Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

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YORWORT

Es ist eine für die Entwicklung der modernen Baukunst bedeutsame Thatsacbe, dafs der Bau mit gebrannten
Steinen in den letzten Jahrzehnden einen besonderen vielversprechenden Aufschwung genommen hat. Einmal lag
dies in dem Streben begründet, jedem zu verwendenden Baumaterial auch für die äufsere Erscheinung seine volle Be-
rechtigung einzuräumen, andrerseits erforderte die zur Bedingung gemachte rasche Förderung baulicher Zwecke die
umfassendste Anwendung des weit verbreiteten und in möglichst lcurzer Zeit herzustellenden Materiales. Von der
Heimath des Backsteinbaues im Mittelalter, den Ostseeländern und der Mark Brandenburg ging diese bewufste Wie-
derbelebung aus und es gehört zu Schinkel’s vielen Verdiensten, auch hierin für Berlin in der Bau-Akademie und der
Werderschen Kirche den ersten Anstofs gegeben zu haben. Wie lebensfähig diese Keime gewesen sind, geht aus der
Thatsache hervor, dafs Berlin allein in 20 Jahren zehn Kirchen, grofse öffentliche Gebäude und eine kaum zu über-
sehende Anzahl von Privatbaulichkeiten besonders industrieller und teclmischer Etablissements innerhalb seines Be-
zii'kes entstehen sah. Aber auch die Provinzen blieben nicht zurück. Die Bedürfnifsbauten der militairischen wie Civil-
Staatsbehörden folgten der eingeschlagenen Richtung und der riesige Aufschwung des Eisenbahnbaues trug die tech-
nisch wie künstlerisch gewonnenen Resnltate bis in die fernsten Gegenclen. ■ Zu der Erbauung kolossaler Wasser- und
Trückenbauten, welche wie die Weichsel- und Nogat-Brücke den Backsteinbau in der vollendetsten und umfassend-
sten Weise zur Anwendung brachten, gesellten sich die grofsartigen Restaurationsarbeiten der Marienburg und vieler
Kirchen. Aber der Backsteinbau blieb nicht auf die alten Gebiete, in welchen er im Mittelalter so bedeutsame Schö-
pfungen hervorgerufen hatte, beschränkt, sondern clrang der allgemein gesteigerten Bauthätigkeit entsprechend auch
nach dem Süden vor und fafste von Jahr zu Jahr an Terrain gewinnend, in Wien, München, selbst am Rhein in Wies-
baden und Cöln festen Fufs.

Diese Thatsachen erkennend und clurch praktische Beschäftigung bei einern gröfseren Kirchenbau auf ein genaues
Studium der Eigenthümlichkeiten des Backsteinbaues hingelenkt, erschien dem Unterzeichneten eine Sammlung der
bedeutendsten mittelalterlichen Bauwerke durch genaue Aufnahme zu veranstalten, zeitgemäfs und dem allgemeinen
Tedürfnisse entsprechend. Se. Excellenz der Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, Herr v. d. Heydt,
kam dem desfalls von Verfasser wie Verleger ausgesprochenem Antrage um hochgeneigte Unterstützung zur Heraus-
gabe der begonnenen Sammlung huldreichst entgegen und stellte die besondere Betheiligung der Königl. Regierungen
i" Aussicht.

Was aber von Publikationen dieser in Rede stehenden Bauwerke bereits vorhanden und bekannt war, beschränkte
sieh vor wenigen Jahren auf zerstreute Mittheilungen in Zeitschriften oder auf kostbare Prachtwerke. Das Werk von
Essenwein ,,Norddeutschland’s Backstein-Architektur u kam dem vorhandenen Bedürfnisse zuerst in einigermafsen
genügender Weise entgegen, aber dasselbe lieferte mehr eine Sammlung skizzirter oft sehr unzuverlässiger Details,
eine übersichtliche Darstellung der eigenthümlichen Kunst- wie Konstruktionsformen des Backsteinbaues. Schon
die fehlenden Maafsstäbe wie der Mangel der zum Verständnifs unentbehrlichen Grundrisse entzogen dem immerhin
verdienstlichen Werke eine wirklich brauchbare Grundlage. Als die bedeutendste Arbeit auf diesem Gebiete, deren
Wertb. durch bestimmte Kürze und sicher geiibtes Urtheil wesentlich erhöht wird, ist der gediegene Aufsatz des Herrn
v- Quast, im deutschen Kunstblatt 1850, S. 229 besonders hervorzuheben. Dieser Aufsatz, den ich nur hätte wieder-
holen können, überliebt mich einer charakterisirenden Einleitung des Backsteinbaues für diese Sammlung, an deren
' ieiie am Schlusse ein aus den mitgetheilten Monumenten gewonnenes Resultat gegeben werden soll. Was aber von
Cer v- Quast’schen Arbeit auf ästhetischem wie kunsthistorischem Gebiete gilt, mufs von der Einleitung des Herrn
V‘ Hinutoli zu seinen unvollendeten „Denkmalen mittelalterlicher Baukunst in den Brandenburgischen Märken“ in
Bezug auf die Darlegung der technischen Behandlung des Backstein-Materiales rühmend gesagt werden. Auch dieser
Kufsatz ist von bleibendem Werthe und läfst die mangelnde Vollendung des Werkes sehr bedauern.

In dem Maafse, wie des Verfassers begonnene Sammlungen genauer Aufnahmen fortschritten, stellte sich mehr
Und mehr die Nothwendigkeit heraus, statt einer Auswahl konstrüktiver oder ästhetischer Details die erlesensten
" 0niuneute selbst in der ganzen Eigenthümlichkeit ihrer Erscheinung darzustellen und die daran vorkommenden kon-
struktiven wie ästhetischen Besonderheiten specieller zu entwickeln. Der gesteigerte Umfang wie die gröfseren Schwie-
1Jgkeiten durften nicht in Betracht kommen, wenn es gelang, durch eine gewissenhafte Publication der Monumente
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