Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 27
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Fig. 2!. Uompositkapitäl der ThorhaUe.

Hormensprache.

miter Nachahrnting klassischer Lorinen er-
baute fränkische Thorhalle zu §orsch athmet in
ihrer ganzen Trscheinung auch dann noch einen
von andern, fremden Linflüssen beherrschten
Geist, wenn wir uns das störende steile Dach
und den noch vorhandenen südlichen halb-
runden Anbau fort- und ersteres mit dem alten Giebelgesims
in seiner ursprünglichen ^lachheit abgeschlossen denken (Taf. is
und Fig. s2). Wenn man sie jedoch einer der »sogenannten
Renaissance-Perioden« zugewiesen hat, »in denen eine bewußte
wiederaufnahme der antiken Lormen stattsand«,') so ist dieses
nicht gan; richtig, da sie vielmehr als eines der letzten <Lnd-
glieder der bis dahin ununterbrochenen klassischen Formen-
tradition zu betrachten ist. Das kleine Bauwerk ist auf dem
Boden der altchristlich - rämischen Aunstanschauung erwachsen,
ein mit Bewußtsein und Absicht seiner Lrzeuger die klassische
Bprache redendes Werk. Aber die Zunge, welche hier spricht,

vgl. oben 5. 2.

und das Ghr, welches zunächst hört, sind an dis Ligenlaute
der sremden Bprache nicht gewöhnt: ohne daß es bemerkt wurde,
erklingt sie darum in den gewohnten heimischen Lauten und
durchdringt sich mit den heimischen Nerhältnissen entsprossenen
^ormen und Aatzgefügen. Gbgleich daher die Lrbauer sich der
antiken ^ormen bedienen, immer der Antike gemäß schaffen wollen,
können sie doch ihre natürliche ästhetische Lmpfindung nicht
unterdrücken: sie schaffen zwar nach klassischem Vorbilde, aber
nach dem klassischen Vorbilde ihrer eigenen naiven, künstlerischen
Auffassung und dabei mit den geringeren technischen bsülssmitteln
und der geringeren Uebung ihrer k)and.

Die gesammte merowingische Aunst ist mit antiken Lrin-
nerungen durchsetzt, selbst die Aleinkunst, welche in den in unseren
Wuseen aufgestelltsn, zum Theil höchst kostbaren ^unden eine
glänzende, ihre chchöpfer ehrende Neuerstehung erlebt hat, obwohl
gerade sie der künstlerischen phantasie die gräßte ^reiheit und
Unabhängigkeit gewährte. Die Bchönheit der Antike, auf welche
die Germanen überall in den eroberten Ländern stießen, wurde
von den jugendlich frischen und empfänglichen Gemüthern nicht
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