Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 12
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der )>menseite der Westmauer durch Abschlagen des Verputzes
haben die früheren Fensterwandungen wieder zum Vorschein ge-
bracht. Ls ergab sich an dem untersuchten nördlichen Fenster,
daß dasselbe mit einem gewölbten Vogcn von sehr sorgloser
Arbeit überdeckt war, dessen Widerlager sich aus kleinen Lteinen
ganz unregclmäßig zusammensetzte; einige 5teine der lctzteren hatten
sogar cine dem Zweck des Widerlagers widersprechendc Neigung
nach dcr der Lensteröffnung entgegengcsetzten Leite. 5o gab sich
das Näauerwerk hier als Llickarbeit ;u erkennen. Gb aber nicht
auch diesen Fensterwandungen andere vorausgegangcn sind, ist
nicht mehr festzustellen. Von großem Werthe für die Bestimnrung
des Gebäudes ist übrigens die Lösung dicser Frage nicht. Denn
auch dann, wenn, wie unsere .seststellungen im Znnern des Ge-
bäudes ergeben haben, ursprünglich kein zweites 5tockwerk vor-
handen war, erscheinen obere Henster keineswegs als ganz über-
flüssig, da ohne sic der obere Theil des Znnern sehr dunkel ge-
wesen wäre. Ts könnte sich also nur darum handeln, ob diese
^ensteröffnungen an den flachen Gicbeln oder an dcn beiden
Ha<;aden angebracht gewesen seien. Auch in dieser Horm ist die
^ensterfrage heutzutage leider nicht mehr zu beanlworten.

Gin wesentlich anderes Aussehen als die künstlerisch aus-
gestattete U)est- und Gstseite hatten die Nord- und Lüdseite. Die
Gckquadern reichen hier sehr ties, zum Theil fast bis zu einem
llNeter in das llNauerwerk hinein, haben aber an der Giebelseite
keine schars und gerade behauene Aantc, so daß als zweifellos
gelten muß, daß hier jenrals weder Auadermauerwerk noch eine
Ausstattung ilach Art der äußeren Mst- und Westscite, vielmehr
von vorn herein ein auf Putz berechnetes unrcgelmäßiges Näauer-
werk gewesen ist. Letzteres ergibt sich auch daraus, daß die
Tckquadern an der Gberfläche bis zu einer senkrechten Linie
gleichmäßig bearbeitet, alsdann aber zur Ausnahme einer Nlörtel-
schicht aus der Gberfläche gespitzt sind. Daß diese Lpitzung eine
ursprüngliche war, ist nicht direkt nacbweisbar, aber auch nickN
mit Grund anznzweifcln.

Der Gurtsries setzte sich srüher auch an der ganzen Schmalseite
sort; er wurdc, wie dieses noch jetzt kenntlich, beiin Bau der Treppen-
thürmc in der N utte abgehauen, so weit es sür jene erforderlich
war; Theile der abgehauenen 5tücke sind wieder aufgesunden
worden. ljieraus ergibt sich mit Gewißheit, daß an die Giebcl-
seiten ein höherer Bau sich nicht angeschlossen haben kann, daß
sie vielmehr in ihrem oberen Theile frei dagestanden haben. A)ir
dürfen daher annehmen, daß die an den Lüdthurm sich anlehnenden
Fundamentc eheinals bis zur Giebelseite reichten und zur Aus-
nahme einer einfachen Abschlußmauer, gleich jener, welche die
Abbildung bei Dahl noch zeigt, bestimmt waren.') Aehnlich
ist alsdann der Austand am Nordgicbel zu denken.

Das Gebäude stand somit in seinem ursprünglichcn Zustande
sast srei da, hatte zwei durch ein flaches Giebeldach verbundene
5chau- oder prunkseiten, von denen die eine dem Alosterthore, die
andere der Airchensa<,ade oder üem Borhofe zugewendet war,
und bestand an diesen unten aus je drei sich entsprechenden
Bogenöffnungen. Daß diese Bogenöffnungen nicht verschlossen
waren, ergibt sich aus dem Nkangel jeglicher Lpuren sür die
Angeln ehemaliger Thore und aus den noch vorhandenen die
pseiler umspannenden Basen-, nebst den bloß die inneren Leibungen
ausfüllenden Aämpferprofilen jFig. sO).

