Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 24
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Die weichen, kurzen, gebogenen, unten spitzen, oben mitunter
gekerbten Flocken schieben sich leicht übereinander. An den
Brauen, die fast zusammenwachsen, sind die Haare buschiger. —
Im Auge sind Iris und Pupille mit freier Hand ziemlich unsicher
graviert, die erstere als unvollständige Ellipse, die letztere als voller
Kreis; ein unregelmäßigerschwarzer Fleck auf der Pupille könnte Farbe
sein; im Weißen des Auges sind Reste einer hellen Auflage (Schwefel-
silber1) sicher festzustellen. — Das Haupthaar ist halblang gestutzt,
nur über den Schläfen leicht ondu-
liert, sonst rundum glatt herab-
gekämmt, um die Ohren ist es
ein wenig ausgeschnitten, so daß
nur der obere Rand der Muschel
verdeckt'wird. Die Masse ist, bei
gleichbleibender Reliefhöhe, durch
Linien in schwach abgesetzte, längs
gravierte Büschel geteilt; die über
der Stirnmitte sind etwas langer,
enden spitz und krümmen sich
etwas nach rechts.

Das kaiserliche Diadem') be-
steht aus Edelsteinen zwischen
Perlenreihen, mit Mittel-und Schluß-
stück; die Unterlage ist ein starkes
glattes Band, das an den Seiten
nach und nach unter den Perlen
verschwindet; innen reicht es nur
bis zur Mitte der zweiten Perlen-
reihe; der obere Rand war wohl
mit dem folgenden Gußteil zu-
sammengearbeitet. Die Perlen
sind birnförmig und liegen wie
die Körner einer Ähre; oben sind
es 48, unten 50; gegen das Ende
hin stehen sie enger und fehlen
über dem Schlußstein. Die Ju-
welen sind oblong, stumpfeckig,

konvex, mit einem umlaufenden glatten Rand, 34 Stück; sie nehmen
von der Mitte her gleichmäßig an Größe ab. Der Schlußstein ist von
gleicher Form, aber größer als alle andern. PendiÜen waren hinten
nicht vorhanden (vgl. Abb. 6). Das Mittelstück vorn besteht aus
einem länglichen, glatt gefaßten, durch breite Stege in 6 Felder
geteilten Schild mit stumpfen Ecken und Kanten und einer runden
Scheibe, von der unten ein Segment abgeschnitten ist; von einer
starken Mittelerhebung, die wie den äußeren Rand ein glatter Steg
umzieht, laufen 10 Radien aus; die Füllungen dazwischen sind eben,
nicht konvex. Oben ist die Randfassung etwas breiter, unregelmäßig
und stark abgegriffen, es könnte noch ein kleiner Aufsatz dagewesen
sein. — Hinter den Ohren hängen an Schnüren je zwei Perlen
bis unter die Haargrenze herab. —

Das folgende Gußstück war durch vier rechteckige Klammern
an der Innenseite des Diadems befestigt; die ganz erhaltene hinten
ist sehr stark und hat die volle Breite des Diadems.

Zur Ergänzung der Statue lassen sich Paralleldarstellungen
aus der Zeit zwischen Constantin d. Gr. und Justinian benützen;
eine frühere Datierung des Werkes wäre schon dadurch ausge-
schlossen, daß Diademe aus Perlen und Edelsteinen vor 324 an
offiziellen Denkmälern der Kaiser nicht vorkommen3). Ein näherer
terminus ante quem ist dagegen zunächst nicht gegeben; erst
Werke des 6. Jh. erscheinen in Tracht und Stil wirklich abweichend.

Der Kaiser wird in der rechten Hand das labarum, eine
Standarte oder eine Lanze gehalten haben; alle drei werden ge-
legentlich so hoch angefaßt, wie die Armhaltung der Statue ver-
langt3). Seit Honorius kommt auf Münzen auch die Lanze mit
dem Kreuz oder dem Monogramm Christi vor. — In der linken

Abb. 6 (nach dem Gip:

■) EiniclmaDe Durchmesser quer (ohne Perlen) 0,61; )*ngs etwas weniger, gr. Breite
vorn o, 145, davon Edelstein 0,062 , »o die ersten acht, betau .ich t tu Breite o, 125, davon Edel-
stein 0,05. so bis zum SihlulJ Letzter Edelstein u.oS breit, DI«d«B 0,119. — Alk I'erltn
0,035 breit, 0,045 'anK- — Yurderschild 0,10 brut, 0,085 hoch . Krcis-Durcbmesscr O.IO,
Höbe 0,08.

*) Maurice, Numismaticpic Constanlinicnnc I 471 1.

J) libitum *■ B. Hirsch, 18. Auktionskalalog (Imhoot-Hluriicr) Nr. 1730 (Valens);
VLiiüum 1 B. Silberschild des Valcntinia» in Genf. Venlun, Stuna dcll' Arte 1 Flg. 417,
Lame 1. B. Elfenbein-Diptychon in Monxa, Ventun I Hg. 332 (Valtntmiati 111).

