Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 30
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Formbehandlung lritt anr deutlichsten an den Aapitälen sFig. 2 s —23)
hervor, denen zweifellos das römische Aompositkapitäl als Vorbild
gedient hat. Der aus der l)olztechnik herüber genommene Aerb-
schnitt ist kräftig, keck und frisch verwerthet, und wenn man wiederum
die Bearbeitung der Blätter, Voluten, Eier- und perlstäbe und
des Blattschmuckes an sich als derb oder gar roh, theilweise
auch als mißverstanden bezeichnen muß, so ist dennoch der Ge-
sammteindruck ein überraschend befriedigender. Dis Arbeiter
haben es wohl verstanden, mit ihren geringen Butteln eine
künstlerische Wirkung zu erzielen. Die Aapitäle sind mit einem
Astragal dem 5chaft aufgesetzt; über diefem steigen zwei Reihen
Blätter auf; die Voluten, diagonal gestellt, leiten die Areisform
zum Viereck über und haben unter einer mittleren sDalmette ein
dreigliedriges, scharfgeschnittenes Band, den Lierstab und die
sDerlenschnur zwischen sich. Wir findeir hier also sämmtliche
Theile, die wir z. B. von den Aompositkapitälcn des Titusbogens in
Rom (Ag. 2^s) in gleicher Anordnung kennen, selbst mit dem Blättsr-
schmuck der Voluten. Aber welche IDandlung im Geschmack seit
der flüssigen, leichten und virtuosen Tleganz des römischen Vor-
bildes bis zu der Derbheit der Lorscher Aapitäle! Und dennoch
hat eben diese Derbheit in der Behandlung der Linzeltheile der
Aapitäle noch nicht alle Tleganz der Antike
abgestreift, ja, es tritt sogar gegenüber dem
Vorbilde ein neuer, anziehender Zug hervor,
der uns die unleugbare Verrohung fast ver-
gessen läßt: es ist dieses die individuelle Be-
handlung gegenüber der schematischen Massen-
arbeit der Römer, die mit noch ungeübter aber
doch freier bsand gezogene Linienbewegung
gegenüber der Tirkelarbeit der römifchen
Aunst. Den verrohten Hormen des Unter-
gangs der römischen Aunstwelt vermählt sich
eine neue 5eele, die ihren zutreffenden sinn-
lichen Ausdruck in der schönen Form noch
nicht gefunden hat, und neben das bindende
Gesetz der Tinförmigkeit tritt fchon, wenn auch
nur fchüchtern und zage, die auf dem wechsel-
vollen Reiz der Individualitäten beruhende
Tharakterisierung der Tinzeltheile se für sich.

5o folgen zwar alle Aapitäle jener Zeichnung
der Aompositkapitäle; aber es gleicht dennoch
keines völlig dem andern. Alle dem antiken
Akanthus nachgebildeten Blätter sind im Aerbschnitt gearbsitet, und
dennoch sind sie sowohl je nach den Aapitälen wie zugleich an diesen
reihcnweise verschieden. Bald ist bloß eine stegartige Auttelrippe vor-
handen, von der die schmalen Theilungsstege zwischen scharfen Aerb-
schnitten nach dem Rande zu schräg aufsteigen, bald findet sich in
zarterer !Veise die Tintheilung der Blätter durch Augen nach
antiker Art mit oder ohne schärfer und schlanker ausgeprägte Alittel-
rippen. Die perlen sind bald schmäler, bald breiter; die Tiformen
sind fast oder ganz kreisförmig geworden und von einem oder gar
zwei scharfen Ltegen umrahmt und dabei flach; die Voluten sind zum
Theil verzogen oder gar eckig, wie die freie !)and sie gsrade zeich-
nete, und die ihnen aufhaftenden Blätter, gleichfalls an den
einzelnen Aapitälen verschieden gebildet, verrathen nur noch
andeutungsweise das klassische Vorbild. Tigenthümlich ist hierbei,
wie der lvtengel am Tnde die Volute durchdringt und mit einem
Anöpfchen endigt. 5o reizend überhaupt die Aapitäle sowohl
an sich, wie in ihrem harmonischen Ausammenwirken mit der
ganzen Architektur des Bauwerkes auch erscheinen mögen, so
entbehren sie doch jener plastisch zarteren, trotz der vorherrschenden
Virtuosität der Behandlung immer noch der Natur sich mehr an-
schmiegenden und deßhalb auch anmuthigeren Durcharbeitung der
röniischen Vorbilder. Daß bei dieser Beurtheilung jedoch auch
das Akaterial, der weichere Aalkstein gegenüber dem für die

feinere jDlastik vorzugsweife geeigneten Afiarmor Ztaliens und
Griechenlands, mit in Betracht zu ziehen ist, beeilen wir uns
hinzuzufügen.

