Wiegand, Theodor  ; Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 4, Heft 2): Die altattische stehende Göttin in Berlin — Berlin, 1929

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hinten gleichmäßig abschließen und bis nahe an die Plinthe herabgehen, erheben sie sich über den steil gestellten Füßen mit dop-
peltem Bogen des Saumes und tiefer Einsenkung dazwischen (Abb. 5). Den Hals läßt das Gewand frei, mit rundlichem Aus-
schnitt, dessen Rand mit dem schon erwähnten Mäanderstreifen abschließt. Das Mäntelchen mit jederseits sechs parallelen Falten
ist, wie man am unteren Rande sieht, vierfach gefaltet. Vier mehrfach gekerbte kleine Troddeln von dreieckiger Form bezeichnen
die Ecken des Tuches (Abb. 3). Über den Schultern erbreitern sich die Falten. Während sie auf der Vorderseite wesentlich
schmaler sind als die Rockfalten, zeigt der Rücken ein viel breiteres Faltenwerk. Die Linien der nach beiden Seiten hin schräg
abwärts fließenden Haarmasse, die U-förmig geschwungenen Rückenfalten und die Steilfalten des Rockes bilden hier einen leb-
haften und sehr bewußten Kontrast, wie denn überhaupt das Lineare auch hier einen großen Teil des Eindrucks bestimmt.
So steht die Gestalt in herbster Altertümlichkeit vor uns, mit steilen Füßen, durch die sie, bei gleichzeitiger Verkürzung
der vorderen Rockfalten, von vorn gesehen geradezu kurzbeinig wirkt. Seitlich und vom Rücken, wo das Gewand bis zur Plinthe
herabreicht, erscheint sie dagegen durchaus normal, auch in der Höhlung des Rückens und in der richtigen Einziehung über den

Abb. 9. Kopf vom Dipylon

natürlich gerundeten Hüften. In senkrecht parallelen Zügen umgeben die Rockfalten den Unterkörper, in zarterer Form wird
sodann das Parallelmotiv vom Mäntelchen aufgenommen, auf den Oberkörper übertragen und aus kanellurartiger Starrheit durch
symmetrische Ausbiegung zu den Schultern gelöst. Der dicht an der Brust liegende, geradezu gewaltsam eingebogene linke Unter-
arm vermehrt die geschlossene Strenge, dazu die vier parallel und horizontal ausgestreckten Finger, während der Daumen unter
den Mantelfalten verschwindet, denn die Hand will das Gewandstück fassen und vor dem Herabgleiten bewahren. Auch der
rechte Unterarm ist gewaltsam zur Vorderseite des Körpers hingebogen, während der abstehende Ellenbogen und der dreieckig
durchbrochene Zwischenraum zwischen Unterarm und Halbärmel die Geschlossenheit mildert. Mit Nachdruck ist als Blickziel
deutlich gemacht der Granatapfel, da die rechte Hand ihn gewissermaßen vorweisend dem Beschauer zukehrt, während dieselbe
Frucht bei anderen archaischen Statuen aufrecht und in der Seitenansicht getragen wird (Abb. 13).

Über diesem nach den Schultern zu sich mächtig dehnenden Unterbau erhebt sich gerade, hoch und schlank der geschmückte
Hals und der schmale, aber breitstirnige Kopf mit den brillenartig starren Augen und dem bis zur Verzerrung lächelnden
Munde. Die Schmalheit des Gesichtsumrisses im Verhältnis zu den Schultern wäre kaum zu ertragen, würde sie nicht durch die
konvexen Wellen des Schopfes, der als Hintergrund wirkt, und durch die im Gegensatz dazu leicht konkave, rhythmisch ge-
teilte Haarmasse des Oberkopfes x) stark umrahmt. Aber wiederum wird das Haupt verlängert durch die aufgesetzte Krone, deren
Höhe der Länge von Nase bis Kinn gleichkommt, und man empfindet deutlich, daß dieser ehrwürdige Aufputz der Wirkung des
Ganzen nicht günstig ist, ja daß die Figur gerade dadurch etwas sonderlich Bizarres erhält, um so mehr als diese Stephane das
Haar nicht bindet, sondern lose aufzusitzen scheint, ohne daß man sieht, wie sie gehalten wird. Der Umriß des Schädelbogens
verschwindet unter ihr und der Hinterkopf bildet mit Krone und Schopf eine kaum gebogene Linie.

x) Zum Krobylos und der Umschnürung des Schopfes vgl. Fr. Studniczka im Thukydides von Classen-Steup 6 I 393 f. F. Noack, Athen. Mitteilungen 32, 1907, 591
Abb. 28. Dazu E. Buschor ebda. 52, 1927, Taf. 28 = unserer Abb 9. E. Pfuhlj Malerei u. Zeichnung III Taf. 47 Nr. 200. E. Langlotz, Frühgriech. Bildhauerschulen
16 Taf. 13 b.

Antike Denkmäler 1928 I2
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