Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 23
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auch zeigt die gauzc Aussührung eine gewisse Naivetät, die eine
solche bewußte Absicht ausschließt. N)ir können in dieser auf-
fallenden Lrschcinung nur eine Systemlosigkeit der Lrbauer finden,
die, init der Technik des IVölbens noch nicht vertraut, jedein Stein
für seine 5telle die hicr zufällig erforderliche Gestalt gegeben haben,
wodurch eine Regellofigkeit entstand, die wir auch bei dein (Zuader-
mauerwerk der Afeiler beobachtet haben. Die bsöhe der einzelnen
Aeilsteine der Bogen ist 0,23—0,25 m; ihre Breite ist ver-
schieden, durchschnittlich aber größer als die ksöhe.

Die Zwickel zwischen den Bogen inußten außen und innen
eine verschiedene Ausführung erfahren, da dort die t)albsäulen
vor ihnen cinporsteigen, iin Znnern aber bloß glatte Aächen
sind. Außen sind die Zwickelflächen neben den Halbsäulen bis
zu einer abgleichenden jDlattenschicht über den Bogen init qua-
dratischen, horizontal liegenden weißen und rothen s?lättchen aus-
gefüllt, die ain Rande der Bogen von treppenartig aufsteigenden,
an der Bogenscite gerundeten sAättchen begrenzt werden. Zin
Znnern aber sind die Zwickel bis zur k)öhe jener äußeren ab-
gleichenden Platten init ^uadern ausgefüllt, die in fünf ver-
schicden hohcn Schichten ohne Berband init den Bogensteinen
aufgesührt sind. Die l)öhe dcr einzelnen, aus gleich hohen 5teincn
bestehenden 5chichten beträgt 0,22—0,36 m.

Bon jener über den Bogen liegenden äußeren jAattenschicht
an sind, der äußeren und inneren künstlerischen Ausstattung ent-
sprechend, die angewendeten technischen Bcrfahren gleichfalls
grundverschieden. lVährend das Aeußerc eine Znkrustation init
weißen und rothen vier-, sechs- und dreieckigen 5teinen, einein
Friesstreisen und pilastern, die chpitzgiebel tragen, erhalten hat,
blieben die entsprechenden inneren Rfiauerflächen zur Ausnahine
eines Berputzes in ziemlich rohein Zustandc. Die Untersuchung,
welche wir an der lVestmauer vornahmsn, ergab hier durch
Abschlagcn des j)utzes über den Bogen für letzteren folgendes:
er bestand aus inehrcren 5chichten, die zuin Theil verschiedene
Anstriche übereinander hatten und wie diese iin §ause der Zeit ent-
standcn waren. Der Reihenfolge nach wurden von außen
nach innen solgende Anstriche und Berputze wahrgenoininen:
bräunlicher, dunkelbrauner, dunkelgelber, hellgelber Anstrich,
Berputz aus Aalkinörtel; weißer Anstrich, darunter Bpuren von
lNalerei, dann ein Verputz, der init 5trohspitzen gemischt
ist; endlich ein fast steinharter rauher Berputz. Dieser letztere,
die 5teinflächen uninittelbar deckende Verputz hatte an vielen
5tellen eine schinutzige dunkle Färbung, die auch an einigen 5teinen
sich zeigte und den Lindruck inacht, als ob er längere Zeit der
witterung ausgesetzt gewesen sei, das Gebäude also offen dage-
standen habe. Der zweite verputz, in den init einem Haininer
ovale ^öcher als b)alt sür den obersten Verputz gehauen sind,
zeigte an der Gstinauer, wo die Antersuchung fortgesetzt wurde,
keine 5trohspitzen; hier war vielleicht cine spätere Grsetzung des
ursprünglichen Putzcs nothwendig gewesen. Der unterste putz,
der nur noch an wenigen 5tellen vorhanden ist, war von außer-
ordentlicher kjärte. wir werden wohl nicht fehl gehen, wenn wir
in ihin Spuren des ältesten, ursprünglichen Bewurfes erblicken.')

Das Rfiauerwerk unter diescn verputzflächen ist ein unregel-
inäßiges, aus seiner oberen Lläche in den Fugen ohnc besondere
Sorgfalt abgeglichenes (opus incsrwm). Die Steine sind ver-
schieden, meistens mittelgroß und ohne sonderliche Bearbeitung.
Um das Uäauerwerk genau zu untersuchen, wurde zwischen dem
mittlercn und närdlichen ^enster ein Loch in die Wand hinein-
gehauen. Diese Arbeit crfordertc außerordentliche Mühe, da das
Znnere von einem vortrefflichen Ulörtel zusammengehalten wurde,
der das ganze Ufiauerwerk gleichsam zu einem einzigen Steinblock
gemacht hatte, in dem die Steine das lockcre, jener, der Ulörtel

') Ogl. wciter niite» das Lrgebiiiß der cheinischen Untersiichuiigeii der
verschiedenen Ulörtelartcn. das obige Annahme bestätigt.

das sestere kaum zu zerstörende Ucaterial war. Das Znncre
bestand nämlich nach römischer Art "aus einem Gemisch von
Ufiörtel und Steinen, wie wir es in ähnlicher weise an der
Basilika zu Steinbach i. M. kennen gelernt haben. Das Loch
wurde bis nahe an die äußeren Bekleidungssteine mit Ufieißel
und kjammer eingebrochen.

