Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 3) — Berlin, 1926

Seite: 58
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widerlegt wird zu Gunsten der Überlieferung (siehe Pais, Storia
antica di Roma I S. 520, 535, 594; III S. 337 und dagegen
seine Ricerche suüa Storia e sul diritto pubblico di Roma IV
S 158 — La statua archaica di Apollo trovata a Vejo e ]e costru-
zioni sul Campidoglio fatte al tempo di Furio Camillo — vgl. De
Sanctis, Storia dei Romani II S. 512). Es ist also klar, daß wir
uns nach der Statue von Veji eine sichere und deutliche Vorstel-
lung von dem Werte dieser Schule machen können, und das auch
für den Fall, daß wir in ihr unmittelbare Einflüsse griechischer
Künstler erkennen müßten, die der Überlieferung zufolge im Beginn
des 5. Jahrhunderts aus Sizilien nach Rom gekommen sind.

Ehe wir von dem Mythus sprechen und von der ursprüng-
lichen Bestimmung dieser Statue, wollen wir kurz die Reste der
anderen betrachten.

II. Gruppe des Herkules mit der Hirschkuh.
Erhalten ist nur der untere Teil, wo wir die Hirschkuh rück-
lings auf der Erde liegen sehen, die vier Laufe mittels eines Leder-

ganz über sie hinausragt (0.60 x 0.40 x 0.06 m). Zweifellos war
die Hauptansicht die unserer Tafel 55, da in der anderen (Abb. 9)
die Hirschkuh fast ganz verdeckt bleibt. Abgesehen von der
Tatsache, daß dieses Fragment zusammen mit dem Apollo gefunden
wurde, beweist die Gleichheit der Technik, des Stiles und der
Verhaltnisse (der Fuß des Herkules ist ebenso lang wie der des
Apollo), daß beide zu einem Ganzen zusammengehören. Held
und Gott standen sich also gegenüber, und Herkules hat seine
Beute für den Augenblick niedergelegt, um die Arme frei zu haben
und mit festem Stande Apollo zu erwarten, der herbeilauft, um
ihm seinen Raub wieder abzunehmen. Ich habe in den Notizie
degli seavi 1919, S. 2ofT. in Erwägung gezogen, ob es wahrschein-
lich sei, daß es sich hier, wie ich glaube, um einen Parallelmythus
zu dem Kampf um den delphischen Dreifuß handelt oder um eine
Episode beim Raube der kerynitischen Hirschkuh und ich habe
dann die griechischen und etruskischen Denkmaler wiedergegeben,
die sich auf den gleichen Vorgang beziehen, und von denen das
eine, ein Bronzerelief auf einem Helme aus Vulci in der Bibliothe-

riemens zusammengeschnürt, und Reste einer mannlichen Figur.
Das Tier, dessen Kopf fehlt, dessen Art und Geschlecht sich aber
trotzdem durch charakteristische körperliche Anzeichen zu erkennen
gibt, ist zweifellos lebendig und von seinem Räuber, der es, um es
festzuhalten, mit dem rechten Schenkel preßt und ihm den linken
Fuß auf die Brust setzt, augenblicklich auf den Boden geworfen.
Daß dieser Räuber Herkules sei, ist deutlich angezeigt durch die
zwei Pranken und den Schwanz vom Fell des nemeischen Löwen,
das der Held, wie üblich in den archaischen Darstellungen, wie
einen Panzer umgelegt hatte. Auch diese Gruppe benötigte eine
Stütze, die man hinter der Hirschkuh sieht, wiederum reich ver-
ziert, hauptsächlich auf der freiliegenden Rückseite mit schönen
ionischen Voluten und Palmetten Wir bemerken sofort, daß im
Mittelpunkt der Voluten zwei Löcher sind (Diu. 0.045 m)< die m
den hohlen Körper der Hirschkuh führen und zwei anderen Löchern
auf ihrer Vorderseite entsprechen, wahrend wie beim Apollo mit
ihnen in Verbindung stehen sowohl der Kanal, der parallel zu den
Langseiten der kleinen Plinthe hindurchführt (Dm. 0.08 m), wie
unter der Plinthe eine große halbmondförmige Öffnung (L. 0.39 m).
Die Plinthe selbst ist auch in diesem Falle auf das geringste not-
wendige Maß beschränkt, so daß der Korper der Hirschkuh fast

que nationale in Paris, außerordentlich viel typologische Ähnlichkeit
mit unserer Gruppe hat.

Wichtiger als dieses Argument ist die Frage der für mich
entscheidenden Aufklarung, die diese Hirschkuh für die stilistische
Bestimmung der kapitolinischen Wölfin (Abb. 10) gebracht hat.
In dem gleichen Bericht der Notizie degli seavi (1919, S. 33,
Anm. 5) bemerkte ich, die stilistischen Ähnlichkeiten zwischen der
Hirschkuh und der Wölfin seien groß genug, um uns zu dem
Schluß zu berechtigen, daß wahrscheinlich auch die Wölfin ein
Werk der vejentischen Schule des Vulca sei. Diese Annahme
wurde gebilligt von F. Cumont (L'Apolion archaique de Veies in
der Revue de Part ancienne et moderne XXXVII, Nr. 216, Mai

1920, S. 262), von A. Della Seta (im Dedalo 1, Heft 9, Februar

1921, S. 570), von E. Strong (Scultura romana 1924, S. 4) und
von Wolters (Springer-Wolters, Kunst des Altertums, Aufl. 12,
S. 465). Widersprochen hat ihr J. Carcopino in seiner Studie,
La louve du Capitole, Paris 1925, S. 78 (= Bulletin de r Association
Guill Bude, Juli 1924 und Januar 1925). Aber wenn er auch ein-
leuchtend die historischen Notizen über die kapitolinische Bronze zu-
sammengeordnet hat, so vertieft er sich doch nicht in eine stilistische
Prüfung und, wenn er an einen griechischen Kunstler denkt, so


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