Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 36
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zu sehen, außerdem die eines feinen, scharf schneidenden Meißels
(besonders am Gewand der Persephone), der scharfkantige Falten
mit geistreicher Flüchtigkeit eingräbt. Vermutlich war auch dieser
hier verwendete Kalkstein frisch gebrochen weich und fast mit
dem Messer schneidbar.

Wenn man die Gruppe des Herakles, wie nach den Vasen
wahrscheinlich, noch durch eine dem Hermes formal entsprechende
Unterweltsgöttin ergänzt, und diese Gruppe als die Mitte der
Komposition ansieht, wäre uns etwa die Hälfte des Frieses er-
halten, was eine zur Hohe angemessen erscheinende Länge er-
gäbe. Eine in Gips ausgeführte Ergänzung der, wie bemerkt,

ohne gegenseitige Bindung verlaufenden, aber notwendigerweise
gleichzeitig mit vollen Formen an den Ecken endenden Ornamente
hat diese Vermutung bestätigt und die genaue Länge des Reliefs
ermitteln lassen; es war mit den seitlichen Einfassungen 1,18 m
lang, mit Einrechnung der vorkragenden Ornamentleisten maß die
Platte in der Länge 1,277 m. Die Verwandtschaft mit apulischen
Prachtvasen, die über den Inhalt hinaus sich auch in der Form-
gebung beobachten läßt, bestätigt die Ansetzung des Denkmals in
der apulischen Kunst des vierten Jahrhunderts.

München.

Paul Wolters.

Tafel 36. FRIESPLATTEN VOM IONISCHEN TEMPEL AM ILISSOS
IN ATHEN, BERLIN UND WIEN

NEBST DER NACHBILDUNG EINER GRUPPE DARAUS VON EPHESOS IN WIEN.

Diese Tafel mit ihrem Text (den ein Jahrbuchaufsatz er-
gänzen wird) ist eine dank dem Institut und verschiedenen
Fachgenossen vervollständigte uud verbesserte Neubearbeitung
des unter ähnlichem Titel als Privatdruck verbreiteten Festblattes
zum Winckelmannsfeste des Archäologischen Seminars bei der Uni-
versität Leipzig vom 5. Dezember 1910. Dort wurde in aller
Kürze nachgewiesen, daß die drei 1897 aus Venedig für die Kgl.
Museen zu Berlin erworbenen Reliefplatten, die Robert von
Schneider im Jahrbuch XVIII 1903, 91 bis 93, Tafel 6 und 7
herausgab, samt der einen von Schloß Catajo nach Wien ge-
langten, die derselbe Gelehrte zuversichtlicher in seinem Katalog
„Ausstellung von Fundstücken aus Ephesos im untern Belvedere"
Wrien 1905, S. 20 hinzunahm, und die dann Alfred Brückner in
den Jahresheften XIII 1910, 50 bis 62 mit den Berliner Stücken
durch einheitliche Deutung als „athenischen Theseusfries" ver-
knüpfen zu können meinte, vom Friese des ionischen Tempels
am Ilissos herrühren. Rückhaltlos zugestimmt haben dieser An-
nahme fast alle Fachgenossen, die meines Wissens seither auf
den Gegenstand eingegangen sind, auch die „Kurze Beschreibung
der antiken Skulpturen im Alten Museum1' von 1911 Nr. 1483.
Der vereinzelte Zweifel von Winter in der Neubearbeitung der
Kunstgeschichte in Bildern I, 8. 9. Heft, S. 231 (rechts) blieb
bisher ohne Begründung.

Der kleine ionische Tempel am südlichen llissosufer wurde
noch später als sein Zwillingsbruder auf der Akropolis, wie es
scheint 1778, zerstört, dann aber so gründlich, daß sogar seine
Stelle in Vergessenheit geriet. Erst die Ausgrabung von Skias
legte sie, gegenüber der Kallirhoe am Westabhang des Windmuhl-
hügels, wieder frei. Es fand sich jedoch nur das unvollständige
Fundament und einige Porosquadern vom Unterbau des Pronaos,
vom Marmoraufbau bloß ein kleiner, freilich unschätzbarer Splitter
(flpaxnxa für 1897, 73 bis 85, Taf. A). Die Tempelgottheit ist
leider auch durch diese Grabung nicht festgestellt worden. Der von
Judeich, Topographie von Athen 370 (mit Plan 1, Feld H 7) aufs
neue empfohlenen Ansicht, das Heiligtum sei das der Demeter
in Agra, widerspricht der unlängst von Rodenwaldt vertretene
Ansatz dieser Mysterienstätte etwas nördlicher im Ilissosbett selbst
bei Hagia Photini (Athenische Mitteilungen XXXVII 1912, 146 ff.).
Hat Rodenwaldt daneben wirklich das Pansheiligtum des platoni-
schen Phaidros festgelegt (was mir nicht so ganz sicher scheint),
dann kommt die von diesem 2 bis 3 Stadien flußaufwärts ver-
ehrte Artemis Agrotera für unsern Tempel nicht mehr in Frage.
Eher ließe sich an das Heiligtum des Zeus und der Athena im
UaXXatiup denken (Judeich 372).

