Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

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wurden in jener Zeit die Thore, das Steinthor und das Mühlen-
thor erneuert und die Rathhäuser beider Städte theils um- theils
neugebaut. Damit, wie mit der Herstellung kleiner Kapellen bei
fronimen Stiftungen, wie St. Jakobskirche vor dem Steinthore,
waren aber die baulichenBedürfnisse vollständig befriedigt. Wenn
auch noch ferner durcli die Bemühungen einzelner Fürsten kirch-
liche Institute von Neuem gegründet oder alte wieder belebt
wurden, und hin und wieder eine Bauthätigkeit, wie auf dem
Harlunger Berge durch die Erbauung der Schwanenordenskapelle
ersichtlich wird, so ist von einem lebendigen Fortschritte in
künstlerischem Sinne nicht mehr die Rede. Das früher herr-
schende ernste Streben nach einheitlicher Schönheit geht ebenso
lUehr und mehr verloren, wie der Sinn für gute Verhältnisse und
hie liebevolle Behandlung der Kunstformen entschwinden. I\ur
die erworbene handwerksmäfsige Technik wird noch lange be-
wahrt und äufsert ihre spielend sichere Behändlung der compli-
cirtesten Constructionen des Deckenbaues, wie in den Gewölben
der Kapelle St. Peter auf der Burg 1521. Damit waren alle
Bauformen erschöpft; das Mittelalter hatte seine Zeit ertüllt.
Hurch die Reformation erwuchsen neue Aufgaben auf andern
Hebieten, und so blieb für die Brandenburgischen Städte kaum
etwas anderes übrig, als die überkommenen Bauwerke zu erhal-
ten. Dies haben sie — zu ihrer Ehre sei es gesagt bis jetzt
im ausgedehntesten Sinne gethan*) und dadurch für erneutes Stu-
Jium des Backsteinbaues die wesentlichsten Hülfsmittel geboten.

I- Kirche St. Maria auf dem Harlunger Berge vor der Altstadt

Brandenburg.

H i s t o r i s c h e s.

Der grofse Slavenaufstand von 983 J), welcher das durch
Otto I. begründete Christenthum in den Gegenden östlich von
der Elbe völlig ausrottete, führte auch die slavischen Götter wie-
dd' zu ihren alten Heiligthümern zurück. Der Harlunger Berg
Wurde dem Dienst des Triglav ebenso von Neuem geweiht**),
wie der Domberg zu Havelberg dem Gerovit ' 2). Anderthalb Jahr-
hunderte später wird auf derselben Stelle ein Tempel des Triglav
crwähnt, dessen Baulichkeit (Contina) wohl dem zu Stettin be-
findlichen Heiligthume gleichen Namens, von welchem Bischof
Otto von Bamberg eine Beschreibung erhalten hat, ähnlich zu
denken ist. Ein Plankenzaun umgab den hölzernen Tempel, um
das Heiligthume vor dem Zutritt Profaner zu schützen und den
ganzen Platz als Asyl zu bezeichnen. Aufserhalb der Umhegung
lagen im Schatten alter Bäume, die solche Heiligthümer stets
umgaben, die Begräbnifsplätze der Priester und Fürsten***). Die-
ser Tempel ist es nun von dem uns übereinstimmend berichtet wird,
dafs der letzte slavische Fürst Pribislav bei 'seiner Christwerdung
1136, das Götzenbiid des Triglav entfernt (destruxit), d. h. der
Verehrung entzogen 3) und den Tempel selbst der Jungfrau Maria
geweiht hatf). Ebenso glaubwürdigen Berichten des Brotuffius
zufolge ist er in der von ihm erbauten Kirche 1142, wie seine
Oemahlin Petrussa etwas später, begraben worden, nachdem er
bereits früher seine Vorfahren daselbst hatte bestatten lassen. Es
Waren dies seine Eltern Meinfried und Cythava sowie die Brüder
seines Vaters, Ilermann und Siegfried. DieseMittheilungen stützen
sich einmal auf zeitgenössische Berichte, andrerseits auf die bis

*) Von sämintliehen mittelalterlichen Banwerken in Brandenburg sind mit Ausnahme
^ er auf höhern Befehl abgebrochenen Marienldrche nur drei Thorthürme und eine kleine
Kapelie verschwunden, eine Thatsache, welehe fiir den erlialtenden Sinn der Bewohner das
beste Zeugnifs ablegt.

!) Ditmarus. Lib. III. p. 345 edit. Leibnit.

**) Ueber den Namen Triglav vergl. Grimm, Myth. 3. Äusg. S. 46. Bekannt ist
unter den alten Preufsen die Bocksheiligung (Luc. David 1, 87. 98). Der slavische Gott
Triglav wird mit drei Ziegenhäuptern vorgestellt. Daselbst Nachträge S. 1215. Auch
K<%am hat im krainischen Lied drei Köpfe (tri glavc).

2) Sifridi, Vita S. Ottonis ap. Ludewig. 495. — a. a. 0. 680.

***) Noch jetzt sind auf dem höchsten Gipfel des Harlunger Berges Begräbnifsstätten
vorhanden, von denen ich bei einer Ausgrabung viele Urnenscherben der glänzend schwar-
zen, sehr feinen, mit Glimmerblättclien gemischten Art erhielt.

