Wiegand, Theodor  ; Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 4, Heft 2): Die altattische stehende Göttin in Berlin — Berlin, 1929

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Diese Krone (Abb. 8) läßt verschiedene Deutungen zu, je nachdem man sie als Schmuck eines sterblichen oder unsterblichen
Wesens ansieht. Wir finden sie in Alt-Attika zum Beispiel an der Sphinx von Spata1), wir finden sie bei den kleinen Mädchen-
figuren im Gewände der Hören der Francoisvase 2) und in ähnlich hoher Form wie dort als Schmuck der no'rvia &tiqü)v auf der
altjonischen Stele von Dorylaion3). Es wird sich um eine Göttin handeln. Die Krone allein kann diese Frage aber nicht ent-
scheiden. Ebensowenig das Attribut der rechten Hand, der Granatapfel, um dessentwillen U. v. Wilamowitz-Moellendorff an eine
Fruchtbarkeitsgöttin, an Aphrodite dachte 4). Auch an Persephone ließe sich denken — ein Kovquov ist in Attika neuerdings in-
schriftlich festgestellt5). Aber wir finden dieses Symbol auch in der Hand einfacher Mädchen und auf Grabreliefs. So bleibt immerhin
die Möglichkeit offen, in dieser Gestalt eine jung Verstorbene zu erkennen. Die Größe der Skulptur steht dem nicht im Wege,
lebensgroße Figuren hat man in archaischer Zeit nicht nur in Attika neben großen Sinnbildern des Todes (zum Beispiel den
Sphinxen) auf Gräber gestellt. Der in Abb. 9—11 wiedergegebene hocharchaische Kopf vom Dipylon beweist es durch seinen
Fundort ebenso wie der 'Apoll' von Tenea, die Grabstele aus der themistokleischen Mauer, der Aristion oder die Stelen von Boston

Abb. 10. Kopf vom Dipylon

und New York 6), wo neben der Hauptfigur auch ein Mädchen erscheint. Ist die Dargestellte eine junge Sterbliche 7), so dürfte es
sich bei ihrem Kopfschmuck um die Brautkrone handeln. Der Granatapfel wird dort zum Symbol der immer wieder neuen und
sich vervielfältigenden Kraft, die in unzähligen frischen Keimen aus der zerfallenden Frucht hervorgeht, wenn diese der Erde
anvertraut wird.

Alle stilistischen Eigenheiten der Statue weisen auf die altattische Plastik und sind durch Vergleiche zu belegen. Der große
Kopf vom Dipylon8) zeigt uns klar die um einige Jahrzehnte ältere Vorstufe. Hier wie dort die lange Kopfform mit
dem Schopf als erbreiterndem Hintergrund des Gesichtes, mit der hohen und breiten Stirn, deren äußere Ränder in der Linie

1) Collignon, Les statues funeraires 85 Abb. 45. E. Waldmann, Griech. Originale 8.

2) Furtwängler-Reichholdt, Griech. Vasenmalerei I Taf. 3 Abb. 3 u. 5. Vgl. auch den Kopf von der Akropolis Athen. Mitteilungen 4, 1879, Taf. 6 links; dazu Milchhöfer
ebda. S. 73. Die hohe Form zeigt u. a. die wichtige Statuette in Cambridgej Fitzwilliam-Museum, die K. A. Neugebauer im demnächst erscheinenden Archäol. Anzeiger 1928
veröffentlichen wird (sie ist auch für die Augenbildung, den Schopf und das Gewand von Interesse), ferner das Bild Akropolisvasen I Taf. 24 (Althaia; Gefäß der gleichen Stilstufe
wie die Francoisvase) und III Taf. 81 Nr. 1534, wo die Wellenform der Frisur und auch der Ohrschmuck übereinstimmen. Vgl. auch die spätarchaische Terrakottabüste in
Syrakus Phot. Alinari 33402. Für das Ornament der Krone ist vergleichbar das Anfhemienmuster der sf. Scherbe Akropolisvasen IV Taf. 111 Nr. 2624 a oder auch das
Reihenmuster IV Taf. 93. Für den ägyptischen Ursprung vgl. den Lotosschmuck der Fürstentochter auf dem Kalksteinrelief von Bersche (12. Dyn.): Schaefer-Andrae, Die
Kunst des alten Orients Taf. 7. Will man die Krone unserer Statue als Edelmetallschmuck auffassen, der hier nur flächenhaft angedeutet wäre, in Wirklichkeit aber durchbrochen
war, so sei als Beispiel auf den thronenden Zeus des Einführungsgiebels der Akropolis verwiesen: Th. Wiegand, Arch. Porosarchitektur 99 Abb. 99 (Rückseite).

3) A. Körte, Athen. Mitteilungen 20, 1895, Taf. 1.

4) Über den Granatapfel als Symbol der schöpferischen Lebenskraft vgl. E. Curtius, Archäol. Zeitung 37, 1879, 97.

5) H. Möbius, Athen. Mitteilungen 49, 1924, 5 u. 13; dazu Röscher, Mythol. Lexikon II 1292 f.

6) Grabstele aus der themistokleischen Mauer: Athen. Mitteilungen 32, 1907, 514 ff. Taf. 21 (F. Noack). Aristion: A. Conze, Att. Grabreliefs I 4 Nr. 2. Grabrelief in
New York: Gisela Richter, Metrop. Mus., Handbook of the Classical Collection 203 fr. Abb. 121 u. 122. Grabrelief in Boston: Caskey, Cat. Greek and Rom. sculpt. Mus. of Fine
Arts Boston 19fr. Nr. n.

7) Vgl. dazu E. Pernice, Privataltertümer (in Gercke-Norden, Einleitung in die Altertumswissenschaft II) 66. Die Tote mit der Brautkrone: E. Buschor, Griech. Vasen-
malerei 182 Abb. 132; dazu A. v. Salis, Rhein. Museum 73, 1920/24, 199 ff.

8) G. Karo, Archäol. Anzeiger 1916, 162 Abb. 7. Phot. Athen. Institut Keram. Nr. 564 u. 565. W. H. Schuchhardt, Gnomon 4, 1928, 203. G. A. S. Snijder, Maand-
blad voor baeldende Künsten 1926, 176 und soeben mit ausführlicher Würdigung E. Buschor, Athen. Mitteilungen 52, 1927, 205 ff.
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