Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 10
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Bogen an den Arkaden und Fenstei’n wie die Absidenge\yölbe
und Hintergrundsfläcdiefi der Friese wareri geputzt. Der Stein-
verband, welcher in ziemlicher Consequenz- auftritt, ist der wen-
dische .d. h. 'in jeder Schicht zwei Läufer und ein Strecker.

Das Format der Steine beträgt. an der
Ostseite l()i Zoll, 5 Zoll, ‘3| Zoll,

Westseite 11 — lli Zoll’, 5—5| Zoll, 3| Zoll,
späteren Sakristei 10| Zoll, 5£ Zoll, 8|*Zpll.

Die wenigen Formsteine, welche verwendet worden sind,
wie besonders die kleinen Konsolen unter den Bogenfriesen sind
nicht gefornlt, sondern frei aus dem lufttrocknen Thon geschnit-
ten und dann gebrannt. Eckformsteine an Kapitellen und Basen
sind dagegen nacli dem Brande aus gröfseren Stücken mit dem
Meifsel herausgearbeitet. Bemerkenswerth ist ferner die deutlich
mefsbare Verjüngung der Mauern, besonders der Thurmmauern,
eben so eigenthiunlich das Absetzen der Wände nach Aufsen hin,
wovon oben bereits die Rede gewesen. Der ganzeBau-ist mit
■ Äusnahme der Kreuzgewölbe so solid ünd tüchtig ausgeführt, ji
und ein so treffliehes Matel’ial dabei verwendet worden, dafs die
Kirche trotz ihres mehr als 600jährigen Bestehens und ihrer
vielfachen Vernachlässigung nirgends die Spuren wirklichen Ver-
falles zeigt-, sondern noch eine lange Dauer verspricht. Zwar ist
das Innere durch Tünche entstellt, auch sind die Aufsenwände
durch eingebrochene Thüren und Fenster ajler Art sehr verun-
staltet, aber dennoch fehlen nur wenige Kunstformen, wie der
verschlungene Bogenfries um die Absiden. Von der inneren Aus-
stattung ist nur der gemauerte aber uninteressante Altar erhalten.

Resultat.

Mit Rücksicht auf die technische Vorzüglichkeit, sowie auf
die besprochenen Kunstformen des Baues und in Erwägung, dafs
nacli 1295 das Dorf Luckeberg verschwindet, das Bestehen einer
i Kirche aher 1173 urkundlich bezeugt-ist', nehme ich die ältern
streng romanischen Theile, d. h. den ganzen Unterbau bis.
etwa 2 Fufs über 'dem Fundament, dann den Ohor und die drei
Absiden in ganzer Höhe nlit den Halbkugelgewölben, aber ohne
die Kreuzgewölbe für diese Zeit also um 1170 in Ansprrich. • Der
Oberbau des Langhauses mit den Thürbildungen und Arkaden-
bogen würde dann einer spätern Bauzeit des Uebergangsstyles,
die ich (arfs Hründen,'welche bei der Analyse des Domes zu ent-
wickeln sein werden) gegen.das Jahr 1230 setzen möchte, und
die Thürme noch etwas später, dem Ende des XIII. Jahrhunderts
angehören. Di’e. kleine Pfarrkirche ist deshalb, weil sie in Bran-
.denburg neben den alten Theilen des Domes den ersten reinen Zie-
gelbau ohne Anwendung von Granit zeigt und unter den wenigen-
romanis'chen Kirchen durch strenge Einfachheit wie seltene Er-
haltung ausgezeichnet ist, kunsthistorisch wie ästhetisch von
Wiclitigkeit. . .

III. Kapelle St. Peter auf der Burg zu Brandenburg.

Historisches.

Die in Folge der Stiftung des Bisthums Brandenburg durch
Kaiser Otto 949 'erbaute Domkirche war 983 bei dem grofsen
Slavenaufstande völlig zerstört worden. Erst 200 Jahre nach
Otto’s Stiftung war durch die 1136 erfolgte Christwerdung des
letzten Slavenfürsten Pribislav und die erbliche Gewinnung des
Landes durch Albrecht den Bären eine Wiederherstellung der Dom-
anlage möglich. Zu diesem Behufe wurden 1161 vonx Bischof
Wihnar Prämonstratenser Mönche aus dem Kloster Leitzkau nach
Brandenburg versetzt und bei der St. Godehards Kirche zu Par-
duin (d. h. der spätern Altstadt) zu einem Domstift vereinigt.
Fünf Jahr später 1166 wird dasselbe von dort aus nach der Burg
zu Brandenburg verlegt, wo inzwischen vo'm Bischof Wilmai' der
Dom schleunig wieder erbaut worden war. "Da nun 1160 die
St. Peter’s Kapelle- vorhanden gewesen sein mufs, weil nach un-
verdächtigen Zeügnissen Bischof Wiger in diesem Jahre darin
(in capella in castro Brandenburgensi') begraben wird, da ferner