Aldann wurde an eben dieser Stelle die Verbindung der
äußeren Bekleidungssteine mit dem Ufiauerwerk untersucht, indem
drei von ihnen ausgebrochen wurden. Sie warcn unter sich und
cinzeln an ihren Aanten von verschiedener Stärke, etwa 0,06 bis
0,(2 m stark und am vorderen Rande scharf und glatt bearbeitet,
so daß sie sich hier sest aneinander schlossen, hinten etwas konisch
zulaufend.') Die Fugen zwischen diesen Blendsteinen waren gleich-
falls außerordentlich eng, der Ulörtel in ihnen sehr hart und sie
selbst überhaupt sest gegen einander verstenimt, so daß es große
Uiühe und viel Zeit kostete, jene von der N)and loszulösen.

bchnter letzteren wurde mit Steinen vermischter Ulörtel sichtbar,
wie wir ihn in dcm eingemeißelten Loch bemerkt hattcn. Die
Ucbereinstimmung der Unregelmäßigkeiten an den bjinterseiten
der Bekleidungssteine mit jenen an den sichtbar gewordenen
Aächen der inneren Uiauermasse ließ keinen Zweifel mehr darüber,
wie die lfierstellung des Uiauerwerkes bewirkt worden war: man
hatte zunächst eine oder mehrere Reihen der genau in einander
passenden Steine ausgestellt, an der anderen Seite der zu errich-
tenden Ufiaucr Bretter angebracht oder auch bloß die Steinc direkt aus
einander gelegt und alsdann in den so entstandenen Zwischenraum
mit größeren und kleinercn Stcinen vermischten Ufiärtel gepreßt.
Uian hatte sich also, kurz gesagt, eines dem bekannten römischen
^üllmauerwerk vcrwandten Geniisches bedient und da, wo die
Steine ihre Gcken nach unten richten, das opus roiicnlLtum
der Römer direkt nachgeahmt, bei der übrigen Berblendung aber
dieses Berfahren zum Uiuster genommen, dabei es sogar eben
so gut wie die Lehrmeister verstanden, sich einen Ulörtel von
außerordentlicher Güte und Bindekrast zu bereiten. Diesem
Uiörtel haben wir in erster Linie die wunderbare Grhaltung des
kleinen Banwerkes zu verdanken. Denn die übrigen Zierstücke
der oberen Flächen, der Hries, die j)ilaster und die Schenkel der
Spitzgiebel, reichen nur wenige Tentimeter tief in das Ulauer-
werk hincin. Somit ist dic Uiittheilung kjelwich's, die structura
monustsrü sei mors untiquorum hergestcllt, nicht bloß auf die
künstlerische Ausstattung, sondern niit mindestens ebcn dcmsclben
Recht auf die angewendete Technik zu beziehen.

Das Ulauerwerk der Giebelseiten ist da, wo es durch den
Anbau der Treppenthürme und den Aufbau der Giebel nicht
beschädigt oder verändert worden ist, gleich dem geschilderten des
Gbergeschosses. Gs macht sich beim Anschlagen mit dem Hammer
sosort schon durch seine Festigkeit bemerklich, unterscheidet sich
aber von dem späteren im Allgemeinen noch durch die seste Ber-
bindung, in welcher die Steine mit dcm Ulörtel stehen, und durch
die Ausfüllung der Fugen und deren Abgleichung nach der
Sichtfläche der Steine. Bei dem neuen Mauerwerk ist nämlich
auf diese Berbindung nicht so große Rücksicht genommen, sondern
mehr auf die Lagerung der Steine. Auch sind hter die Hugen
da, wo der Berputz abgefallen ist, tieser und der Ulörtel lockerer;
daß beim Abbruch des nördlichen Treppenthurmes dieser Uiörtel
sich im Gegensatz zu dem aus fränkischer Zeit sogar als sehr
bröckelich erwiescn hat, haben wir schon hervorgehoben.

Die korinthischen Aapitäle der unteren ljalbsäulcn sind in
ähnlicher Weise wie die Verblendsteine einfach in das Mauerwerk
eingesetzt. Allem Anscheine nach hat der Aünstler, der sie
meißelte, kein genaues Ufiaß ihrer Breite und Tiefe gehabt; denn
sie sind fast alle etwas zu schwach für die Säulenstämme, denen

vgl. über die Veschaffenheit dieser Inkrustationssteine noch weiter
unten unter »Die fränkischen Fundstücke«.
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