Wiegand, Theodor  ; Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 4, Heft 2): Die altattische stehende Göttin in Berlin — Berlin, 1929

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Schopfes, das wagrechte Band darüber in der Höhe der Ohren zeigt nur in den beiden Ritzlinien rote Farbspuren. Wenn sich
auch an dem als Gold zu denkenden Schmuck der Ohren, des Halses und des linken Armes keine Spur von Farbe mehr erhalten
hat, so darf doch als das natürlichste angenommen werden, daß er gelb gefärbt war.

Gehen wir zur Betrachtung der plastischen Eigenheiten über, so sind an der Kopfbildung das unmittelbar auffälligste die
Augen, die unter der hohen, ganz flachen und zurückweichenden Stirn mit dem oberen Augenlid um volle 6 mm vorquellen, eine
Eigentümlichkeit, die wir in der Natur nicht bei europäischen sondern bei ostasiatischen Völkern finden. Die Pupille ist leicht
nach unten gewölbt (Abb. 2), ihre Öffnung unnatürlich weit und von starrender Wirkung. Die Tränendrüsen sind nicht ausge-
bildet, vielmehr stoßen die Lider im inneren Augenwinkel mit einer leicht geschweiften Spitze zusammen; der obere, sehr hoch
geschwungene und scharfkantige Lidrand senkt sich in steiler Schräge auf den unteren, der nur eine leichte, nach außen an-
steigende Bogenlinie bildet und ebenfalls scharfkantig ist. Am äußeren Augenwinkel enden die Lider in einer pfeilspitzen-
förmigen horizontalen Fortsetzung nach der Schläfe zu, deren Fläche in das plastisch ganz unterdrückte Jochbein übergeht. Die
Nase bildet mit der Stirn einen fast unmerklichen stumpfen Winkel; sie ist von charakteristischer Stärke der fleischigen unteren
Hälfte und zeigt auf dem Rücken eine ganz leichte Erhebung; der Rücken selbst ist etwa 1 cm breit, nach unten erbreitert er sich
aber so, daß die rundliche Nasenspitze den dicksten Teil bildet. Die Nasenflügel sind so energisch in die Wangen eingetieft, daß
eine dreieckige Einsenkung zwischen den Wangenmuskeln und dem kantigen Rand der Oberlippe entsteht; sie beeinflußt in hohem
Maß den Ausdruck des Gesichts, das sich zu scheinbar starrem Lächeln zu verzerren scheint. Insbesondere trägt zu diesem

Abb. 8. Krone der stehenden Göttin

grellen Eindruck der Umstand bei, daß die Kante der Oberlippe sich über die eigentliche Mundbreite hinweg nach den Wangen
zu fortsetzt. Über die stark unterwölbte Unterlippe ragt die Oberlippe erheblich hervor; die vom Septum ausgehende senkrechte
Mittelfurche ist stark betont und wie mit einem Hohleisen herausgearbeitet. Die Unterlippe stößt in den Mundwinkeln in breiter
Endigung an die senkrecht bis zum Kinn verlaufende kerbschnittartige Mundwinkelfalte. Das Kinn ist kräftig gebildet und zeigt
in der Mitte eine sehr zarte, kaum fühlbare Einsenkung. Die Ohren, groß und steil gebildet, liegen dicht an, mit langen flachen
Ohrläppchen, die fast kantig umgrenzt sind, während der obere Ohrrand weich erscheint und das Innere der Ohrmuschel wie
auch der Knorpel vor dem Ohreingang nicht ohne zartere Übergänge gebildet ist. Unnatürlich groß ist der Abstand des Ohres
von der Nase und die Breite der überaus flächigen Wangen.

Besondere Schwierigkeiten bereitete dem Künstler die rechte Hand mit dem Granatapfel (Abb. 3), der recht deutlich als
runder Gegenstand erkennbar sein sollte. Um ihn schließt sich die Hand in schematischer Rundung auf eine in Wirklichkeit
unmögliche Weise, so daß an dieser Stelle der Statue der Eindruck von Unnatürlichkeit und Unbeholfenheit entsteht. Da im
übrigen aber die Hände eine deutliche und richtige Betonung sowohl der Knöchel am Handgelenk als auch der Gelenke an den
einzelnen Fingern zeigen (Abb. 3), wo als besondere Feinheit an den Nägeln eine zarte Niethaut am Übergang zum Fleisch nach-
gebildet ist, so kann von allgemeinem Unvermögen des Künstlers hier nicht die Rede sein. Die Finger- und Fußnägel sind kurz
geschnitten, so daß sie in leichten Bogen mit den rundlichen Kuppen enden. Von besonderer plastischer Feinheit sind die Einzel-
heiten der Füße (Abb. 5—7), trotz der unnatürlichen altertümlichen Steilheit der Stellung im ganzen. Die Einziehungen der
Zehenglieder und die weiche Abrundung der Außenseite des Fußes entsprechen der Natur, die Andeutung der Knochen und
Sehnen unter der Haut des Mittelfußes ist so meisterhaft, daß man ein sehr starkes Können, ein gereiftes Empfinden für das
lebendig Körperliche anerkennen muß1), das sich in gleicher Weise an der weichen und doch elastischen, schwellenden Form der
Oberarme mit dem ganz richtig angedeuteten Deltamuskel und des kaum angedeuteten Busens zu erkennen gibt. Die Schultern
dagegen laden so breit aus, daß man sie eher für männlich als für weiblich ansehen könnte.

Das Gewand ist einfach zu verstehen: ein einfarbig roter jonischer Chiton mit weiten Halbärmeln, über den Hüften durch
ein nicht sichtbares Band so gerafft, daß unterhalb davon zahlreiche Parallelfalten entstehen. Während diese unten seitlich und

J) Mit Recht hat H. Lechat (Au Musee de l'Acropole 194 f.) den menschlichen Fuß das »morceau de predilection« der archaischen Künstler genannt, woran namentlich
diejenigen unter den heutigen Künstlern erinnert sein mögen, die ohne spezielle Kenntnis der archaischen Kunstweise Anstoß an dem Unterschied zwischen der unbehilflichen
rechten Hand und den Füßen zu nehmen pflegen. Daß erstere ihre besondere Ursache hatte, glaube ich genügend dargelegt zu haben.
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