Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 57
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förmigen und ein wenig- schief stehenden Augen (Taf. 47); aber
ich bemerkte schon, daß dieser Eindruck nur in der Vorderansicht
vorherrscht, wahrend in der I lauptansicht des Profiles (Taf. 48)
jede fibermäßige Härte verschwindet und das Gesicht einen wunder-
vollen Ausdruck strengen und doch milden Ernstes und gespannter
Aufmerksamkeit annimmt. Von außerordentlichem Interesse, sei
es in bezug auf die Schönheit und Mannigfaltigkeit des Faltenwürfe,
sei es für die charakteristische stoffliche Behandlung, die einen
entscheidenden Schritt darstellt über all das, was bisher in dieser
Art auf dem Gebiet der griechischen wie etruskisehen Kunst
geleistet worden war, ist das vom Winde bewegte Gewand, das
dieser an den Körper anpreßt, so daß sich Brust, Unterleib und

der Bewegung nach vorne. Das ist besonders auffallend in der
Ruckansicht (Abb. 3), in deren unteren Teilen (Abb. S) die drei
Schichten des Gewandes von dieser Bewegung so stark in Schwung
gesetzt werden, daß sie den machtigen muskulösen Oberschenkel
des linken Beines ganz entblößen.

Nachdem wir die Chronologie dieses Werkes festgelegt haben
und, daß es zweifellos in Veji selbst geschaffen wurde, aller Wahr-
scheinlichkeit nach von einem vejentischen Künstler, liegt es nahe,
es in enge Beziehung zu setzen mit der antiken literarischen
Tradition, die \on mir in den Notizie degli seavi 1919, S. 30 ff.
eingehend geprüft wurde und die uns von der Existenz einer
berühmten Schule vejentischer Terrakottakünstler im 6. Jahr-

Gemacht deutlich modellieren, und das dieser rückwärts und unten
kühn aufflattern läßt (Abb. 5). Der Stoff bildet muschelartige
Mulden, die reich belebt sind von weiten symmetrischen Falten;
die Flächen, die der Mantel an einigen Stellen bildet, wo er
überhangt, sind stark betont und von den übrigen frei gelöst. In
der ganzen Gewandbehandlung zeigt sich der Künstler beherrscht
von einer strengen rhythmisch bewegten Harmonie; so entsprechen
die Falten den Voluten der Stütze, ebenso rückwärts (Abb. 5) wie
vorne (Abb. 6), wo der geschwungene Rand des Stoffes den
obersten Teil der Palmette umfasst und gleichsam fortsetzt. Deut-
lich hat der Kunstler den Unterschied durchgeführt, wie der Stoff
erscheint auf den weichen Teilen des Unterleibes, wo er ganz
kleine Falten bildet, und auf dem mächtigen Brustkasten, der sich
durch die weiten Wölbungen des Stoffes modelliert, oder schließ-
lich da, wo der Stoff streng stilisiert fast senkrecht niederhangt
(Abb. 7).

Es wurde von mir und anderen (Rassegna d'arte VII Heft 2,
Februar 1920 S. 41; Della Seta im Dedalo IX, Februar 1921
S. 566: Anti a. a. O.) mit Recht betont, daß dieser Apollo wirk-
lich geht, ja, daß er ganz erfüllt ist von einem wahren Drang

Antike Denkmäler 1918—20

hundert v. Chr. berichtet, einer Schule die uns repräsentiert wird
durch den Namen Vulca, einen Namen, der als echt etruskisch
seiner Form nach von den Philologen erkannt worden ist (W.
Schulze Zur Geschichte lateinischer Eigennamen« S. 377, No 3).
Von diesem Vulca wird überliefert, daß er vor der Vertreibung
der Könige von Veji nach Rom berufen wurde, um dem Tempel
des Iupiter Capitolinus, der der Überlieferung nach im Beginn
der republikanischen Zeit, d. h. im Jahre 509 oder 507 v. Chr.
eingeweiht wurde, mit Tonfiguren zum schmücken. Diese Über-
lieferung wird, wie ich schon bemerkt habe, bestätigt durch die
Tatsache, daß auf dem Capitol geringe, aber sichere Reste von
Ton- und Terrakottaschmuck eines Tempels und Votivgaben aus
dem 6. Jahrhundert v. Chr. gefunden wurde (Helbig-Amelung,
Führer I S. 576, Nr. 1005; Gatti im Bulletüno comunale 1S96
S. 119; Pinza, Monumenti antichi XV S. 496; Paribeni in den
Notizie degli seavi 1921 S. 44) und dadurch, daß, wie Paribeni
bemerkt, die Substruktionen des Tempels auf diese Zeit zurück-
zugehen scheinen, wodurch denn die allzu strenge historische
Kritik, ilie dazu neigte, eine Erbauung des Tempels erst im
4. Jahrhundert anzuerkennen, durch die archäologischen Funde

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