Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 40
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rechte zwischen den Knien, die linke auf dem Oberschenkel. Die
müden Hände haben doch wohl das (vom Kopisten fortgelassene)
Gepäck getragen, das nun unten am Hügel lehnt. Links ein zu-
geschnürter Sack gleich dem vorderen auf A; daneben hier nicht
ein Weinschlauch, aber auch nicht, wie vor Brückner bereits
Schneider 92 irrig annahm, „ein länglicher, seitlich eingebogener
Schild", sondern nach dem einfach gezogenen und etwas unregel-
mäßigen Umriß ein zweiter Sack, in der Mitte umschnürt, was
schon Watzinger erkannte und Hauser mir durch den Hinweis
auf Phlyakenvasen sicherstellte (Furtwängler - Reichhold, Vasen-
malerei II 110, 1 und Haumeister, Denkmäler II 820, vgl. auch
Benndorf, Heroon von Gjölbaschi-Trysa Taf. 13, den Sack auf
dem Esel). Es ist das aigiüfiaioiiiattav der klassischen Schrift-
steller, der Sack für Bettzeug und Kleider (Xenophon, Anabasis
5, 14, 13, Piaton, Theaitet 177 E, Aischines 2, 99, Pollux 7, 79).
Für den anderen oben zugebundenen Sack, der auf A wieder-
kehrt, ergibt die Nachbarschaft mit dem Weinschlauch dort und
dem Mantelsack hier die Wahrscheinlichkeit, daß er für trockenen
Mundvorrat dient, ein &vlnxoe ÄXtpiiutv (vgl, Herodot 3, 46,
Aristophanes Plutos 763, Diphilos bei Athenaios 11, 499 c).

Also zwei müde Ankömmlinge, die sich, Reisehut und Ge-
päck ablegend, auf Anhöhen niedergelassen haben. Auf mehr
solche Zuwanderer weisen die zwei Säcke des Bruckstückes A hin,
dessen Stelle weiter rechts gewesen sein dürfte. Denn links von
den zwei Sitzenden steht ein Mann im Mantel, im ganzen abge-
wandt, aber das bärtige Haupt etwas nach jenen drehend und
seinen Eindruck von ihnen durch vor der Brust gefaltete Hände
ausdrückend, ähnlich wie die eine Magd im Berliner Freiermord-
bilde Furtwängler - Reichhold III 138. Unter diesen Händen
wurde mit Unrecht ein Stock vermutet (Schneider und Brückner
57). Der Mann ist vielmehr über die Ankömmlinge betreten
oder besorgt. Die Genossen, denen er sich zuwandte, sind uns
vielleicht auf C erhalten.

C. Ganze Platte, an der nur die linke obere Ecke fehlt,
die offenbar leer war; erst für die Aufnahme Kochs, die unsere
Tafel wiedergibt, zusammengesetzt aus dem getönten Abguß
des 1. und dem Original des 2. Bruchstücks:

1. Bruchstück in Wien, Estensische Sammlungen des Kaiser-
hauses im Neubau der Hofburg, die früher dem Erzherzog-Thron-
folger Franz Ferdinand gehörten, vorher in der Sammlung Obizzi
auf Schloß Catajo bei Padua. Beschrieben von Heydemann,
III. Hallisches Winckelmannsprogramm, Mitteilungen aus den An-
tikensammlungen in Ober- und Mittelitalien 20 Nr. 316, und von
Dütschke, Antike Bildwerke in Oberitalien V 217 Nr. 534. Zu
unseren Friesplatten gezogen von Lüwy bei Schneider im Jahrbuch
XVIII 1903, 93 und von letzterem, Ausstellung von Fundstücken
aus Ephesos im unteren Belvedere 1905 S. 20 j das Anpassen
dieses an das Berliner Stück 2 erkannt von Reisch bei Brückner
in den Jahresheften VIII 1910, 57, jetzt von uns festgestellt mit
Abgüssen erst des Bruchs von 2 am Original von 1, dann dieses
ganzen Fragments am Marmor 2 in Berlin. Daß der Gips, wie
immer, ein wenig größer wird als der Marmor, zeigt auch unsere
Zusammensetzung auf Tafel 36. Das Textbild 5 gibt eine Ori-
ginalaufnahme des Photographen Frankenstein. Den Wiener
Museumsbeamten, Kustos Dr. Bankö am Hofmuseum und Kustos-
adjunkt Dr. Planiscig an der Estensischen Sammlung, sei für die Be-
sorgung der Reproduktionen und für alle Erleichterung des
Studiums der Originale auch hier bestens gedankt.

Die Rückseite ist in den oberen drei Fünfteln etwas abge-
spalten, um für eine Messingklammer Platz zu schaffen, wobei
nur eine Spur des Randbeschlags übrig blieb. Seitlich und unten
ist er wohlerhalten, bis auf eine neue lotrechte Nut, die 0,080
von der Seitenkante entfernt, an Breite (0,053 ü's °>°45) llI1(J
Tiefe (0,028 bis 0,025) von unten nach oben abnimmt; sie diente
offenbar der modernen Einrahmung. In der Originalaufnahme,
Textbild 5, erkennt man gut die Reste von eingekitteten Eisen-
stiften überall da, wo Dötschke noch die Gipsergänzungen sah.

