Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 11
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letzteren entstammen einer Reparatur des Iahres s72-l-') Die
innere Anlage der seitlichen Emporen aus l)ol; und die zum
Boden führende ötiegc haben wir schon erwähnt.

Gleich beim ersten 2lnblick des kleinen Bauwerkes sallen uns
zwei grundverschiedene Theile desselben aus: der mit außerordent-
licher technischer lvorgfalt künstlerisch ausgesührte rechteckige lchmpt-
bau mit seinen k)albsäulcn und s?ilastern in scincm regelmäßigen
bunten Farbenwechsel und der in seiner ganzen Gestalt durchaus un-
regelmäßige, unverhältnißmäßig schwere südliche runde Anbau mit
seinem geradezu liederlichen Alauerverbande, der sich größtentheils
unter dem j?utzc vcrbirgt. Der Trbauer des reizvollen Isauptbaues
hätte sich sicherlich nicht dazu entschließen können, sein Aunstwerk
durch solchen 2lnbau zu schänden. Bis zum Äahre s8H2 hatte
aucki an der Nordseite ein solcher runder Anbau bestanden; beidc
unsörmige lsohlkörper waren Treppenthürme sür die hölzernen
Tmporen, welche im Zuncrn an
der Bord- und tvüdseite angebracht
sind. Damit ist auch für die Zeit
ihrer Trbauung ein Anhaltspunkt
gegeben: sie sind ein barbaris.be's
Akacbwerk einer Acit, in welcher
die Thorhalle dem Gottesdienst ge-
weiht werden sollte oder schon ge-
weiht war, also bedeutend jünger als
der Dauptbau. Diese Bermuthung
bestätigt ihre technische Unlersuchung.

Als im Zahre s8^2 bei Trbauung
der neucn Areisstraße nach Bcns-
heim, die dicht an der Bordseite
vorbeigesührt wurde, die schadhasten
Hundamente an denr vorderen, der
lrtraße zugekehrten Treppenbau unter-
sangen werden sollten und man zn
diesein Zwecke einige untere lvteiue
herauszubrechen versuchte, treuute sick'
plötzlich das vordere Segmeut des
Aundbaues bis unter das an die
Giebelwand des 1)auptbaues sich an-
schließende Dach von den
mauern und stürzte zusammen. Icherbei
stellte sich heraus, daß das Akauer-
werk im Innern des halbrunden Bor-
baues aus nichts weniger als lager-
hastcn ^tcinen bestand, die regellos
in eine mit dcn ^ingcrn sehr leicht
zerreibliche Acörtelmasse geworfen
waren, so daß füglich nichts anders
übrig blieb, als auch die stehen ge-
bliebenen Theile bis zur Giebelmauer
abzubrechen, mit welcher sie nur in ganz losem Zusammenhang ge-
wescn waren. Aian hat, mahrlich nicht zum ächadcn des herrlichen
Baues, aus cinen IDiederausbau dieses Treppcnthurmes verzichtet.

Die Antersuchung des noch stehenden südlichen Treppenthurmes
sHig. <s) crgab eincn verwandten Thatbestand. Dcrselbe bindet
zwar theilweise, nämlich bis hinauf zu dem das ksauptbauwerk
umziehenden Lriesstrcifen, mit seinem Aiauerwerk iu das des Giebels
cin, jedoch macht sich durch einen Aiß in letzterem bemerklich, daß
diescs nur dadurch crreicht worden ist, daß vor Trrichtung des
Thurmes das Akauerwerk des unteren Giebeltheiles weiter aus-
gebrochen wurde, als jener es verlangte, und daß alsdann in dem
IDinkel der Berband durch gleichmäßigcn Ausbau des Treppeu-
baues und der anstoßenden unteren Alauertheile entstanden ist.

't Dto an dcr Nordscite ckcmals in eincni gleichen Anban vcrhandcn
gcwcscnc Trexpe scll Zölockstufcn ans lsotz gcstal't liaben.