Prüsen wir nun mit gleicher Unbesangenheit das Innere,
so crgiebt sich ohne Iveiteres aus stilistischen Gründen, daß sowohl
der dem mittleren Bogen dcr Gstmauer vorgesetzte Bogen über
dem Altare wie die Tmporbühnen spätere Zuthaten sind, ebenso
die Decke mit ihrer jetzigen Dekoration (Lig. s s). von letzterer
heißt es in eincr »5pecifieation« aus dem Zahre s72ss, »daß

Diese Mauern kömiten auch deu Abschluß eines ehenialigeu, deii 6of
umsäuineudeu Porticus gebildet haben.

sie über ljolz zu verbinden, und neben herumb mit einer kjohl
kehle zu machen« sei; wir werden von ihr weiter unten noch
nachweisen können, daß sie in älterer Zeit nicht vorhanden ge-
wesen ist. 5omit würde der ursprünglichc Aaum als mit offenem
Dachstuhl überdeckt zu denken sein, wenn eine tiefer gelegene
andere Decke und somit ein oberes Geschoß, auf welches die
Lenster schließen lassen könnten, nicht vorhanden gewesen ist. Zur
Feststellung des richtigen ehcmaligen Thatbestands und zur Nnter-
suchung des Nlaucrwerks wurde im Znnern der Ivestmauer
über den Bogen der Berputz größtentheils abgeschlagen, und es
ergab sich auch nicht der geringste berechtigte Anhalt zu einer
solchen Annahme, da eben sowenig 5puren von ehemaligcn
Balkenlagen an dem Nckauerwerk, wie solche einer für das obere
Stockwerk alsdann erforderlichen Treppe') zu erkennen waren.

-c-1-1-i-f-!-

Fig. qZncischnitt der Thoichnllc in dem Ziistaiide vor l?2-i.

Ueberraschend aber war geradezu die Art des zu Tage ge-
kommencn Ntauerwerkes: Nnter dem mehrsachen, verschiedenen
Zeiten entstammcnden Berputz trat nämlich ein durchaus un-
regclmäßiges Nkauerwerk zu Tage, das mit dem erwähnten
ältesten am 5üdgiebel seinem Tharakter nach durchaus verwandt
und von vornherein aus Berputz berechnet gewesen ist. Aeine
5pur irgend einer ursprünglichen, besonderen künstlerischen Aus-
stattung war zu entdecken, nur direkt auf den 5teinen hier und
da Schichten eincs überaus altcn, harten, dunkelfarbigen Verputzes,
der den Tindruck machte, als ob er einmal der lVitterung längere
Aeit ausgesetzt gewcsen sei. Daß insbesondcre eine musivische
Behandlung der Flächcn von vorn herein ausgeschlossen gewesen
ist , geht daraus hervor, daß die Nlauerflächen nur sehr wenig,
an manchen Stellcn kaum bemerkbar hinter der Llucht des nur
noch wenige Tentimeter über den Bogen aufsteigenden ^uader-
mauerwerks zurücktreten, außerdem aber in und bei der ljalle
auch nicht ein cinziges 5teinchen gefunden wurde, welches obigem
Zwecke gedient haben kännte. ^) Dem herrlichen äußercn Prunk

h Lii, oberes Stockwerk der Thorhalle für cineii Marter wäre völlig
iiberfliissig gewescii, da niir weiiige Schritte vor dem Gebäude das haupttbor
des Alosterbezirks lag, melches noch bis zu seincm Abbruch mit einer Märter-
wokming versehen war. ksier koimte jeder Eintretende bemerkt und nöthigen-
falls zuriickgewieseii werden; die Koutrolle für die Besuchcr dcr lvallfakrts-
kirche war von hier aus sogar begnemer, als von einem Bbcrgeschoß der
Tkorkalle a»s. So erklärt sich aiich leicht die Unvcrschließbarkeit ikrer drei
Bogenöffiiiiiigen.

ch vgl. anch weiter iinten das Resultat der chemischen Untersiichiing des
untersten verputzes des Jnncrn der Thorhalle.
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