Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 17
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Arbeit gewcsen sein, und dic Bczeichnung vnrio wLriuore läßt
darauf schließcn, daß er, wenn nicht gan;, so doch größtenthcils
eine Art muswischer Arbeit war; für den vor dem Altare besind-
lichen Theil wird dieses wenigstcns ausdrücklich heruorgchoben.
Tie Ausgrabungen habcn diese Nachricht bestätigt. Vor der
Apsis fand sich ctwa 0,50 w unter der Gberfläche eine Brand-
schicht von 0,30—0,^0 m Dicke vor, die auf's rcichlichste mit ge-
schliffenen Bwrmor- und an den Aanten scharf geriebencn Ziegel-
stückchen von vcrschiedener Gestalt durchsetzt war. Daß dieser
Fußboden dem ältesten Baue angehört hat, ist aus der Aeber-
einstimmung mit den urkundlichen Nachrichten ;u schlicßen.')
Denn es wurde ;war auch in der neuen romanischen Airchc nach
denr Brande durch den Abt k)einrich (sl33—ss67) ein passcnder
Lußboden gelcgt; aber es ist wohl außer Zweisel, daß die ge-
fundenen 5tücke diesem nicht angehört haben, da jene von einer
^ außcrordentlich genauen und mühsamen Arbeit zeugen, die nicht
^ in kurzer Zeit hcrzustellen war, das bercits in raschem 5inken
begriffcne Aloster auch schwcrlich ;ur Zeit ljeinrich's noch die
bedeutcndcn Nlittel und Aräfte ;ur Berfügung hatte, welche eine
solchc kunstvoll gemusterte Arbeit bcdurftc, endlich aber auch das
spätcre Alittelaltcr derartige Fußböden diesseits der Alpen höchst
selten herstellte. Aut der Auffindung der zahlrcichen Rcste des
alten Nwsaikfußbodens vor dem Altare ist also ein weiterer
wichtiger Beweis sür die ehemalige Tage und Größe auch der
ältesten Airchc dieser 5telle gewonnen.

<Ls handelte sich nunmehr noch um den Akauerzug des nörd-
lichcn Leitcnschiffes. Auch dieser konnte aus den vorhandenen
Alürtelspuren nachgewicsen werden; er entsprach in seiner Lage
;um Ruttelschiff genau dem sestgestellten des südlichen chciten-
schiffes.

Znnerhalb jenes ehemaligcn Leitenschiffes wurde an dem
zweiten und dritten j?seilcr neben der 5ohle der ^undamente ein
0,37 m breiter Alauerzug entdeckt, der sich im IDestcn abrundcte
und stumpf an die romanischen Fundamente der nördlichen Auttel-
schiffpseildr anschloß (^ig. 6). Als letztere gebaut wurden, hat man
offenbar diese Alauer da, wo die Amdamente sie durchschneiden,
abgebrochen; sie ist also vor der Trbauung der romanischen Airche
ausgesührt worden. 5chon die Ausgrabungen von s86s hatten
diesen Alauerzug bloßgelegt und ihn als ;u Gräbern gehörig er-
kennen lassen. Der südliche Theil derselben ist also zerstört wordcn,
als die romanischen Hundamente gclegt wurden. Letztere sind
aber außergewöhnlich breit angelegt worden, und wenn wir
annehmen, daß die Hundamentc des sränkischen Baues gar nicht
oder nur um eiu Geringes breiter waren, als seine Gbermauern
und pfciler, wie wir dieses aus den ^undamenten der Thorhalle
und dem gefundenen Fundamentstück der südlichen Seitenschiff-
mauer schließcn dürfen, ^) so haben diese Gräber srüher dicht neben
jenen gelegen, und es ist somit hier ein weitercs Beweisstück
dafür gefunden, daß dic romanische Airche im Großcn und
Gan;en auch die Breite und Richtung ihrer Borgängerin an
diescr Stelle beibehalten hat.

chpuren eines ehemals vorhaudencn Auerschiffes haben wir
nicht gefunden, auch da nicht, wo nach Alcrian ein solches
hätte scin können, nämlich neben dem vierten Zoche.

Damit sind also für die älteste Airche allgemeinc Umriß-
linien gewonnen, die wir für unsern Grundriß (Lig. s3) und
die Ansicht aus der Bogelpcrspcktive (Fig. l^) verwcrthet haben.

0 !vie im Dome zu Trier und au anderen Grteu hat man also auch
hier deu Fnßbodeu dcr jüugeren Rirche über dem Brandschutt dcr älteren
hergestellt.

Die Fnudamente der Liichard-Basilika in Scligeustadt habeu bloß cine
säärke r>on o,?o—o,72 m, währeud dic Nauern 0,65—0,70 m stark sind. vgl.
Adamy a. a. ty. S. 2-1.

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von einer Forschung nach bestimmteren Linzclhciten mußte Ab-
stand genommen wcrden, da nach der vorausgegangencn Zer-
störung und Tntsernung sämmtlichen Fundamentmaucrwerkes ein
Resultat von einiger chicherheit und damit ein der crsorderlichen
Auswendung an Zeit und Geld entsprechender wissenschaftlicher
Nutzen nicht ;u erwartcn war. Ts sei jedoch gestattct, die aus
den urkundlichen Nachrichten sich ergebende Beschaffenheit der
fränkischen Airche hier kur; einzufügen.