am 10. October 1165 der Grundstein zum Dom gelegt 1), der
rasch vollendete Bau aber bereits 1166 geweiht und übergeben
wird 2), so entsteht die Frage, ob unter diesem wahrscheinlich
auf alter Stelle'neu erriehteten Dome die jetzt vorhandene St.
Peter’s Kapelle zu verstehen ist oder nicht. • In letzterm Falle
wäre der Dombau von 1165 —1166 auf der Stelle des jetzt vor-
handenen anzunehmen. Die Beantwortung dieser vielentschei-
denden Frage wird urn so schwieriger, da Wilmar in einer Ur-
kunde vom Jahr 1170 sich als Wiedererbauer des lange zerstört.
gewesenen Domes rühmt, da ferner '1173 Juditha, Gemahlin
Otto’s I., im Dom begraben- wörden sein soll, ihr Grabstein aber
von spätmittelalterlichen Zeugen in dem jetzigen Dome liegend
gefunden und abgeschrieben wird 3), da überdies 1179 der im
Bau begriffene 'Döm urkundlich mehrfach erwähnt wird'), und
da endlich um 1194 eine Weihung stattgefunden haben mufs, seit
welcher Zeit der- Dom nicht mehr zu St. Peter, sondern zu St.
Peter urid Paul heifst. Deri wichtigsten Anhaltspunkt gewährt,
die. bei St'. Godehard zu erweisende .Thatsache, dafs die West-
front dieser Kirche als beabsichtigter Kathedr'albau von 1161
bis 1164 in Granit hergestellt worden ist, eine Bautechnik, die
von. Leitzkau. übertragen zu sein scheint.— Es liegt nahe, bei
dem Bau des Dornes von 1165 —1166 an eine gleiche Technik
zu' denken und dies wird bestätigt, da der ganze Unterbau von
St. Peter 6 Fufs. hoch aus Granifbau besteht. Ueberdiefs lässen
• .die geringen Abme'ssungen sehr wphl zu, eine ,so schnelle Vol
lendung wie die urkundlich gesicherte von einem Jahre zu er-
kennen. Man kann daher mit um so gröfserer Wahrscheinlichkeit
• in dem Granitunterbau von St. Peter denDombau von 1165—1166
erkennen, da an dem jetzigen Dom mit Ausnahme der Fundamente,
für die spät hinzugefügten Strebepfeiler gar kein Granitbau sicht-
' bar ist. Ist aber der Dombau von 1165—1166 auf St. Peter zu be-
ziehen, so läfst' sicli vermutheri, dafs dieser Bau nur als ein pro-
visorisch genügender betrachtet und sehr bald zu einem gröfseren
Kathedralbau geschritten ist. Schon die geringe Gröfse der Ka-
pelle mächt dies wahi-scheinlich, sodann ihre unzweckmäfsige iso-
lirte Lage von den Stiftsgebäuden, endlich aber der wichtige nicht
zu-übersehende Umstand, dafs 1166 weder der Bischof noch das
Domkapitel das Besitzrecht auf d.ie St. Peterskapelle haben, son-
i d'ern dafs die Markgrafen. damals und bis zum Jahre 1238 als
| Eigenthümer derselben auftreten und sich erst 1254 jedes Rechts-
anspruchs begeben. Der letzte Grund ist -der entscheidende da-
für, dafs unter dem sogenannten Dombau vqm 1165 —1166 nur
die provisorische Herstellung der St. Peter’s Kapelle zu verstehen
ist.'—- Alle diese Umstände haben gleich nach 1170 zu einem
Xeubau der Kathedrale geführt, der nördlich von St. Peter er-
richtet worden, und 'dessen Weihung aus weiter unten zu ent-
wickelnden Gründen auf 1194 zu setzen ist. Auffallenderweise
stimmt nun das Breiten-Lichtmaafs von St. Peter mit dem ent-
gprechenden des Mittelschiffs des Domes, nämlich in 30 Fufs ge-
nau überein, und dies scheint nicht Zufall, sondern eher be-
wufste Absicht gewesen zu sein, um die- Abmessungen des alt-
j ehrwürdigen nur in den Fundamenten überlieferten Domes aüs
d.er Zeit des Kaisers Otto I. traditionell zu erhalten *). Nacli-
dem aber der Dom St. Peter und Paul 1194 vollendet war, fiel
die entbehrlich gewordene Kapelle St. Peter an ihre ursprüng-
lichen und rechtmäfsigen Eigenthümer, nämlich an die Markgrafen,
zurilck und wurde von diesen erst 1254 völlig und mit allen Rech-
' ten an den Bischof abgetreten 5). Es scheint sogar nach den
vielen Urkunden über diese Abtretung. (Riedel,-a. a. 0.162.163)
zu urtheilen, von Seiten' des Bischofs ein besonderer Werth auf den
Besitz von St. Peter gelegt worden zu sein, der meine Vermuthung,

1) Kiuimer, Reg. I. 223..

0 Riedel, a. a. O. VIH. 70.

3) Garcaeiis, De Brandeb. p. 341.- ed. Krause.

4) Riedel, a. a. O. VIII. 113.

*) Auf diese Weise-glaube ich in Uebereinstimmung mit Heffter, aber mit anderer
Beweisführung die verwickelten Verh'ältnisse, welche die urkundlichen Nachrichten eher
schwierigel- als leichter' maclien,' ordnen zu' mjissen, um die auffallende Thatsache erklären
zu könpen, weshalb neben einer Kathedrale St. Peter und Paul, eine Kirche St. Peter vor-
handen ist, welche'urkundüch w'ährend einer Reihe von Jahren Dom genannt wird.

II 5) Riedel, a. a. O. \nui. 152 und 162. . .

) ßochow, Gesch. Nachr. v. Br. 17.
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