Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 31
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dem ist noch der Mantel hinter dem rechten Arm und vor der
rechten Hüfte erhalten, wo er in langen, geraden, stark profilierten,
nicht übermäßig steifen Falten herabfiel.

Die Agis bedeckte fast die ganze Brust samt den Schultern
und setzte sich auch nach hinten im Rücken fort, wo sie aber
nur abbossiert ist. Sie ist ganz glatt; von der Bemalung, welche
sie, wie es nach der Bearbeitung der Oberfläche scheint, einst trug,
ist fast nichts mehr zu erkennen. Um ihren ganzen Rand wächst
eine Reihe von eingerollten Schlangenhälsen heraus, deren verlorene,
aus besonderen Stücken (vielleicht aus Bronze) bestehende Kopfe
durch zwei Stifte befestigt waren, von denen die Locher auf den
meisten Schlangenkörpern in deutlichen Resten erhalten sind. Die
Rückseite der Schlangenkörper ist durch feine, gravierte Linien
gerippt, wohl zur Andeutung der Schuppen.

Genau auf der Mitte der Brust ist die Agis mit einem großen,
plastisch heraustretenden Gorgoneion geschmückt. Es ist fast
ganz rund und trägt über der Stirn statt jeden Haarwuchses eine
Reihe von sechs in einem genauen Kreis zweifach geringelten
Schlangenkörpern, deren Köpfe auch hier besonders gearbeitet
und angestückt waren. Trotz des stark, aber nicht ganz unnatür-
lich verzogenen Mundes ist der Ausdruck der schönen Gorgonen-
maske ein geradezu freundlicher. Von allen ungefähr gleichzeitigen
Gorgoneien gleicht ihm am meisten der nur in der Bearbeitung
etwas rohere Kopf der Meduse von Korfu [tlQeomxd 1911 S. 175)
Am schönsten ist die Mundpartie gearbeitet. Die Mundhöhle ist
tief gebohrt; die Zähne, welche die weite Öffnung der Lippen ganz
sehen läßt, sind gleich groß, die jetzt zum Teil abgebrochene
Zungenspitze trat etwas heraus. Eine tiefe Furche, von der Nasen-
wurzel schief zu der Oberlippe und dann fast vertikal bis zur Unter-
lippe hin geführt, sondert die fleischigen, fetten Wangen von der
Mundpartie ab. Auch das Kinn ist rundlich und tritt nur wenig
hervor. Die Nase ist leider abgebrochen; sie war stark und breit;
die Nasenlöcher sind sehr tief gebohrt. Die Augen neigen stark
nach vorn und sind etwas schräg nach oben gerichtet; Tranen-
drüse und Lider sind denen der Theseusgruppe gleich, der Brauen-
bogen ist ziemlich flach. Ausgezeichnet fein sind die Ohren aus-
geführt; an der Knorpelwurzel ist ein tiefes Loch zur Schattenwirkung
gebohrt. Die Ägis ist an der linken Körperseite sehr tief unter-
schnitten, der linke Unterarm und die Achsel der Athena scheinen
ganz vom Grunde gelöst; die senkrechten Gewandfalten sind dar-
unter sehr gut ausgeführt.

