Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 42
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mit den Gipsergänzungen. Nach ihrer Entfernung für unsere
Tafel aufgenommen von Frankenstein in Wien; soeben auch neu
abgeformt.

H. 0,466, Br. oben 0,931, unten 0,926 m. Anathyrose
ringsum. Dübelloch links unten (S. 38 links). Der Bruch ist mit
braunem Steinkitt gefüllt, hinten verklammert, dort oben zwei
Messingösen verbleit.

Drei stark bewegte Gruppen von Männern, deren jeder eine
Frau wegzuschleppen strebt, der mittlere mit einem kindlichen
Mädchen auf dem Arm.

Links wieder eine beträchtliche Erderhebung, nur niedriger als
auf B und C, aber darum wahrlich noch kein Altar (der von Reisch
bei Pauly - Wissowa I 1670 besprochenen Gattung), den daraus
Brückner, gleich Heydemann Cavedoni mißverstehend, im Interesse
seiner Deutung machte. Auf einen Hügel also geflüchtet hat sich
nicht eine Frau, sondern ein halbwüchsiges Mädchen mit knospendem
Busen, im ungegürteten Chiton, der die Arme bloß läßt. Es steht
mit aufgerichtetem Oberkörper nur noch auf dem linken, zusammen-
knickenden Bein und hebt das rechte (tief hinterschnittene) vorwärts
auf, alles im Widerstreben gegen die ihre Hüften von hinten um-
klammernden Mannsarme, nach denen auch beide Hände greifen,
die rechte nach dem rechten Handgelenk, die andere nach den
wahrscheinlich verschränkten Fingern. Der Halsansatz schien mir,
im Widersprach mit der Ergänzung (wie bei C 1), eine vorge-
neigte, vielleicht auch dem Bedränger zugewandte Kopfhaltung zu
verraten. Dieser stand mit dem weggebrochenen, sicher im Knie
gebeugten rechten Bein auf dem Anfang der auch abgesprungenen
Erdpünthe, dem Abhang des Hügels. Er hört 0,045 m von der
Plattenkante auf (Textbild 7) und zeigt etwas einwärts unmittel-
bar über dem Bruch eine Bohrmulde: eine Spur der Hinterar-
beitung des Fußes. Das linke Bein geht wagrecht vor und ver-
schwindet hinter — beim Wort genommen in — dem Mädchen-
kleid, neben dem am Grund eben noch ein Ansatz der Kniekehle
sichtbar bleibt, so schwach gekrümmt, daß nur die Ferse auf den
Hügel gestemmt zu denken ist, um den die Beute umklammernden
Armen als Widerhalt zu dienen. Der Oberleib ist vorgebückt
und der Kopf mit seiner linken Seite an den Rücken der Wider-
strebenden gedrückt, um ihr Hintenüberstürzen zu hindern. Daß er
einen Hut getragen, wie das Gegenstück rechts (was Brückners
Deutung beider auf die Dioskuren fordert), war mir fraglich, auch
die Bartlosigkeit, zu der man aber eher hinneigen kann. Die auf
der rechten Schulter genestelte Chlamys hängt mit den zwei
Zipfeln fast ganz hinten herab (Textbild 7); nur den durch-
schwellenden linken Oberarm bedeckt sie und läuft über die Brust
nach dem Halse, der freilich tief eingeschnitten ist und keine
Falten erkennen läßt.

Vor dem Hügel hat sich eine Frau im Widerstände gegen
den sie mitzerrenden Räuber des offenbar zu ihr gehörigen Mäd-
chens aufs linke Knie geworfen, das in die Reliefplinthe ein-
schneidet, über die der nachschleifende Fuß bis zum Scamülus
hinabreicht. Das uns schon aus D bekannte Mäntelchen hängt
vom Riicken abgeglitten mit beiden Enden im Schöße nieder. Der
etwas über den Gürtel vorgebauschte Chiton hat sich im Ringen
von der rechten Schulter und Brust gelöst, was besonders hinten
das bloße Schulterblatt klar macht; nur an der andern Achsel
bildet er noch die abgestuften Falten des Scheinärmels. Der
widerstrebend gesenkte Kopf (von der Nasenmitte auf schräg ab-
gespalten) legt sich mit dem vollen Schläfenhaar an den linken
Armstumpf, welcher gleich dem Bruch des rechten Armes schräg
nach dem Gegner emporweist: die Hände wehrten fruchtlos seine
(unbekannt wo) festzupackende Rechte ab. Auch sein Gesicht
war der Frau zugewandt. Auf seinem linken Arme sitzt im
gürtellosen Hemd ein kleines Mädchen, dem auf D ahnlich. Ihre
Unke Hand liegt nicht, wie Brückner 60 meinte, unter, sondern
griff nach der breit auf dem Knie liegenden Linken des Trägers,
und ihre Rechte ist ihm nicht „in kindlichem Vertrauen um den
Hals gelegt", sondern nahm ihn hinten herum beim Kopfe, wie eine
am Grund erhaltene Reliefspur an und über der rechten Schlafe
zeigt. Auch war ihr Kopf, gleich dem Oberkörper, nach der Ver-
teidigerin am Boden vorgeneigt; nur mittelst einer Stütze haftete er
am Grunde. Die nach Brückner „in aller Unrast der Großen be-