Hand wird eine größere Kugel zu ergänzen sein, vielleicht mit
der Victoria, die einen Kran/ nach dem Haupte des Kaisers hin-
hält. Abb. 7 Nr. i und 2. — Die Seitenansichten der Statue
(Abb. 4, 5) lassen deutlich eine Bewegung in den Panzergehangen
erkennen, die sich auch durch eine starke Entlastung des linken
Beines nicht erklärt-1) der linke Fuß muß etwas höher gestanden
haben als der rechte. Ein solches Standmotiv wird bei einer
Kolossalstatue schwerlich mit der Beschaffenheit der Basis zu-
sammenhangen (etwa Terrainan-
gabe, Schiffsvorderteil oder ähn-
liches); eher können die folgenden
Motive in Betracht kommen-

1. Der Kaiser tritt auf einen
kleinen, zu Boden geworfenen
Barbaren oder eine andere Ver-
körperung der natio capta.

Als bildlicher Typus für den
Imperatorentriumph seit dem 1 Jh
n Chr zu belegen, häufiger seit
HadnanS); auf Munzreversen ganz
geläufig; als wirkliche Zeremonie
nachweisbar noch im 10 Jh b) —
Die erhaltenen statuarischen Bei-
spiele lassen suh nicht unmittel-
bar verwerten, weil der Fun zu
hoch steht, auf dem Nacken?) oder
der Schulter8) des Besiegten In
Frage käme aber das m \V. nur
durch Münzen belegte Schema, bei
dem der Kaiser auf das Bein der
nach clerSeite hingeworfenen,halb
aufgerichteten kleinen Figur tritt.
Abb. 7, 3—4.

2. Der Kaiser tritt auf eine
Schlange, einen menschenköpfigen
Drachen oder einen Löwen mit
Schi ange nschwanz.

Schlange: als Symbol der feind-
lichen Macht (kirchlich und poli-
tisch) von den Kaisern seit Con-
stantin d Gr angenommen; Münz-
revers mit dem labarum über der Schlange, geprägt seit 3309); Ge-
mälde Constarttins als Drachentöter am Kaiserpalast in Konstantinopel;
der Drache ist hier der 5reavr(c toö ™>v dvfjpttriraty ftvouc iw).S|Mi» n») ;
Goldmedaillon Constantius' II, der als Sieger über die Schlange reitet
(»debellatori hostium«)n). — Beispiele für die rein christliche Version
bei Cabrol, Dictionnaire II s. v basilic (Leclercq).

Menschenkopfiger Drache: auf Munzreversen seit Valentmian
III (424—455) nachzuweisen, aber gewiß auch früher möglich Der
Typus des Ungeheuers geht wohl auf gnostische Vorstellungen zurück"».
Abb 7 Nr. 5

Löwe mit Schlangenschwanz: auf Munzreversen Honorius' und
Theodosius' II (408—450); die Symbolik könnte hier gnostischer'3)
oder rein christlicher H) Abkunft sein. Abb 7 Nr 6—7.
(Zur Typengeschichte des in Christus siegreichen Kaisers ist bes Strzy-
gowski, Hellenist, u. kopt Kunst in Alexandna S 2if zu vgl, dazu
Wulff, Repert. f Kw 1912 S. 229).

3. Der Kaiser setzt den Fuß auf einen Schemel.

Nur auf Münzen des Glycerius (473—474) nachzuweisen; wohl eben-
falls mit symbolischer Bedeutung'5). Abb. 7 Nr. 8.

Eine Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten ist kaum
zu treffen, da die Statue selbst keinen äußeren Anhalt gibt.

Die Form der Gewandfibel läßt sich aus den Einsatzlöchern
nicht erschließen; auf Münzen des 4. und 5. Jh. kommen am
häufigsten kreisrunde, ovale oder auch rechteckige Plattenfibeln
vor, in Perlenfassung und oft mit Bommelschnüren. Vgl. z. B.

4) Der Erganzer hat das linke Bein von der Kniekehle ab um cl*a 20 cm langer
machen mußten als das rechte.

5) Vgl. Ennos v mdob. b. 57/. (Loehr). — Wiener Indien 1912, XXXIV 276f.
(BicnkowskiJ.

*) Const. J'orpbyrog. De cercmoniis II 19 {>> 610/11 der Bonner Ausgabe).

7) Hadnan aus Hicrapytna, Bernoulli Rom. 1k. II 2 Taf. 38.

») Rc>. arch. 1S93 I Taf. MII.

•)) Maddcn, Nnmiiiii. (.hronicle 1N77 XVII 271 f, — Maurice, Num. Const. II 506 f
Taf. XV 7.

'■>) Euscbios, l'Ai |J(ov Kuiv3tivt(v0'j III 3.

") Abgeb 1. II. «nccchi, Medagliom I laf X Nr 9.

»I Melden, a O. XVII 277. Will 44. — Vgl Babelon, Alexandre d' Abonutithot
in. Rev. nuinisni. 1900 bei. 5. 28f.

U) Madden, a 0. XVII 277 Anm. 96. — Habclon a. O. S. 17. 20/21 iGIykon-Chnubis).

'*) l'salin v' *■ 13: super a^pidcm et basihsLimi ambulabis et conculenbis 1 contra

et dr.

hoher rechteckiger Unter-
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