Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 42
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zuzuweisen sind, daß sie also auch nicht der ecclesia varia Ludwig's
des Deutschen angehört haben dürften.

5etzen wir nach dieser für unsere Zweeke nicht unwichtigen Ab-
schweisung unsere Ainschau iin deutschen §ande nach den IVerken, die
den Torscher Bauten verwandt sind, sort, so haben wir zunächst bci
deni schon erwähnten Trierer Dome zu verweilen. Nicetius,
seit ö27 Bischos in Trier, fand jenen nach seiner Zerstörung
durch die Franken, die zwischen ^30 und -^^0 n. Thr. erfolgt
war, noch in Trünnnern vor und ließ zu seiner kViederher-
stellung Arbeitcr aus Ztalicn koninien. Daß sich diesen ein-
heiniische, wenn auch zunächst noch ungeübte Arbeiter zugesellten,
ist bei eineni so großen Werke wohl ohne N)eiteres anzunehnien.
Letzteres bestätigen die Aindstücke, welche von dieser UAederher-
stellung herrühren.') IVährend nänilich die von den röniischen
Arbeitern genieißelten Aapitäle noch die rundlich weichc Behand-
lung, die der ganzen röniischcn Aunst ini Gegensatzc zur griechischcn
cigenthümlich ist, zeigen, tritt an anderen Ornanienten die Bor-
liebe der Germanen sür das 5charse, Gckige sowohl in den Alo-
tiven der Vrnaniente wie in der ganzen Aussührung hervor. Tine
der von von N)ilmowsky^) niitgetheilten gcnialten Aassetten
hat an der Nnirandung das uns voni Grabnial des Theoderich
in Aavenna bekannte Zickzack- oder 5cheerenoriianient; genialte
rautenförniige Figuren koninien gleichsalls vor. Noch charak-
teristischer aber sind zwei Aassctten aus 5tein und zwei ^riesstreisench)
deren Berzierungen s ä ni ni t l i ch
scharf iin N)inkel — also ini
Aerbschnitt — eingehauen sind. »5ie
erinnern,« setzt der Verfasser hinzu,

»an die ähnlichen 5teinarbeiten in der
Lophienkirche zu Aonstantinopel«/)
noch nichr aber dürfen wir hinzusetzen,
an die Schniuckarbeitcn aus den
gernianischen Gräbern des sünften
bis achten Zahrhundcrts und an die
Ornaniente der LorscherThor-
halle nebst den besprochenen
Lundstücke n.

Deni sechsten Zahrhundert wird
auch der sogenannte »Röinerthurm«
in Aöln a. Rh. zugeschrieben. Gr verdient auch an dieser
5telle unserc Beachtung, da cr in der niehr künstlichen als künst-
lerischcn Anordnuiig seincs Niauerwerkcs cinige nicht zu vcr-
kennende Aehnlichkeiten niit der Lorscher Thorhalle auszuweisen
hat; das opus reticulatuw der Rönier koninit in niehrercn Ba-
riationen vor, auch in sarbigeni Wcchsel der Steine; Lpitzgiebel
sind gleichfalls, wenn auch in anderer Aussührung, vorhanden,
inehrnials auch in Berbindung niit tragenden jNlastern, ebenso
ganze und halbe Rosettenniuster, cin Nlotiv, das in Lorsch nur
in eineni Beispiele vertreten ist. Das an jeneni Thurnie vor-
koniinende Aschgrätenniauerwerk und anderc niehr nialerische, als
konstruktive Tinzelheiten hatten wir dagegen in Lorsch nicht kennen
gelernt. Beidc Bauten, dcr Rönierthurni und die Thorhalle,
zeigen cbcnso den Zusaninienhang niit der ersterbcnden röniischen
Runst wie dieselbe Vorliebe sür spielende malerische, sarbenreiche
und dabei zugleich eckige Lormen, die uns als beliebte Nkotive der
fränkischen Aleinkunst bekannt sind.

Zndem wir hier Abstand davon nehmen, jene archrtektonischen
Tinzelheiten, welche der fränkischen Aunst Deutschland's noch zu-

0 vgl. roii tvilmo msky, Der Dom zu Trier. Trier ;87-l. S. 37 rc.

^) Lbds. Taf. V.

b) Lbds. Tas. II. Fig. 6, 7, k und I.