Von der Haartracht der Göttin sind vorn auf jeder Seite der
Brust drei lange, über die Schultern fallende, in ganz hohem Relief
gearbeitete Locken erhalten. Die der linken Seite liegen etwas
weiter auseinander als die der rechten, was vielleicht auf eine
leichte Drehung des Kopfes nach rechts schließen läßt; sie sind
stark gedreht und durch parallele, tiefe, durch den Bohrer geöff-
nete, etwas schräge Linien in viele kleine, runde Wülste geteilt,
welche wiederum durch feine Wellenlinien geriefelt sind. Die
Lockenenden hingen frei herunter und waren besonders gearbeitet
und angestückt, wie die glatte Anschlußfläche und die daran er-
haltenen Bohrlöcher zeigen. Als Halsschmuck der Göttin dient
ein schönes, aus einer Reihe dichtgestellter, länglicher, tropfen-
ahnlicher Anhängsel bestehendes Halsband, dessen Form durch
erhaltene Exemplare wohl bekannt ist. Noch mehr als bei der
Theseusgruppe sind bei Athena kleine Teile besonders gearbeitet
und durch Dübel oder Stifte angestückt. Außer den beiden Unter-
armen, den Lockenenden und den Schlangenköpfen sind noch
folgende Anstückungen zu bemerken: unter der rechten Gesichts-
fläche des Gorgoneions waren am Agisrande zwei Schlangen durch
je zwei Stifte angesetzt, ebenso kleine Gewandfalten und Zipfel in
der Agis und dem Gewände unter der rechten Gorgoneionhälfte,
wie aus einer Reihe von erhaltenen Stiftlöchern erschlossen werden
kann; an beiden Seiten des Gorgoneion stehen zwei tiefe (0,03),
ungleich große Bohrlöcher, in denen vielleicht auch Bronze-
schlangen befestigt waren. Die Rückseite der Athena ist noch
weniger als die der Theseusgruppe ausgearbeitet; die Oberfläche
ist ganz roh gepickt; ein durch das Zahneisen etwas mehr bear-
beiteter Rand trennt die rohe Flache der Rückseite von der feinen
Vorderseite. Das über den Nacken in breiter Masse fallende Haar
ebenso wie das Gesäß und die Agis sind nur ganz oberflächlich
angedeutet, und nur der Rand der Agis mit den Schlangen ist
auf der rechten Seite etwas feiner ausgeführt. Im Nacken, da wo
der Kopf abbrach, ist der Rest des großen Zapfenloches (breit 0,11,
tief 0,06) erhalten, welches zur Verbindung der Figur mit der
Giebelwand diente, die senkrechte Seitenfläche des Loches kann
man am Ende seiner linken Seite messen, wo oben der an-
liegende Anfang des oberen Abschlusses übrig blieb. Daß dieser
Dübel so hoch an die Figur gesetzt war, beweist, daß diese auch
durch einen zweiten, tiefer gesetzten Dübel am Giebel befestigt
war.

Athen.

K. Kuruniotis.

Tafel 30. PORPHYRGRUPPE AN SAN MARCO IN VENEDIG.

Grundlegend: Sttiygowski, Kho It 107 f., dort die ältere Literatur. — Seitdem: Micliori,
Melanges Boissier 37;. — Pnssy, Ccntenaire antiqu. de France (1804—iy.04) 382, — Wulff,
Altchrist], u. byunt Kunst 155 f. — Poulien, Rom. Mut. XMX 1914,115 —R. Delbnieck,
Bildnisse romischer Kaiser, laf. XXXIX.

Abgebildet ist die besser erhaltene von zwei gleichartigen
Gruppen, die zwischen San Marco und dem Dogenpalast an der
äußeren Südwestecke der Schatzkammer eingebaut sind. Der
oben und unten gebrochene, aber ursprünglich kaum viel höhere
Block gehört zu der Porphyrinkrustation einer Säule, von deren
Peripherie er etwa ein Drittel umfaßt; er ist hinten glatt und senk-
recht abgearbeitet, wohl zum Anschluß an einen aufgemauerten
Kern; Teile der äußeren Mantelfläche sieht man hinter den Figuren.
Ein in den Maßen passendes unteres Stück einer Porphyrsäule steht
in nächster Nähe vor dem Eingang zum Dogenpalast; sollte es
zugehören, so wäre vielleicht nur die skulpierte Trommel aus
Teilstücken zusammengesetzt gewesen, der übrige Schaft monolith.
Der Durchmesser ist unter der Konsole etwa 0,78 m, über den
Köpfen 0,67 m; die Säule war also oben stark verjüngt. Ihre

Höhe mag mit einem entsprechenden Postament 10— 12 m betragen
haben. Die Figuren sind unterlebensgroß. — Das Material ist
Porphyr mittlerer Qualität, von roter Grundmasse, mit vorwie-
gend rötlichen Kristallen. Der Stein ist fast durchweg hoch
poliert; das Haar am Hinterkopf, vielleicht auch Schwertriemen,
sind gemalt zu denken; in den Augen saß weiße Pasta. — Die
Figuren sind in ihrem untern Teile frei ausgebildet, in der Mitte
mit dem Schaft verwachsen. Angesetzt waren einige Falten-
rücken und wohl Kränze um die niedrigen zylindrischen Barette.
Über die Herkunft der beiden Gruppen ist nichts Sicheres
bekannt (Strzygowski 107; Michon 376); aus dem Studium der
Münzen wird sich voraussichtlich ergeben, daß sie Diocletian,
Maximinian, Galerius und Constantius Chlorus darstellen, also
zwischen 293 und 305 entstanden sind. — Eine ausfuhrliche Be-
arbeitung soll später in den Institutsschriften erscheinen.

Rom.

Herbert Koch.

Antike Denkmäler 1914.
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