2. Bruchstück in Berlin, Altes Museum Nr. 1483, c, aus
Venedig wie B. Herausgegeben von R. von Schneider im Jahr-
buch XVIII 1903, 92 Taf. 7, 1 (vgl. ebenda Anzeiger 37

Bfudutllcli C
Mnrmor in Wh

Watzinger), danach Abb. 2 des
anfangs erwähnten Festblattes.
Nach anderer Aufnahme bei
Brückner in den Jahresheften XIII
191 o, 50 Abb. 2 9 links, be-
sprochen S. 57.

H. 0,466, Br. der ganzen
Platte 0,958. Anathyrose ringsum,
Dübelloch rechts unten (S. 38 1.).
Zwei stehende Männer und
ein sitzender in der gewöhnlichen
Manteltracht, sämtlich mehr oder
weniger nach rechts gekehrt. Der
erste rechts schlägt das rechte
Bein übers linke; unter der ge-
hobenen rechten Ferse blieb der Marmor als kleine Erderhebung
stehen. Er neigt sich vor auf den Stab, der dicht am Ge-
wände haftend dennoch nicht bis in die Achselhöhle zu reichen
scheint, sondern, wie Schneider annahm, auffallend kurz nur bis
zum linken vor den Leib gebogenen Arm. Auf diesem ruht un-
weit des Ellbogens die rechte Hand, eine abwartende Gebärde.
Der Kopf, nach seiner geringen Ansatzspur etwas zurückgelegt
und rechtshin gedreht, wird die folgende Gestalt aufmerksam an-
gesehen haben. Das Himation läßt die Unke Schulter und die
rechte Hüfte bloß.

Noch tiefer von der Schulter geglitten ist das Gewand
dem zweiten Stehenden, der wieder die linke Hand vor den Leib
hielt. Dies im Vereine mit dem steil erhobenen rechten Arm-
stumpf, dem gesenkten (vielleicht kurzbärtigen) Haupt und dem
rechten Spielbein ergibt das Motiv, das kaum später schon in
der Rundplastik für ölausgießende Turner verwendet wurde (Furt-
wängler-Wolters, Glyptothek Nr. 302). An dem bekleideten Manne
weiß ich es nicht anders aufzufassen als am einschenkenden Satyr
des Praxiteles. In der arg bestoßenen Linken ein kleines Trink-
gefaß zu ergänzen scheint wohl möglich. Die erhobene Hand
mit der Kanne wird am Kopfe gehaftet haben.

Wie die Ankömmlinge auf B, so sitzt am linken Ende von C
ein Mann auf einer Erderhebung mit schemelartigem Vorsprung, nur
fast in Vorderansicht. Der rechte Fuß zeigt noch nach links, der
andere, von vorn gesehen, ist auf die Spitze erhoben und das Knie
hinübergeneigt von der Wendung des Oberkörpers nach dem unter
wallendem Mantel erhobenen linken Arm, dem nachfolgend die
Rechte einen Zipfel des Gewandes vom Schoß zur Hnken Brust
erhebt. Natürlich war auch der abgebrochene Kopf mit hinüber-
gedreht, wie Reisch (gegen die jetzt entfernte Gipserganzung)
erkannte, wohl an einem Rest von Unterschneidung an der linken
Kopfseite. Der, bei anderer Gesamthaltung, sehr ähnlich im Ge-
wand erhobene linke Arm des Zeus im Theseionfriese hielt in der
gebohrten Hand ein Attribut, nach Sauer, Theseion 104 Taf. 3, 8,
das Szepter, welches Heydemann auch für unsere Figur vermutete.
Da jedoch hier die Hand nicht, wie dort, auswärts, sondern eher
etwas nach dem Kopf zu umbog, müßte der Stab im Gewand
eine Spur hinterlassen haben. Es handelt sich vielmehr nur um
ein plötzliches Emporfahren des vorher im Himation ruhenden
Armes, sei es zum Gruß, sei es zum Ausdruck des Staunens.
Den schon dadurch nahegelegten Gedanken an Erhebung vom
Sitz verstärkt das Heben des Mantelsaums mit der rechten Hand.
Der Mann hatte ziemlich volles Haar. Daß er bärtig war, ver-
mutete Reisch (abermals gegen jene Gipsergänzung, die Heyde-
mann und Dütschke irreführte) wohl mit Recht; ein Rest des
Kopfumrisses über der rechten Schulter läßt es kaum zweifelhaft.
Aber von „schlaffen Körperformen" kann, auch an der sichtbaren
oberen Hälfte des Bauches, schwerlich die Rede sein.

Also rechts ein aufmerksam abwartender Mann auf den
Stab vorgelehnt, dann ein wahrscheinlich zum Trunk einschenkender,
drittens ein aus der Ruhe des Sitzens aufgestört sich umwendender
und winkender, lauter Motive, die in verständlichen Zusammen-
hang gelangen, wenn wir (Watzinger und Brückner zu C 2 fol-
gend) rechts B anstoßen, was wir der Dübellöcher wegen dürfen
(S. 38 I.). So tritt den dreien auf C der besorgt die Hände faltende
Mann auf B gegenüber und der Gegenstand seiner Sorge, die
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