Wiegand, Theodor  ; Deutsches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Antike Denkmäler (Band 4, Heft 2): Die altattische stehende Göttin in Berlin — Berlin, 1929

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Statue. So die Hydrophore des Einführungsgiebels, deren Gesichtstypus dem der Sphinx von Spata nahesteht. Diese Hydro-
phore wird von R. Heberdey um 600 vor Christus datiert. Nach allem, was wir an unserer Statue beobachtet haben, muß sie
dann etwas jünger angesetzt werden, jedoch würde ich mich nicht entschließen können, sie niedriger zu setzen als etwa das erste
Viertel des sechsten Jahrhunderts, in die Zeit des Hekatompedon. Bis auf die Ornamente der Krone ist diese Gestalt noch
ganz frei von fremden Einflüssen, es sei denn, daß man den Faltenrock zu solchen rechnen will.

Wie auf den Kalbträger, so trifft auch auf unsere Statue die vorzügliche Charakteristik zu, die einst Franz Winter1) von der alt-
attischen Kunst gab: »Werke von urwüchsig derbem Charakter, fest und kräftig in den Formen, aber ganz ohne den Liebreiz weicher
Anmut und feiner Eleganz.« Innerhalb dieser Sphäre ist unsere Statue das besterhaltene und bedeutendste Werk, imposant in seiner
geschlossenen Größe und vollkommenen Stilsicherheit, ergreifend durch den Willen eines ehrlichen Künstlers, diesem Marmor im Rahmen
einer ungelenken Tradition die stärkste Lebenswirkung zu verleihen. Dieser Ausdruck mußte kraß werden. Wie er sich aber innerhalb
zweier Generationen mildert und wie aus dieser Abfolge schließlich die frischeste und lebendigste aller archaischen Koren der
Akropolis hervorgeht, das erleben wir an der vielbewunderten Statue der Burg Nr. 689 2). Hier kommt das bisher noch Ge-
fesselte zu einer fast freien Auswirkung. Sie hat die Anmut, die wir an den älteren Werken vermissen. Mit ihrem rotblonden
Haar und den lustigen dunkelen Augen, deren Umrahmung immer noch etwas an die Großmutter erinnert, steht sie da, als wäre
sie plötzlich zwischen uns gesprungen, ein fröhliches Wort auf den Lippen, während die große Zahl ihrer Schwestern sich in der
von fremden Künstlern gebrachten Verfeinerung auslebt und erschöpft.

!) Athen. Mitteilungen 13, 1888, 14 ff.

2) H. Schrader a. a. O. 6 ff. Taf. 1 u. 2. Dickins a. a. O. 223 Nr. 679. v. Lücken, Athen. Mitteilungen 44, 1919, 79 Taf. 2, 8. Sie zeigt auch das Band im Haarschopf
hinten in Höhe der Ohren als Reminiscenz altattischer Abkunft.

Antike Denkmäler 1928 14
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