Nach den Vorbildern der römischen Baukunst hätten wir
übev den Halbsäulen einen Architrav zu erwarten. An seine
5telle ist aber, dem ornamentalen Zuge der merowingischen Alein-
kunst entsprechend, ein oben und unten von Rahmen eingefaßter
ornamentierter Hries (Fig. 2 s—23) getreten, ein mit eingeschnittenen
palmetten verzierter, sich um das ganze Gebäude ziehender flacher
Ttreifen, dem der Aerbschnitt, die lsolztechnik, auch ästhetisch
seinen Tharakter gegeben hat. Tr erinnert am auffallendsten
unter allen Gliedern an die Grnamente gewisfer fränkischer
Aketallarbeiten, welche die Neuzeit aus den merowingischen
Gräbern des fünften bis achten Zahrhunderts wieder an's Tages-
licht gebracht hat. Zwischen den im schlichten Aerbschnitt gear-
beiteten palmetten befindet sich ein Dreiblatt als Ausfüllung.
Der obere Rand des Friesstreifens besteht aus drei Bändern,
der untere aus einem s)erlenstabe zwischen zwei eben solchen.
Die s)erlen sind abwechselnd länglich und rund.

Die pilaster des zweiten 5-tockwerkes (Fig. 25) sind der ionischen
Grdnung nachgebildet. Die Basen bestehen aus einer Vlatte
mit einer aufsteigenden!)ohlkehle sLysis). Die
chchäfte haben zwei Reihen von je drei durch
Ttege getrennten Aanneluren. Letztere sind
unten mit einem muldenartigen Tinsatz ver-
sehen. Unter dem in roher A)eise die ionischen
^ormen nachahmenden Aapitäl befindet sich
ein durch einen perlenstab in zwei Theile
getheilter k)als; über ihm schweist der untere
durch einen Tierstab gezierte Theil des Aa-
pitäls seitlich etwas aus und bereitet mit
cinem scharf vortretenden Bande den Voluten
mit dcm von ihnen begrenzten zweiten Tierstab
den ffllatz. Die Tierstäbe sind wiederum sehr
flach gearbeitet, die Tinzeltheile in der vollen
Rundform; die Zwischenräume sind oben und
unten durch herzförmige, spitze Blätter aus-
gefüllt. Die Voluten sind durch einfache spiral-
förmige Tinschnitte gebildet. An Tchönheit
stehen diese Aapitäle den Aompositkapitälcn
weit nach; sie zeigen die edlen Hormen des
ionischen Aapitäls in weit vorgeschrittenem
Verfall. Dennoch sind sie in dem Ganzen nicht von störender
oder unangenehmer lVirkung.

N)ir gelangen zu den Spitzgiebeln (Fig. 18), die sich bis dicht
unter das lchmptgesims erheben. Anwillkürlich wird man hier an
die Zickzackformen der merowingischen Grnamentik erinnert, da
sie sich unmittelbar aneinander reihen und zudem verhältnißmäßig
steil sind. Ts ist auch keineswegs ausgeschlossen, daß die außer-
ordentliche Vorliebe der ^ranken für das Zickzack auch für die
Gestaltung der Lpitzgiebel in dieser Anwendung maßgebend gewesen
ist; allein das jDrofil, in deni sie sich uns zeigen, und ihre Ver-
bindung mit den pilastern läßt keinen Zweifel darüber, daß
auch sie ein Vermächtniß der römischen Aunst sind. Die umge-
kehrte 5ima bildet das k)auptglicd; sie ist oben mit einer jAatte
abgedeckt und hat unter sich zwei schmale Bänder. 5owohl als
Abdeckung von Fenstern wie als reiner Flächenschmuck sind
derartige Giebel in der römischen Baukunst nicht selten; nur sind
sie hier meistens mit kräftigerer Ausladung und weniger steil
gebildet. Daß die spätrömische Aunst sie sogar in der Verbindung
mit tragenden 5äulen noch liebte, beweist neben anderen A)erken
ein solches der Tlfenbeinkunst, das Diptychon des Tonsuls ^lavius
Astyrius aus dem Zahre welches sich in dem Großherzoglichen
Aluseum zu Darmstadt befindet, und ein anderes aus dem Zahre 5 l 7,
welckies Tigenthum des 5outh-Aensington-!Auseums in London ist.

Fig. 2-z. Römisches Komxositkapitäl am Triumphbogen
des Titus in Rom. Nach Laning.
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