3) Chronic. Brandenburg. ap. Mader. in Antiq. Brunsvic. p. 274.

t) Das hölzerne Götzenbild des Triglav ist dann bis zum Jahre 1526 in einer Seiten-
kapelle aufbewahrt und in jenem Jahre mit Erlaubnifs des Kurfiirsten von dem vertnebe-
nen Dänenkönige Cliristian II. hinweggenommen worden-

nach der Reformation in der Marienkirche erhaltenen Grabsteine
dieser Fürsten, deren Inschriften Sabinus uns erhalten hat'). Man
darf daher mit Recht schliefsen, dafs slavische Fürsten, denen
die Geistlichkeit ein Grab in einer christlichen Kirche verstattet,
entweder wirklich getauft oder im Geheimen christlich gesinnt
gewesen sein müssen. Das letztere ist das Wahrscheinliche, denn
Pribislav’s Vater Meinfried, war 1126 wegen der Hinneigung
zum Christenthume von den Seinigen getödtet worden und Pri-
bislav hatte Jahre lang alle Gebräuche des Heidenthums beob-
achtet.

Der Bau der St. Marienkirche durch Pribislav um ca. 1140
hatte also ebenso sehr den allgemeinen Zweck, einen uralten
Kultusplatz dem heidnischen Gottesdienst dadurch zu entreifsen,
dafs alle heiligen Feste, Zusammenkünfte, Wallfahrten etc. an ein
christliches Heiligthum angekniipft wurden, als die besondere
Absiclit, seinen Vorfahren, wie sich selbst eine gesicherte Grab-
stätte zu bereiten ünd dadurch der himmlischen Gnade beson-
ders theilhaftig zu werden. Was Pribislav mit der Erbauung
beabsichtigt hatte, geschah. Ihm, wie den Seinen, blieb zu allen
Zeiten die ungestörte Ruhe des Grabes, und die alten festlichen
Zusammenkünfte des Volkes galten demselben heiligen Berge,
aber nun nicht mehr den alten Göttern, sondern in steigender
Verehrung der Himmelskönigin Maria. Die Erinnerung an diese
doppelte Bestimmung ist während des ganzen Mittelalters leben-
dig geblieben und hat dieser Kirche einen ihre Zerstörung über-
dauernden Ruhm verliehen. Nach dem Tode Pribislav’s kam die
Marienkirche (ecclesia oder capella sanctae oder beatae Mariae
virginis) erblich an die Markgrafen, von denen Otto I. sie an das
Prämonstratenser Domkapitel auf der Burg verschenkte 2). Seitdem
wurde sie von da aus durch die Stiftsgeistlichen desselben gottes-
dienstlich besorgt, wie aus der Urkunde von 1195 3) hervorgeht, in
welcher als Zeuge ein gewisser Walter, sacerdos inllarlungate genannt
wird. Später hat dasKapitel bei derstets wachsenden Verehrung der
Maria in der Mark und dem sich mehrenden Zudrange von Wall-
fahrern und Gläubigen nach dem Marienberge hin die bedeutend-
sten Einnahmen gehabt, weshalb denn 1355 Kapelläne ('rectores
ecclesiae) genannt werden 3), die an bestimmten Tagen auf dem
Berge verweilen und den Gottesdienst abhalten mufsten. Aber um
das Jahr 1362 scheint das Stift durch die plötzlich nach dem Dox-fe
Nykamer bei Nauen aufkommenden Wallfahrten in seinen Ein-
künften so geschmälert zu sein, dafs auf besonderen Antrag der
Bischof sich genöthigt sah, der Pfarre zu Nykamer eine Theilung
der Einnahme mit dem Domkapitel zu befehlen. Aus den be-
treffenden Urkunden 3) geht unzweifelhaft hervor, dafs die Ma-
rienkirche seit alten Zeiten her durch ganz Deutschland berühmt
und eben so sehr besucht war.

Wie der Gottesdienst für die Kirche auch in Bezug auf die
übrigen Kirchen der beiden Städte Brandenburg in der Folge
geordnet war, davon redet die Urkunde bei Riedel, IX. 79. ff.
Gleichermafsen werden die feierlichen Prozessionen 6) von der
Burg und den beiden Städten aus erwähnt, vornehmlich am Mitt-
woch in der Pfingstwoche 7). Selbst Pilgerfahrten aus der wei-
ten Ferne wurden um des Abläfses willen nach der Kh'che unter-
nommen 8). An mehr als 30 Tagen im Jahre war hoher feier-
licher Gottesdienst; an 25 besonders genannten Tagen wurde
öffentlich von den Dominikanern,- Franziskanern und Piämon-
stratensern gepredigt, welche sich in die Predigttage getheilt
hatten 9). Aber die unruhigen Zeiten der ersten Hälfte des
XV. Jahrhunderts, besonders der Kampf der Hohenzollern mit
den Quitzow’s, endlich der ungeheuie, fast euiopäische Zulauf
der Wallfahrer nach dem Wunderblute zu Wilsnack, welcher
1383 begann, hatte dem Harlunger Berge und der Marienkirche

') Vergl. Heffter, Geschichte der Stadt Brandenburg. 71.

2) Riedel, A. VHI. 107.

3) Riedcl, a. a. O. VIII. 122.

4) Riedel. IX. 50.

5) Gercken, Stiftshist. 574.

6) Riedel, a. a. O. VHI. 410.

7) Riedel, a. a. O. IX. 79 und X. 424.

8) Riedel. B. III. 339.

9) Riedel, A. IX. 79.
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