AIs Altäre werdcn erwähnt der ljauptaltar (altars ckomimcum),
der von Abt Adalung an vier lvciten mit silbernen Taseln um-
schlossen wurde, der hl. Areuzaltar, der Altar Zohannes des
Täufers und der Alarienaltar.') Ljiernach, sowie nach der großen
Breite, ist die Airche wohl als dreischiffig anzunehmen. Nntcr
Abt Gerbodo (yös—s)72) wird das j)aradies mit Blci bedeckt
und vor desscn Thüren eine mehrstufige Terrassc angelegt. ^) Die
Lavade wird durch Abt Reginbald (sOs8 —s035) mit Bekrönungen
geschmückt ch und der höher ausgebaute oder erweiterte Thor mit
einem Gewölbe versehen.

Bei der lv-childerung des Brandes ersahren wir ferner, daß
die Flammen auch dic Thürme sammt den lchillcn (porticibus) er-
reichten. ^) !Vir haben demn^ch wohl an der IVcstseite ;wci
Thürnie anzunehmen; 5puren von Fundamentmauerwerk sind
hier noch heute vorhanden. Der Ausdruck cum porticibus könnte
sich sowohl auf eine zwischen jenen gelegene Borhalle als auch
auf ljiallen des Borhofcs beziehen; der Gebrauch des j)lurals
aber und die Trwähnung ciner Borhalle, die nur zwischen und
vor dcn Thürmen gelcgen haben könutc, bercchtigen ;u dcr
Ictzteren Annahme. Außer diesen Thürmcn war noch ein aus
ljausteincn erbauter Glockenthurm vorhanden, der sehr bald von
den Flammen ergriffen wurde, so daß das Läuten während
des Brandes unmöglich war. Dieser Glockenthurm wird als
»oastsllum« bezeichnet, während die eigentlichcn Thürme »turres«
heißcn. Da der Gebrauch des lVortes »oastsllum« für »Thurm«
auch in dem mittelalterlichen Latein nicht gebräuchlich ist, ^) so
berechtigt seinc Anwcndung ;u der llnnahme, daß dieser Glocken-
thurm, wie es in Ztalien gcbräuchlich blieb und auch auf
dein bekannten lilosterplan von 5t. Gallen ersichtlich ist, als

*) Oocl. I-surenIi. Bd. I. 5. 26 <7^äalunvus) ulture äoiniiiicuiii, ut nunc est,
guutuor ex purtibus tubulis urgenteis inclusit, nec ininus ulture .16 crucern, ntcpie
saucti /ounnis Duptistse, snnctne c>uo<zue Lluriue vir^inis, prustereu nlture suncti
Detri in ecclesia triplici inirisics peroinuvit. Adelutlg war 805—828 Abt itt
Lorsch. Tine cripsllii IHybolrii wird iltt Ooäex I.nuresli. Bd. 2 Illlter No.
LILIdlvLecAI erwähut, imd kjelwich berichtet a. a. V. S. 20-1, daß Thassilo
<äux priniuni, post rex, inonaclius seä scl imuin) außerhalb des Thores uor dem
Altare des hl. Nicolaus zur Liukeii au der INauer begrabeu liege.

^) Loä. I-rnircsIi. Bd. I. 2. t2t- <6erboäo) paraäisuni totuni ptunibo
operuit, pulpila nnte portas ejusäem parnäisi sabricavit. Das Wort pulpitum
wird im mittclalterlicheu Latein gern iu der Bedeutung vou ainbo, Lesepult,
gebraucht, bezeichuet jedoch im Allgemeiueu eiueu erhöhteu Platz, von dem
aus mau zu einer volksmeuge sprccheu uud vou dieser gesehen wcrdeu
kanu. Oielleicht ist das !Vort hier uicht ohue Absicht iu der Bedeutung als
Terasse gebraucht, da dcr jdlatz vor der vorhalle dazu geeiguet war, zu der im
vorhofe sich aushalteudeu!Neuge zu sprecheu. Oer Plural würde darauf hiu-
weiseu, daß mehrere dnrch Stufeu getreuutc Terrasseu vorbandeu wareu. Das
austeigeude Tcrraiu des vorhofes begüustigte ciue solche Aulage. Der Plural
»ante portas«! belehrt uus darüber, daß mchrere Thore iu die vorhalle
hiueiuführten, sehr wahrscheiulich drei.

b) Tbds. Bd. I. 2. t5g: <N.eAinbaläus) templi saciein coronis äecoravit,
cboruin ultius exstructuni äesuper arcubus subrekuctis auz;nientsvit.

0 Loä. Lauresb. Bd. I. 2. 20t: Driino castellum mirabili äolatura sabrs-
ssctum, in guo siAna ecclesiae äepenäebant, tunibus exustis, ne guis sonitu excitari
posset, arripuit, äekinc totam superiorem scibricain, turres guogue cum porticibus
ÜLinma victrix obtinuit, aä extremum bulliente plumbi äeliguio, cujus niateriae
omne tectum suerat, subvenienäi, inZreäienäi, vel <>uippism exinäe eruenäi omni-
moäani ubstulit sucultutein.

") vgl. äu Lange, Olossuriuni meäiae et iniiniue Iiitinilutis eä. biivre
II, 208.

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