Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 54
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ad1926/0060
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
54

(Herkules mit der Hirschkuh und Merkur) sind wichtige Frag-
mente vorhanden, von der vierten (wahrscheinlich Diana) nur
einige Reste, aus denen sich nichts sicheres schließen laßt. Sie
wurden alle gefunden am äußersten Rande des Heiligtums nach
der ansteigenden Höhe zu (Abb. i = Notizie degli scavi 1919 fig. 4),
am 19. Mai 1916, während einer kurzen Ausgrabungskampagne,
die von mir gelegentlich eines militärischen Urlaubes geleitet wurde.
Es liegt mir daran, hier den Namen meines ausgezeichneten Assi-
stenten Cav. Natale Malavolta zu nennen, der mir bei diesen Ar-
beiten unermüdlich zur Seite stand. Auf Abb. 2 (= Notizie degli
scavi 1919 fig. 2), deren Vorlage ich hergestellt habe, als die
Figuren kaum von Erde gereinigt waren und ehe sie von dem
Ort, wo sie zu Tage kamen, weggeschafft wurden, sieht man, daß
sie an jenem Punkte nicht in Sturzlage waren; sie wurden dort
vielmehr mit Bedacht niedergelegt nach ihrer Zerstörung, um sie
einzugraben und so ihre Reste zu bewahren, augenscheinlich aus
religiösen Gründen. Wir sehen in der Tat, daß die Hauptstatue
(der Apollo) in zwei Hälften geteilt war, die — eine neben der
anderen — geborgen waren, und neben ihr lag alles das, was von

genommen. In der Tat entwickelt sich nur bei dieser Ansicht
die wundervolle gewellte Linie die von der rechten Seite der Brust
zum linken Fuße fuhrt, in ihrer ganzen Ausdehnung, die Flachen
des Gesichtes sind für diese Ansicht am wirkungvollsten komponiert
und das Ornament der Stütze, sowie die Falten des Mantels zeigen
sich nur so in ihrer besten Form. Es ist wahr, daß der Künstler
nach Carlo Anti's richtiger Beobachtung (FApoHo che cammina,
im Bollettino d'arte XIV 1920, S. 78) für die Frontalansicht in
bemerkenswerter Weise Sorge getragen hat; aber ich bin nicht
der Meinung meines Kollegen, daß die Statue ausdrücklich für
diese Ansicht gedacht und komponiert worden sei, denn sie macht
eben in dieser Ansicht, wie man auf der Tafel 2 der Notizie degli
scavi 1919 ( = Bollettino d'arte a. a. O. fig. 1) erkennen kann, mit
den weitausgreifenden und gebogenen Beinen und dem vorge-
streckten Kopfe einen sehr viel weniger glucklichen Eindruck.

Auch die Ansicht mit dem nach rechts gewendeten Profil
(Tafel 46), die von rückwärts (Abb. 3) und die von der Seite
(Abb. 4) zeigen deutlich, besonders die letzte, daß der Künstler, so
hoch er auch an Qualität stand, doch dem archaischen Gesetz der

der Gruppe des Herkules mit der Hirschkuh übrig geblieben ist.
Die anderen Fragmente wurden gefunden zwischen dieser Stelle
und dem etruskischen Wasserbecken, das wir im Vordergrund der
Abb. 1 sehen. Zusammen mit diesen Statuen lagen, wie man auf
der Abbildung erkennt, Fragmente von tönernen Votivfiguren ohne
Wichtigkeit und aus verschiedenen Zeiten.

Ehe wir von dem Stil und dem Mythus sprechen, müssen wir
die verschiedenen Figuren beschreiben, eine Aufgabe, die uns
durch die guten Reproduktionen erleichtert wird.

I. Statue des Apollo.

Sie wurde gefunden, zerbrochen in zwei Hauptteile, die man
mit vollkommener Sicherheit hat zusammensetzen können. Es
fehlen die Arme, die Spitze des rechten Fußes und zwei große
Stücke in dem Oberteil der Oberschenkel. Die Höhe der Figur
vom Scheitel des Kopfes bis zur Plinthe ist 1,75 m. Das Ge-
sicht von den Haarwurzeln bis zum Kinn mißt 0,165 m, seine Breite
0,130 m.

Die PHnthe ist 0,59 m lang, 0,3s m breit und 0,06 hoch. Sie
ist also sehr klein, so daß die Fuße des Gottes über ihren Rand
hinausragen. Aus der Stellung der Plinthe laßt sich erkennen, daß
die Hauptansicht der Statue diejenige ist, bei der die Figur in
Profil nach links steht. Und auf diese Ansicht hat der Kunstler
augenscheinlich bei der Ausfuhrung seiner Schöpfung Rücksicht

Frontalitat unterworfen war, und daß, wie ich sagte, die Ansicht
mit dem Profil nach links diejenige ist, von der jede Wertung der
Statue ausgehen muß, um ihr gerecht zu werden.

Der Gott, als solcher leicht kenntlich, ist dargestellt in
schnellem Voranschreiten nach links. Er tragt einen Chiton und
darüber ein weites Himation, das von der linken Schulter aus-
gehend, nachdem es den Rücken bedeckt hat und unter der rechten
Brust durchgezogen ist, aufs neue über die linke Schulter geworfen
rückwärts senkrecht herabhängt. Sowohl der Chiton wie der
Mantel sind am äußersten Rande verziert mit einem rötlich-violetten
Streifen, ungefähr von der Breite eines Zentimeters. Arme und
Beine sind nackend, die Füße unbeschuht, auf Schultern und Brust
fallen reichlich die Haarsträhnen herab, die auf dem Kopfe mit
einem Bande umschlossen werden. Über der Stirn lag eine Reihe
kleiner Locken, die jetzt zum größten Teile fehlen. Die Polychromie
der Figur (s. Taf. 52—53) ist vollkommen erhalten. Die Kleidungs-
stücke haben einen gelblichen Ton, die bloße Haut ist rötlich-braun.
Haare und Augenbrauen sind schwarz, die Augen weiß mit rötlicher
Iris, diese umgeben von einem dunkleren Kreise und mit schwarzer
Pupille. Um der starkbewegten und vorwartsgeneigten Figur,
deren Arme weit geöffnet sein mußten (der rechte vorgestreckt,
der linke etwas zurückgenommen längs der Seite des Leibes), die
nötige Festigkeit zu sichern, war eine Stütze notwendig, die auf
beiden Seiten mit einer großen ionischen Volute und Palmetten
künstlerisch verziert wurde.
loading ...