Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 20
DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/adamy1891/0036
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
20

der Aapclle aus dein Zahre 172<s; hier hat das Dach eine dop-
pelte Neigung; beide sind getrennt durch ein Holzgesims in der
Höhe der von uns aufgefundenen oberen Dachbalkenspuren; der
untere Theil zeigt zwei wohl zugerichtete vorspringende größere
Dachfenster, die mit einem 5tichbogen überdeckt sind und zur <Lr-
leuchtung des inneren Aapellenraumes offenbar mitbestimmt
waren. Diese Zeichnung aber stellt die Aapelle dar, wie sie bis
s?2H ausgesehen hat. Denn wir ersahren drittens aus drei er-
haltenen urkundlichen Nachrichten dieses )ahres, daß bauliche
Veränderungen bevorstanden und auch ausgeführt wurden.

Diese bei den Akten des Großherzogl. ^inanzministeriums
und des Haus- und Staats-Archivs in Darmstadt befindlichen
Urkunden besagen Folgendes:

Am 19. April s72^ wird mit Rudolf Ackhermann, Zim-
mermann von Lorsch, »wegen dem Dachwerk aus der Aapell
und Aloster daselbst alß auch übrig Zimmerarbeith aeeordirt

Fig. Grundriß und Ansicht der Thorhalle als Rapelle
ans dem Jahre ;72».

Nach einem Vriginal in den Akten des Großhzgl. chnanzministeriums
in Darmstadt.

und geschlossen«, daß der Zimmermann außer anderen noch zu be-
sprechenden Arbeiten das alte Dach abbrechen und das neue 38 schuh
8 Zoll lange, 23 schuh breite und »vermög der Nkauer« 25'/e
schuh hohe mit einem Gebälk und »verschweltem« Dachstuhl
darauf setzen soll.

Diese Arbeiten (Taf. 3) sind am 7. Iuni s72q> vollendet ge-
wesen, wie aus einer zweitcn Nrkunde, welche diese Zeitangabe trägt,
hervorgeht. Ls enthält diese eine Speeification des »Thüngers«
Iörg Stubenreich über das, »waß in dein Aloster Lorsch ahn
Thüngerarbeith in der Aapell annoch zu verfertigen ist: Trstlich
die Decke über 6olz zu verbinden, und neben herumb mit einer
Lsohlkehl zu machen auch mit einer saubern quadrithum') dabey.
Itsm weil neben herumb alles loß ist, so ist es nöthig, alles zu
bewerffen uicht zu thüngen, daneben auch 2 schneckenstiegen zu (
bewerfen, zu thüngen und außzuweißen.

9 Mit dem Worte guadrithum iguaciratum) ist wohl der von einer
Profiliernug umrahmte Spiegel der Decke gemeiut.

ltsm außwendig die 2 Giebel undt schneckenstiegen, weilen
solche gantz versallen, zu bewerffen, zu thüngen und zu weißen.

Item die 2 gesimser aufm Thurm ahnzustreichen, auch die
zwei Nebengesimbser aus der Aapell mit stein sarb ahnzustreichen
wie nit weniger die 2 Bohrkirchen in der Aapell ahnzustreichen
und die 3 Bögen auch dic Thür und was lsolzwerk ist, ahnzu-
streichen, alles farb, Leim, Ghl und 5chieffernägel auf meine
Aösten ahnzuschaffen, kann nicht weniger alß — H60 fl. ge-
macht werden.«

In einer dritten, im Großherzoglichen bsaus- und 5taats
Archive bcfindlichen Urkunde aus demselben Zahre bittet der
Frühmesser ^abritius um Ueberweisung des ksolzes des alten
Aapellendaches sür seinen Gebrauch.

Das auf der Zeichnung von !72<l abgebildete Dach wird
somit in diesem Zahre durch ein neues ersetzt, welches zugleich
ein Gebälk mit »verschweltem« Dachstuhl, d. h. die heute noch
bestehende, vorher nicht vorhandene Balkenlage nebst Decke mit
lsohlkehle erhält (Taf. 3). Trst im Zahre s72-I wird also die
ksähe des Aapellenraumes durch Tinziehung einer Decke beschränkt.
Außer dieser nicht unwichtigen Veränderung des Znnern sollen
nach dem oben erwähntcn Vertrag mit Zimmermann Ackhermann
die zwei Thürme neue 5>tiegen von lfiolz erhalten und eine
5äule unter die Tmporcn gesetzt, endlich auch die »Rondelle« mit
neuen Dächern bedeckt und linkerhand aus dem Giebel eine
»welsche ksaube« zum Aufhängen der Glocke angebracht werden.
Letztere ersetzt von jetzt an den früher auf der Ucitte des Daches
befindlichen Dachreiter.

U)ir erfahren hier also weiter, daß s72H bereits Tmporen
sowie die zugehörigen Treppenthürme vorhanden und wieder-
herzustellen waren. Ts fragt sich nun noch, wann sic überhaupt
nothwendig geworden waren. U)ir erhalten hierüber bestimmte
Nachricht nicht, werden aber wohl nicht sehl gehen, wenn wir
ihre lserstellung mit der Tinrichtung der Thorhalle zu einer
Aapelle in Beziehung bringen, also wohl auch mit der Trrichtung
der hohen gothischen Giebel, welche durch die l)ähe des Znnen-
raumes erforderlich wurden. Daß letztere aus gothischer Zeit
stammen, steht nach ihrem Tharakter und ihren Spitzbogenfenstern
außer allem Zweisel; nur darüber bleibt ein solcher bestehen,
ob diese Zeit die frühgothische oder spätgothische ist; denn die
kserstellung der Spitzbogen an den Lenstern aus einem 5tein und mit
einfacher Schräge an den N)andungen läßt die Annahme der ersten
Tntstehungszeit wohl zu. Gegen Zeiten mit noch schwankender
Formensprachc würde aber auch die Gestalt der Treppenthürme
nicht sprechen; doch ist nicht ausgeschlossen, daß letztere mitsammt
den sie erst bedingenden Tmporen im Znnern für sich in einer
späteren Zeit angefertigt wurden. Daß sie aber schon in jener
Zeit vorhanden gewesen sind, in welcher der Aapellenraum direkt
bis unter das Gebälk der obersten Dachtheile reichte, geht auch noch
mit Sicherheit daraus hervor, daß die viereckige steinerne Umrahmung
des Thüreinganges der Südseite noch heute eine röthliche Umrandung
erkennen läßt, die jener an den Leibungen der Spitzbogensenster
in den Dachgiebeln ähnlich ist. Leider sind die ehemaligen
Ukalereien so zerstört und verwischt, daß sich weder bestiminte
Formen noch ein bestimmter Stilcharakter erkennen läßt und die
Zeit ihrer kserstellung daher hiernach nicht zu bestimmen ist.
Nur sei nicht unerwähnt gelassen, daß die Spindel in dcm er-
haltenen Treppenthurme den 5chluß auf eine möglichst frühe
Trbauungszeit rechtsertigt, woraus Schneider') zuerst aufmerksam
gemacht hat.

Die geschichtlichen lsauptmomente der fränkischen Thorhalle
stellen sich nuumehr unter der Herbeiziehung der Akten des Groß-
herzoglich kjessischen Anaiizministeriums und aus Grund obiger
Trgebnisse folgendermaßen fest:

t)gl. Schneider ci. a. B.
loading ...