äo konnte an dem westlichen lVinkel zwischcn Giebcl und Thurm-
rundung untrüglich sestgestellt werden. Aeber dem Friesstreifen jedoch
hat sich auch dicht an diesem N)inkel das alte Ackauerwerk des Baues
erhalten, und hier ist daher der Thurm bis zum Dachrande ohne
Berband mit dem Giebel, was zur Holge hatte, daß in dem
lVinkel eine klaffende ^uge entstand, die später mit Ackörtel aus-
gefüllt wurde. Der hieraus sich ergebende 5chluß auf die Un-
gleichzeitigkeit des ksauptbaues und Thurmes findet seine Be-
stätigung noch in der Verschiedenheit des Ackauerwerks, die wir
weiter unten noch erwähnen werden.

Zn wenig schönem Verhältniß zu dem Unterbau steht das
steile Dach mit seinen hohen Giebeln, von denen der südliche mit
zwei 5pitzbogenfcnstern und zwei schmalen 5chlitzen darüber, der
uördliche von einem solchen und gleichfalls zwei Achlitzen darüber
durchbrochen ist. IVir haben hier zweisellos ein lVerk gothischer Zeit

vor uns; das ursprüngliche Dach
war ein flaches; seine Neigung und
die Gestalt seiner Gesimse ist aus
den an der Tcke noch stehenden Resten
der letzteren deutlich erkennbar.

Aus neuer Zeit stammt serner
der gepflasterte, aus 5tützmauern
ruhende Vorplatz. Tine rohe farbige
5kiW aus dem Zahre s72<s, die sich
bei den Aameralakten des Großher-
zoglichen A unisteriums der ^inanzen
befindet, zeigt bloß eine kleine Zu-
gangstreppe von 3 5tufen vor der
mittleren Bogenöffnung.

Als Neuerung macht sich auch
die Antermauerung der drei ästlichen
Bogenselder kenntlich; sie ersolgte im
Zahre s86Z, da das alte Niauerwcrk
schadhast geworden war. ^etzteres
hatte in keinem Verbande mit den
j)feilern dcr Gstmauer gestandcn,
wie dieses auch heute noch zu er-
kennen ist.

Gb die Thorhalle auch zu jener
Zeit, als sie noch der Bestimmung
diente, sür welche sie erbaut war,
schon Fenster gehabt hat, ist aus
ihrem heutigcn Besund nicht mehr
festzustellen. Nach einem Berichte des
Areisbauamtes Benshei m an die
Großherzogliche Gberbau - Direktion
vom Zahre s865 waren die alten
^enstergcstelle »sehr schadhaft, zum
Theil gan; unvollständig und ofsen-
bar späteren Arsprungs als das Gebäude selbst«,
uud da ohnehin die Ausbcsserung der äußeren IVandbekleidungen
vorgesehen war, so ergab sich die Aerstellung der.senstergewände
als cine dringende Nothwendigkeit von selbst. A)ic die ^enster-
gewände vor diescr Iviederherstellung ausgcsehen haben, ist mit
lZicherheit nicht mehr sestzustellen, da sämmtliche Abbildungen aus
srüherer Zeit, sowohl die Acoller'schc und die bei Gailhabaud,
wie die bei den Akten des Großherzoglichen Amüsteriums sAb-
theilung sür Bauwesen) befindlichen auffallender IVeise nicht mit
einander übereinstimmen.') Ansere eigenen Antersuchungen an

') Die vcn der Tkvrkalle gciiiachten ell'lnldiingcn sind znin Thcil sedr
fliichtig angefcrtigt iind insbesondcre ist die nnriä'liae Abt'ildnng bci Gail-
babaud in die nicistcii Lchrbücher i'ibcrgcgaiigcn. Letzterc zeigt sogar an
Stcllc der drci äcnstcr dcrcn fiinf, und die Pfeilcr sind ohne die ringsiini
laufcnde attische Basis. Dicselbe Abbildung fiudct sich bci Schuaase a. a. M.,
bei Lenoir a. a. M. und in cincr Rcihc andcrcr bsandbiicher. ^lnch Förstcr
bringt kcinc richtige Abbildung.

Fig. ;o. Perspcktivische Ansicht eines jdfcilcrs.
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