Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 50
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gen Inselkunst — sei diese nun pansch oder chiotisch — entzie-
hen sich dem unmittelbaren Vergleich, ebenso die älteren Nach-
ahmungen dieser Werke auf attischem Boden. Auch fehlen die
Beziehungen zum Kreise des Antenor, der die „pansche" Kunst-
übung zögernd mit attischer Eigenart gepaart hat. Erst diejeni-
gen rein „parischen" Statuen zeigen direkte Beziehungen, die
der jüngeren, verfeinerten Epoche angehören und von denen
Schrader (Auswahl archaischer Marmorskulpturen im Akropolis-
museum S. 30) sagt, daß in allen Einzelheiten die ornamen-
tale Starrheit und Härte der Formen einer weicheren, der
natürlichen Erscheinung mehr angenäherten Behandlung ge-
wichen sei. Diese Charakteristik darf auch auf die geistigere
Auffassung des Gesichtsausdruckes bezogen werden, wie er sich
in drei verschiedenen Formen an den Figuren Nr. 674 und 685, bei
Schrader S. 28 ff. Abb. 23—26, und an derEuthydikosfigur Nr. 686,
Schrader S. 34 f. Abb. 34 und 35, darstellt. Dazu treten wichtige tech-
nische Übereinstimmungen in Einzelheiten. Die Stirn der thronenden
Göttin wird z. B. in der Vorderansicht bekrönt von drei Reihen
gewellter Locken; über jeder dieser Wellen läuft, wie ein leiser
Nebenakkord, eine feinere Parallel welle; auch an den fünf Locken
der Schläfenpartie ist dies der Fall. Weniger fein, aber ganz
ähnlich ist dies an der Akropolisfigur Nr. 684, Schrader Taf. IX,
durchgeführt. An der jüngeren Frauenfigur Nr. 674, Schrader
S. 30 Abb. 25, ist aus rhythmischen Gründen der lange Zipfel
des Ärmels nicht in senkrechtem Fall, wie es der Natur ent-
spräche, sondern wie zurückgeweht von einem entgegenkommenden
Windhauch dargestellt — also ganz ähnlich wie bei dem Zipfel des
Umschlagetuches der Berliner Göttin, das über den Thronsitz seitlich
schräg herabhängt (vgl. besonders Abb. 6 und 7) *). Diese schräge
Richtung des Gewandzipfels begegnet auch an einer zweiten Akro-
polisfigur (Nr. 685), Schrader Tafel VIII. Es ist jedesmal die Absicht,

') Ein auffallendes Beispiel ist auch der mrlickwehende Gewandzipfel des Reiten
auf ruhig stehendem Pferde auf einem archaischen Rcliet m Boston, vgl. Norton, Journal of
hell. Stud. XXXIV 1914 S. 71 Abb. I.

zu der großen diagonalen Oberarmlinie eine Gegenlinie zu schaffen.
Das sind Übereinstimmungen, die auf einer genauen, gemeinsamen
Kenntnis der fortgeschrittensten archaischen Darstellungsmittel
beruhen und die auf einen Austausch einzelner Ateliergewohn-
heiten in der gleichen Epoche hinweisen.

Viel mehr ist aber, was die thronende Göttin von den Akro-
polisfiguren trennt: das Faltenwerk ihres Gewandes hat die denk-
bar geringste räumliche Tiefe. Es bedeckt die Körperformen fast
wie Flachornament, und man empfindet den Entschluß des Künst-
lers, auf eine vollkommen plastische Durchbildung der Bekleidung
zu verzichten, fast wie eine Kühnheit. Ungleich kräftiger model-
liert ist das Gewand bei den Akropolisfiguren, stärker in den Un-
terschneidungen, selbständiger im eigenen Leben'). Dabei zeigt
es eine größere Neigung zur dekorativen Erstarrung. Nirgends
z. B. ist die Krempelung des oberen Chitonteiles so na-
türlich wiedergegeben wie bei der Berliner Figur; meist ist
sie sogar einfaches Wellenornament geworden. Auch die Falten-
gebung am Knöpfärmel ist bei den Akropolisfiguren fast durch-
weg schematischer. Indem der Künstler der Berliner Göttin die
großen Formen des Körpers auf Kosten des Gewandes betonte,
schuf er einen scharfen Gegensatz zwischen dem monumentalen
und dem dekorativen Element, der an den Akropolisfiguren nicht
in gleicher Weise empfunden wird. Innerhalb des Monumentalen
aber suchte er die großen Übergange von Hell zu Dunkel so
sanft als möglich zu formen — alles der Weichheit des Körpers
und der allgemeinen künstlerischen Abrundung zuliebe. Daß dies
Bestreben den Akropolisfiguren an sich nicht wesensfremd ist,
zeigt der Kontur der Rückseite so mancher Köre. Aber dieser
wunderbare Grad der Vollendung wie in der Abschattierung der
Armpartien der Göttin (Taf. VII), des Unterschenkels mit dem
Knöchel, der Haube oder des Rückens, wo unter dem Tuch sogar

') Wenn man sich denselben Gegensatt auf dem Gebiet der Kteinplastik klarmachen
will, vergleiche man 1. B. Fnckenhaus, Tiryns I Taf. 5 die Sittfigur 4 mit 7
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