gesellt gewesen wäre. Leider fehlt der
Kopf, von dem nur ein Rest hinten herabfallenden Haares im
Nacken erhalten ist. Ob ein Gegenstück, und welches dann, auf
dem rechten schmaleren Teile der Wandbasis gestanden haben
mag, bleibt bei beiden Deutungen gleich fraglich. Beide Erklarer
setzen die Statue, als im Tempelbau Attalos des Zweiten aufge-
stellt, mit in der Tat hoher Wahrscheinlichkeit an das Ende der
Königszeit.

Für diese Zeitansetzung spricht die Betrachtung des stilistischen
Charakters der Figur bei Vergleichung mit statuarischen Werken,
die wir der früheren Königszeit zuschreiben; wir fassen die auf
Taf XII und folgenden des Bandes VII der A. v. P. ins Auge.

Ein Blick auf die Statue aus dem Heratempel muß es dem,
der mit der Melpomene benannten Gestalt (Taf. XIV. XV) und
den ihr stilistisch nächst verwandten Werken vertraut ist. evident
machen, daß unsere Statue einer jüngeren Entwicklung der Kunst
angehört Jene großen Gestalten — man kann auch die erwähnte
des sog Poseidon hinzunehmen — stehen da in einer Einheitlich-
keit von Körper und Gewand, dem hier ein Auseinanderfallen von
beidem gegenübersteht. Das Nackte ist schematisch geworden,
die Liebe des Bildhauers hat sich dem Gewände mit einem fast
gekünstelten Zurechtlegen und Durchfuhren zugewandt, ohne daß
doch eigene Erfindung Neues hinzugetan hatte.

Man kann sagen, daß die Vergleichung des Kunstcharakters
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