- ^) Die byzanliiiische Kimst bat deu scharseii Schiiitt der griechischeii

Grnaniente im Gegcnsatz zur römischen Uuiist beibcbalten, die kräftigc Aus-
siihruiig der fräiikischoii Vrnameiitc siiideii wir jedoch bei der byzaiitiuischen
Uimst nicht.

gewiesen werden,') ebenso bis aus das weiter unten berücksichtigte
N)erk die verwandten Reste der späteren karolingischen Aunst,
meistens klassische Grinnerungen, unserer Betrachtung an dieser
5telle einzuverleiben, haben wir doch zunächst noch bei einem
Denkmale zu verweilen, das in mehrsacher N)eise lehrreich sür
unsere Untersuchungcn ist. N)ir meinen das auf der 5telle der
ehemaligen Airche 5t. Alban in Nkainz gefundene, jetzt im Areuz-
gange des Domes daselbst befindliche Denkmal, welchcs bereits
5chneider mit richtigcm Blicke der fränkischen Gpoche zuge-
schriebcn hat. ^) 5christ, Grnamente und Technik machen m
gleicher N)eise dieses Aunstwerk (Fig. V u. 30) sür uns wichtig.

Aus grobkörnigem Ncarmor hergcstellt, hat es aus den
Breitseiten fiache rundbogigc Nischen, von denen die eine durch
cine stehende Figur mit Buch und Arcuz, die andere durcki ein
großes mit einer Znschrist vcrsehenes flaches Areuz ausgcsüllt
wird. IVegcn der inhaltlichen und zwecklichen Trklärung des
Denkmals vcrweisen wir auf die Ausführungen 5chneider's. Die
Anordnung der Darstellungen aus den Breitseiten in Nischcn, die
!)albsäulen mit attisierenden Basen und korinthisierenden Aapitälen,
die Nlotive der Grnamente aus den Bogen und in den Gcken
und dic reichliche Anwendung von Bohrlöchern bei denselben
beruhen auf römischen Grinnerungen, während die pilaster und
dcr scharswinklige 5chnitt der Grnamcnte sowohl hier wie auf
dcn 5chmalseiten, bei letzteren auch die graziöse Bewegung der

einseitigen Blätter, uns aus eine l)er-
wandtschaft mit der sränkischen Aunst,
insbesondcre mit den Lorscher N)erken
hinweisen. Die Aanneluren der j)i-
laster mit ihren muldensörmigen <Lin-
sätzen unten und obcn machen diese
5tilverwandtschast zur Gewißheit,
und für deren Boluten ließen sich
leicht 5eitenstücke unter den frän-
kischen Ncetallarbeiten nachweisen.
Die Buchstaben auf dem Buche und
dem Areuze aber haben noch die
reinen Linieic römischer 5christ, die
wir auf dcm Areuz eincs 5arkophag-
deckels in Lorsch angetroffen haben;
ebenso erinnert das Areuz selber an jencs, zumal da auch hier
das untere Gnde wic zum Tinsetzen in einen 5chaft gestaltet
ist. Das interessante Denkmal trägt somit alle oben berührten
Nfierkmale der merowingischen Aunst an sich und bildct ein um so
wichtigeres 5citenstück zu den Lorscher Arbeiten, als cs gleichfalls
der mittleren Rheingegend angehört. Nnsere Darlegungen über
jene sind mitbestimmend sür dicses: es gehört der sränkischen Aunst
des siebenten oder achten Zahrhunderts an.

Der Areuzgang des Nkainzer Domes birgt noch cin zweites
Denkmal, welches wir hicr wenigstens nicht unerwähnt lassen
dürfen, das N att ho-Denkmal, welches 5chneider dem Grzbischose
dicses Namens zuschreibt und dessen Gntstehung somit in die

0 kiicrhei' gehören als inuthmaßlich fränkisch ein eiiigeiiiauertes Portal
an der Uirche zn Bierstadt bei Miesbadeil, ein portal zir Pfaffeirhofen bei
Sanerschwabeiiheim in Rheinhesseii, desscn Sturz mit U)asserr>ögelii, Fischen,
Schlangen imd Raiiteiioriiameiiteii rerziert ist, sowic aus frühkarolingischer Zeit
die Grabkapellc S. tNichael in Fulda s820—822> uiid die Urppta der Airche
auf dem P e t c rs b e rg e bei Fulda. Als spätcre noch antikisicreiide fformen wärcn
auch die Uaxitäle in der Urypta zu Ilnterregeiibach bei Laiigenbiirg im Iaast-
thale, zu Lorvcy in lvsstsalen, zu Lssen in der Rheiiiprovinz, zu berücksichtigen,
eudlich zur Vervollstäiidiguiig des Bildes imd zur genaiieii Abgrenzung der
in eiiiander übcrlaufeiidoii Lpochen der merorviiigischeii, karolingischen nnd ro-
manischeu Kmist auch fformen aus romaiiischer Zcit. Zu letztcren gehört auch
cin Thürsturz zu Lngelstadt, dossen stache Spirale und llledaillons noch durchaus
den Lharakter dcr sränkischen Uunst erkalten zeigen.

^) Im Lorrespondenzbl. des Gcsammtvereins d. d. Gesch.- und Altcr-
thnmsv. ;873. S. -lö ie.

ffig. s;. lialbcr Thürsturz von Pfeddersheim.
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