Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

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deni in der St. Godehard-Kirche befindlichen Oelgemälde. —
Bl. II. Fig. 1. stellt den -Längendurchschnitt dar und ist ein treues
Facsimile der dritten der ad. 5 erwähnten Kupferplatten; Bl. II.
Tig. 3. u. 4. zeigen die nach dem sub 7. angeführten Zeichnun-
gen gefertigten Grundrisse, welche des bessern Zusammenhanges
halber auf den Maafsstab des Profils reducirt worden sind. Bl. I.
^ig. 2. 3. 4. und Bl. II. Fig. 2. liefern die vier Fapaden der Kir-
che von dem Modelle entnommen und nach demselben Maafs-
stabe des Profils aufgetragen.

Aus diesen Darstellungen läfst sich mit Heranziehung der
nachmittelalterlichen Schriftsteller, welche die Kirche theils noch.
ln ihrem Glanze, theil-s verlassen aber wohl erhalten gesehen
haben, eine annähernd zuverlässige Baubeschreibung geben.

Die Kirche war, wie die Grundrisse und Fapaden auf den
ersten Blick erkennen lassen, aus zwei mit einander verbunde-
nen doch verschiedenen Bauzeiten angehörenden Heiligthümern
znsammengese'tzt. Der nach Osten belegene gröfsere Theil
War die alte Wallfahrtskirche, der kleinere westliche Anb'au die
Oi’denskapelle der Schwanengesellschaft. Die alte Marienkirche
^estand aus einem oblongen Raum von lOOFufs Länge und 84 Fufs
Freite, mit vier Thürmen auf den Ecken und zwischen denselben
nach aufsen vorsprmge'nd drei absidenartige Vorlagen. Nur auf
der Ostseite gestaltete sich die eigenthümliche Choranlage eiues
halben Sechseck-Polygons xnit drei an'stofsenden kleinen Ab'siden.
Ifieser ganze Raum, ixx welchen die Thürme unten geöffnet hin-
emti’aten, war nach Bl. II. Fig. 1. init Kreuzgewolben auf Rippen
überdeckt, deren Strebepfeiler nach innen gelegt waren. Dreifsig
I’nfs über dem Fufsboden erhoben sich i’ings um die Kirche
lanfend steinerne Emporen, welche wie Fig. 4. zeigt vor der
Ostwand mit beträchtlicher Tiefe bis zix den innex-n Pfeilern der
Ostthürme reichten. Auf der Ostseite erweiterten sich die Empo-
ren zu dem polygonen Ohor, in welchem ein Altar ständ, während
zn ebener Erde deren 3 — 5 voi’handen waren. In _der Brüstungs-
höhe der Emporen wurde die Kirche auf allen Seiten durch paar-
Weise gestellte Rundbogenfenster erleuchtet. Bl.II. Fig. l.u.4. Die
Eingänge befanden 'sich auf der Nord- und Südseite. Eine der
Thüren mufs den Namen „Himxnelspforte (Coeli portaj“ geführt
haben, wie aus dem Gedichte von Praetorius 1650 hervorgeht.
Sechs Treppen führten zu den Emporen und zwar vier in den
hcken des Gebäudes, die beifien and,ern nur von dem unteren
Altarraum au's zugänglich setzten die beiden über einanderliegen-
hen Chöre in Vei’bindung.

Die Aufsenfa^aden, BI. I. Fig. 2. 3< 4. und Bl. II. Fig. 2.,
Welche die beabsichtigte Kreuzesgestalt sehr bestimmt hervor-
treten lassen, zeigten einfach romanische For-
men mit viereckigen Eck- und runden Wand-
lissenen, Bogenfriesen und rundbogigen Thür-
und Fenstei’öffnungen. Die Thüime waren auf
allen Seiten mit Blendarkaden geschmückt, mit
einern abgetreppten Giebel auf jeder Seite aus-
gestattet und mit massiven Spitzen, welche gol-
dene Kugeln trugen, beendigt. Der Obei'theil
der Thürme zeigte in seinen Gliederungen und
Oeffnungen bereits die Foi-men des Ueber-
§ angs- und des beginnenden gothischen Styles. Dasselbe gilt auch
^°n der östlichen Chorbildung mit dem kleinen Kapellenkranz,
m seiner ganzen Conception wie .in den verwendeten Kunst-

der

for

men eine auffallende und unläugbare Verwandtschaft mit dem
Chore des Magdeburger Domes zu erkennen giebt. Die Bil-
dung der gedrückt spitzbogigen Fenster und die darüber um-
laufenden spitzbogigen Umrahmungen ei'innern eben so deutlich

tang vör detn Alterthum sich der mühevollen Aufnahme Herausgabe uhterzieht,

äer Anfertigung des Modells desselben und der Vorberertung a®. keit des Ma-

üioht gedacht werden. Im Gegentheil zeigt das Modell ber a S baui;chen Ver-

terials, aus dem es angefdhigt ist, eine so. gewissenhafte W.eder^^^or dem
echiedenheiten der einzelnen Fa^aden, dafs. es nur bei wierei o ^ def Werth

•A-bbruche der Kirche hergestellt worden sein kann. Dadmc _a er allerdings in

desselben sehr betraehtlich. - Die hier mitgetheilten ^ ^ ^

e‘nigen Punkten von einander ab, z. B. zeigt das Profil die _ tu“ weni erhebHch und
örundrirs und das Modell es’verstatten; doch sind diese Abweic
ändefn nichts-in der Beschreibung der Bauanlage.