Um so besser kennen wir, trotz der gründlichen Zerstörung,
den Bau selbst, dank den für ihre Zeit erstaunlich genauen Auf-
nahmen, die Stuart und Revett von ihm herstellten, als er noch
zum größten Teil, weil in ein Kirchlein umgewandelt, aufrecht-
stand (Antiquities of Athens Vol. I 1762, Chap. 2: Of the Ionic
Temple on the Ilissus).

Der Oberbau bestand, wie an den anderen attischen Tempeln
derselben Zeit, aus pentelischem Marmor. Aber der Fries-

schmuck war nicht, wie am Niketempel und am Parthenon, den
eigentlichen Werkstücken angearbeitet, vielmehr in besonderen
Platten angefügt, wie am „Theseion" und am Poseidontempel auf
Sunion (Athenische Mitteilungen IX 1884, 338, *EqnjfU^fig «p^«/oi.
1900, 116), weshalb für ihn der an letzteren zwei Tempeln
verwandte parische Marmor anzunehmen ist. Von diesen Platten
fanden Stuart und Revett am Orte selbst nichts mehr vor,
ergänzten sie aber in dem wiederhergestellten Aufriß Tafel VI
(hier Textbild 1) mit Hilfe eines „Fragment found at Athens,
which may possibly have belonged to this Place, since its
Heighth and 'I hickness is such as exactly supplies the Space
designed for this Ornament". Eine Punktlinie gibt die Dicke der
Verkleidungsplatte an. Der Querschnitt Tafel VIII dagegen (hier
Textbild 2) zeigt die Lücke, welche die abgenommenen Tafeln
vor den ungeglätteten Friesbalken hinterlassen hatten, den äuße-
ren Umriß nur in Punkten.

Eine Kleinigkeit in dieser Wiederherstellung, die uns im
Wege stände, darf von vornherein abgelehnt werden: der am
oberen Rande der Friesplatte gezeichnete Rundstab oder Astra-
gal. Er galt den beiden Forschern offenbar als unumgänglicher
Begleiter des lesbischen Kymas am Geison, kann aber auch
fehlen (Netoliczka in den Jahresheften XVII 1914, 130) und fehlt
tatsächlich, wie an unseren Platten, an allen ionischen Tempel-
friesen des 5. Jahrhunderts, von denen nur der nächstvergleich-
bare ausdrücklich angeführt sei (Ross, Schaubert, Hansen, Tempel
der Nike Apteros Tafel 9; Brunn, Denkmäler Nr. 117 f.).

Die Frieshöhe betrug nach dem in beiden Stichen einge-
schriebenen Maß 1' 6".45, das heißt, da Stuart und Revett die
Bruchteile des Zolls nicht in Linien (Sechzehnteln), sondern in
Dezimalbrüchen angeben (Einleitung S. vü) 1 Fuß und 6,45 Zoll
oder, den Fuß mit 0,3048, den Zoll mit 0,0254 m gerechnet,
0,468 m. Die Höhe der auf unsererTafel vereinigten ganzen Platten
aber habe ich, wie zu den einzelnen augeführt, mit 0,466 bis
0,468 ni gemessen. Der Fries des Niketempels hat, nach der
eben angeführten Aufnahme, nur 0,448 m Höhe.

Die Dicke der in Abb. 1, wie erwähnt, angefugten Relief-
platte und das entsprechende Maß der Lücke in Abb. 2 ist nicht
in Zahlen gegeben, aber durch den Vergleich anderer beige-
schriebener Maße zu ermitteln. Es beträgt z. B. nur eine Klei-
nigkeit weniger als der Einschnitt des Geisonblocks für das Holz-
werk des Daches, den Abb. 2 mit 2".5, dritthalb Zoll oder 0,063 m
ansetzt, darf also auf rund 0,06 m veranschlagt werden. Dieses
übereinstimmende Zeugnis der beiden sorgsam im Maßstab aus-
geführten Zeichnungen verdient gewiß den Vorzug vor dem des
Textes (zu Tafel VI), der die fehlenden Friesplatten about an Inch
and a half thick, nur gegen 0,038 m dick schätzt; das wird ein-
fach aus einer undeutlichen 21/* verlesen sein. Demgemäß beträgt
die Dicke unserer Relieftafeln nach meinen Messungen 0,051
bis 0,057 m ohne, bis rund 0,10 mit Reliefvorsprung. Letzterer
ist fast überall unten etwas oberhalb der Plattenkante scharf
abgeschnitten, so daß zu unterst etwa in der Dicke der
Grundplatte oder ein wenig darüber (0,054 bis 0,059 m) ein
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