AIil>- 7. Platte E n.ich Abguß, lor Abnahme der Krgjiuungcru

wahrte Ruhe des Kindes1' reicht also nicht weiter, als die höhere
Gewalt, in der es steht, einem schon verstandigen Madchen
empfehlen muß. Der Entführer gleicht durchaus dem Verfolger
auf D. Auch er trägt nur den knappen, gegürteten Chitoniskos,
der sich zwischen den schreitenden Beinen spannt, besonders deut-
lich an dem nur von unten sichtbaren, am Grunde haftenden
Rückenteil, wo auch wieder der kurze Schlitz kenntlich wird.
Der zurückgestemmte Fuß, fast in Vorderansicht, ist neben dem
Knie der Frau erhalten. Der linke Oberschenkel ging nach
seinem Bruche schräg vor, dorthin, wo deshalb die Madchenhände
an der Säule etwas vernachlässigt sind und die linke in der
Daumengegend einen Ansatzrest zeigt. Der Unterschenkel deckte
wenigstens z. T. den zu weit hinausgerückten Säulenumriß unter-
halb der Hände. Der vortretende Fuß stand auf dem abgebroche-
nen Teile der Bodenplinthe und hat an der Bruchkante noch
eine tastbare Reliefspur hinterlassen.

An die erwähnte Zwergsäule, die mit einfachem Kyma ab-
schließt, klammert sich mit beiden Armen und drängt die spitze
Brust ein Mädchen, das sich soeben — denn das Gewand flattert
noch ein wenig zurück — auf die Knie geworfen hat, das rechte
vor, mit beiden Beinen über die Erdleiste hinab bis an den Re-
liefrand gedruckt. Sie trägt, was die auf unserer Tafel unter e
mitabgebildete, später zu beschreibende Kopie verdeutlicht, das
Mädchenkleid der tpan/Qfi7ffft&&$ mit Überschlag, das von der
Schulter ab den Körperumriß und mehr blicken läßt, am meisten
eben vom Bein; nur über die untere Hälfte des Unterschenkels
legt sich wieder der Peploszipfel vor, ob den Fuß auch am Ori-
ginal, wie an der Nachbildung, bloß lassend, wurde mir nicht klar
Das Köpfchen, in der argen Verwitterung ziemlich vollständig
erhalten, wendet sich etwas gesenkt zur Seite nach der fremden
Linken auf der Schulter. Nach der rechten Schulter geht der
am Grund erhaltene Arm des vorgebeugten Bedrängers, der mit
dem entsprechenden Bein dicht herantritt, wahrend das fehlende
linke hart neben dem zurückgestreckten Fuße des Madchens auf der
ausgebrochenen, aber erst 0,013 m vom Rand absetzenden PHnthe
gestanden hat (auf e ist der Fuß erhalten). Links hängt auch
diesem Mann die um den Hals befestigte Chlamys im Rücken,
aber dessen Umriß vom Nacken an mit einem Saum begleitend
und unten in flacherer Krümmung endigend. Das Gesicht ist bis
auf die Stirn abgespalten, auf der Unken Backe schien mir der
Absatz eines kurzen Bartes gewiß. Der Kopf trägt einen leicht
zugespitzten Hut, wie wir ihn auf B am Boden fanden.

In der Komposition dieser Platte entsprechen einander zwar
einigermaßen die beiden Eckfiguren. Aber noch klarer tritt
hervor, daß sich die zwei Gruppen rechts zu einem geschlossenen,
bogenförmig umgrenzten Autbau zusammenschließen, dessen Stelle
innerhalb der Komposition einer Friesseite zu erraten ich freilich
keinen Weg sehe.

Angeschlossen sei hier gleich die schon benutzte Nachbildung
der Gruppe rechts an der Säule.

c. Reliefbmchstück aus Ephesos im unteren Belvedere zu
Wien. Gefunden an der Sudwand des südlichen Marmorsaals in
der römischen, anscheinend unter Domitian erbauten „Agora",
vielleicht einem Gymnasion (hierüber vorläufig Benndorf, Forschungen
in Ephesos I 183). Das Relief zuerst herausgegeben und gleich
mit seinem Vorbild zusammengestellt von R. von Schneider in
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