an die Kryptawände des auf Bl. V. VI. u. VII. dai’gestellten Do-
mes zu Brandenburg. Von eigenthümlicher Bildung erschienen
die*auf oonsolenartigen Stützen emporwachsenden zwei Strebe-
pfeiler der Ostfa^ade BI.I.. Fig. 3.; die unten viereckig beginnend
oben in schlanken Rundpfeilern endigten**). Ebenso beendigt
waren ähnliche Pfeiler axif den Ecken der Thixrme. Das kreuz-
förmig zwischen den Thürmen sich erstfeckende und 1585 noch
vorhandene Dach, auf BI. I. Fig. 1. beseitigt die Jahre lang fest-
gehaltene Annahme eines byzantinischen Kuppelbaues ohneDächer
im nordischen Klima. —

Die innere Structur der Kirche, deren Kenntnifs erst die
Bekanntmachung des Län'genprofils ermöglicht, zeigte ungeputzten
Backsteinbau mit. reicher Gliederung von Decken und Stützen.
Die innei’n vier Pfeiler, welche die Thürme trugen, und das
Langhaus in drei Schiffe theilten, erhoben sich in reicher Glie-
derung bis zu einer Höhe von 52 Fufs -und waren mit Käpitellen
geschmückt, auf welche die Kreuzgewölbe. mit Gurten und' Rip-
pen aufsetzten. Eine gleiche Bildung besafsen die Wandpfeiler
der Halbkreisvorlagen. Zwdschen beiden waren die gewölbten
Emporen so eingespannt, dafs ihre Brüsturigsbogen' sich nach
den Mittelschiffen zu in den Absiden tnit Spitzbogen, unter den
Thürmen aber mit Ründbogen öffneten und ein Bogenfx’ies mit
reicher Ornamentbildung darüber die Bi’üstungen abschlofs.
Diese ganze bauliche Structur des Innern, an der nichts zweifel-
felhaft ex’scheint, giebt ein deutlich ausgeprägtes Bild der Bau-
weise aüs der ersten Hälfte des XIIL Jahrhunderts in Noi’d-
deutschland. Eben so zweifellos giebt sich der Einflufs der in
Magdeburg' in jener Zeit vorhandenen Bauanlagen zu erkennen,
besondei’s für die Choranlage der Dom, für 'das Innere der voh
lendete Umbau der St. Marierx-Kirche daselbst. Namentlich ist
die Uebereinstimmung mit der letztern von v. Quast in der
Zeitschrift. für christliche Archäologie und Kunst 1) so bestimmt
characterisii’ten und datirten Kirche überraschend. Nur zeigt die
letztere bereits die Gurt- und Schildbogen spitzbogig, während die
St. Märien-Kirche zuBrändenbui’g an diesen St.ellen rundbogige For-
men bewahrt. Ob deshalb für die Hai’lunger Bergkirche eine
frühere Bauzeit anzunehmen ist, scheint zweifelhaft und dürfte
sich übei’zeugend nicht mehr*erweisen lassen.

Trotz der grofsen Einheit in der ganzen eben charaeterisirten
.Bautxnlage giebt es einige Gesichtspunkte, welche an einen sehr
umfangreichen Urnbau eines älteren Baues zu erinnern scheinen.
Einmal stimmen. die einfachen Kunstformen der Fapaden bis zum
Hauptgesimse excl. des Chors nicht mit den reicheren* Detail-
bildungen des Innern überein, zweitens zeigt der in seinem Maafs-
stabe sehr kleinliche Chor mit den di’ei Kapellen eine spätere
nicht sehr glückliche Hinzufügung, die auch durch die eigenthüm-
lichen Strebepfeilerformen von den Fa^aden wesentlich abweicht.
Möglich ist es, dafs die Umfassnngsmauern mit Absiden und
Vorlagen. ganz oder theilweise von einem ältei’n Bau herrühi’ten
und in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts einen sehr ge-
schickten, einheitlichen Umbau mit Pfeilern und Wölbungen er-
fuhren; aber bei der mangelnden Autopsie des Bauwex’ks läfst
sich mehr vex’muthen als beweisen. Wenn man an die weiter-
hin zu charakterisirenden Bauwerke zu Brandenburg, wie St.
Go'dehai’d von 1161 bis 1164, an St. Petex-’s Kapelle von 1166,
sowie aix die noch vorhandenen Reste der Klosterkirche zuLeitzkau
von 1155, an Lohburg u. A. denkt, so kann man sich n.icht mit
der Ansicht emv.erstanden erklären, welche in der Wallfahrts-
kirche von St. Marien die alte von Pribislav efbaute Gruftkirche
oder gar die Reste des Triglav-Tempels erkennen will. Im Ge-
gentheil weist Alles- auf einen vom Domkapitel zu Brandenbui’g
veranlafsten Neubau des Heiligthums, 'als grofsartige'Wallfahrts-
kiröhe hin, der mit Hülfe Magdebui’ger Baumeister etwa 1230
bis 1250 hergestellt wurde.

Von völlig andex-m Character und sicher datix’t ist der An-
bau, den Kurfürst Friedi’ich II. auf der Westseite der Mai’ienkirche

*) Die genaue Uebereinstimmung aller Quellen l'afst an dem Vorhandensein dieser
ganz abnonnen Structiu- nicht zweifeln.

') Bd. I. St,167flgd. * ’ :
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