Adamy, Rudolf
Die fränkische Thorhalle und Klosterkirche zu Lorsch an der Bergstraße — Darmstadt, 1891

Seite: 44
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erreichte, das hat sich hier in sinnenschöner Form znm Aunstwerk
ausgebildet?)

>Ls wäre sicherlich von wissenschastlichem Vortheil sür uns,
auch die merowingische oder fränkische Aleinkunst, auf die wir
schon mehrfach Bezug genommen haben, mit ihrer Technik und
ihrer ^ormensprache in unserer Betrachtung etwas näher zu be-
leuchten. Wir würden uns alsdann der Einsicht nicht entziehen
können, daß beide, die Lorscher Aunst und jene lverke des Aunst-
handwerkes, aus einem und demselben Boden gezogen sind. Nur
in einem punkte würde sich ein, jedoch leicht erklärlicher Unter-
schied seststellen lassen: die Lorscher lverke lehnen sich inniger als
die lverke der Aleinkunst an die Antike an, obwohl auch bei diesen
sast alle jene Hormenelemente, die wir als klassische crkannten, zur
Genüge vertreten sind, um die Verwandtschaft erkennen zu lassen.
Die Geburtsstunde der eigenen monumentalen äteinarchitektur
hatte bei den Germanen noch nicht geschlagen, als die Lorscher
Bauwerke dem fränkischen Boden entwuchsen, und die Airche war
daher gezwungen, sich der altrömischen Tradition in der Technik
und Aunstsprache zu bedienen, wenn sie dem Bedürfnisse nach
Lteinbauten genügcn wollte. Freier aber stand der Bertreter der
Aleinkunst jener Tradition gegenüber; er hatte es, sowohl des
Nlaterials wie des ästhetischen Bedarses wegen, nicht nöthig, sich
ohne Noth von einer fremden Aunst abhängig zu machen. !vo
er es dennoch that, da war doch nur der freie künstlerische lville
hierzu die eigentliche Beranlassung gewesen. lver zu einer richtigen
Vorstellung von dem künstlerischen Lharakter der merowingischen
und speciell der fränkischen Aunst gelangen will, der hat die
Beziehungen zwischen jenen lverken der Architektur und den
Aleinkünsten aufzudecken, vor allem aber die bedeutendsten Denkmale
fränkischer Baukunst, unter diesen die Thorhalle zu Lorsch und die ihr
verwandten Fundstücke, im Zusammenhang init den Geschwistern der
Aleinkunst zu prüfen. lVird sich auch hierbei mit Sicherheit ergeben,
daß die merowingische Aunst wesentlich cine solche des llebergangs

i) Da eine genaue lviederherstellung des Grundrisses der frLnkischen
Ulosterkirche in Lorsch, insbesondere der faktische Nachweis der Ureuzanlage
nicht möglich war, so müssen wir auf eine Betrachtung über die Bedeutung
der Merowingerbauten nach dieser Richtung verzichten. Ls ist auch hier wieder
zu verweisen auf Gras, Dr. bsugo, Opus trrwcisenum. Stuttgart Z878.

von der antiken zur germanischen ist und gerade wegen dieser
Vermittlungsstellung schwankende Formenerscheinungen in reichstem
lvschsel aufzuweisen hat, so wird andererseits doch ein ganz be-
stimmter neuer Zug des Geistes aus dem lvechsel der Trscheinungen
sich als stilistisch maßgebend herauslesen lassen. Aus diesen neuen
Zug, der sich im lvesentlichen als malerischer bezeichnen läßt,
haben auch wir vielfach hinzuweisen Gelegenheit gehabt.

Daß die karolingische Aunst sich nicht in Gegensatz zu der
merowingischen stellte, haben wir bereits oben ausgeführt. Der
Versasser möchte aber doch diese Betrachtung nicht schließen, ohne
noch auf einen wichtigen Zeugen der Aarolingerzeit hingewiesen
zu haben, welcher das Fortleben jener vorausgegangenen Richtung
bestätigt. Ts ist dieses ein lverk der Buchmalerei, die Trierer
Ada-6andschrist.') Aus karolingischer Zeit stammend, zeigen die
architektonischen llmrahmungen der einzelnen 5eiten eine nicht
zu verkennende Aehnlichkeit mit den klassizistischen Lorscher ^ormen,
sowohl den Nlotiven wie der Behandlung nach. Aorinthisierende
und ionisierende Aapitäle mit den zugehörigen attischen und an-
deren Basen, Spitzgiebel, Tierstäbe und jDalmettenmuster finden
sich hier wie dort in gleicher Auffassung und Darstellung, und
wenn Zanitschck mit Bezug auf die Ada-k)andschrist sagt, daß
die ^ormen auch durch die geschickteste und gelehrigste ksand in-
stinktiv im Geschmacke der neuen Volksindividualität abgewandelt,
neuen Bedürfnissen angepaßt wurden, so könnte dieses ebenso mit
Bezug auf unsere fränkischen lverke gesagt werden. Denn das
geht wohl unleugbar aus unserer Betrachtung hervor, daß die
karolingischc Aunst nicht als Gegensatz der fränkischen aufzusassen
ist, daß vielmehr beide einem und demselben Ziele, der verselb-
ständigung des deutschen Geschmackes, zustreben, daßes aberdoch wohl
eine vsiicht der neuesten Aunstsorschung sein dürfte, die fränkische
Aunst vor Aarl dem Großen in hellere Beleuchtung zu rücken,
als der von Glanz umflossene Name dieses Fürsten es bisher
zugelassen hat.

Die Trierer Ada - ffandschrift, bearbeitet und heraurgegeben von
K. Menzel, p. Larßen, 6. Ianitschek. A. Schnütgen, F. ffettner.
U. Lainprecht. Leipzig ;389.

2) A. a. V. S. 62.
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