Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 11
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dafs darin die Reste des alten Stiftungsbaues erkannt wurden,
bestätigen hilft. Die Kapelle diente nunmehr als Pfarrkirche für
die Burggemeinde. • Aber u.nter bischöflicher Verwaltung scheint
dieselbe vernachlässigt worden zu sein, denn Bischof Friedrich
stellt sie 1312 durch einen Neubau zum goltesdienstliche.n Ge-
brauch wieder her. Auf diese Bauthätigkeit beziehen sich meh-
rere Ablässe der Erzbischöfe zu Köln und Aker vom Jahr 1312 1), •
so wie mehrfache urkundliche Schenkungen derselben Zeit 1314.
Iron Jahr 1320 geht der Besitz der Kirche durch bischöfliche
Schenkung auf das Domkapitel über 2), welches 1323 und 1329
niehrfach für dieselbe beschenkt wird; 1409 wird sie der Mit-
telpunkt einer 'kirchlichen Brüderschaft, bei deren urkundlicher
Bezeugung auch eines Pfarrers Erwähnung geschieht.

Im Jahr 1521 erläfst Bischof Dietrich eineii 40tägigen In-
dulgenzbrief für diejenigen, die zur Wiederherstellung der- ver-
fallenen St. Peter’s Kirche vof Brandenburg (extra Brandenburg)
etwas beitragen würden. Dies ist die letzte urkundliche Erwäh-
nüng dieses Gotteshauses.

B a'ujb eschreibung.

Die Kapelle St. Peter liegt südlich von dem jetzigen Dome
ünd besteht Bl. V. Fig. 1. aus einem oblongen Raume, der durch
eiue Stützenreihe von dr.ei sechseckigen Pfeilern in zwei Schiffe
getheilt wird. An die Südseite lehnen sich drei, an die Ecken
vier" diagonal gestellte Strebepfeiler, die, weil für'sich fundamen-
tnt, später hirizugefügt sind. Die Eingänge liegen correspondi-
rend'au’f der Nord- und Sildseite, der erst' in neuerer Zeit abgetra-
gene Thurm erhob sich über dem Westgiebel. Die Umfassungs-
niauern bestehen bis auf 6 Fufs Höhe aus Granitmauerwerk, dar-
über Backsteinbau mit spitzbogigen, schlanken Blendarkaden, welche
auf der Nord- und Westseite einfach unprofilirt, auf der Südseite
reicher durch säulenartige Rundstäbe mit ringförmigem Kapitell
nnd Basis getheilt' 'erscheinen. Von den beiden Thüreingängen
i gt der südliche einfach mit Kämpfergesiriis gegliedert, der nörd-
üche besteht aus einem Profil von drei Rundstäben mit tiefen

Kehlen und zeigt abwechselnd grün glasirte und rothe Backsteine.
I*ie Ostseite besitzt ’über den drei spitzbogigen I enstern einen
sehr wohlerhaltenen spätgothischen Giebel in reicher Anordnung,
aber mit wirkungslosen Profilen und Gesimsen. Das Innere dei
Kapelle ist interessanter, als das Aeufsere, da' die Decke in einem
eomplicirtem System von Zellengewölben hergestellt ist, welche
scharf und ohne Vermittelung' aus den Mittel- wie Wandpfeilern
hervorwachsen. Der Mangel jeglicher Kunstform, wie das hand-
werksmäfsige Raffinement einer 'so complicirten Deckenbildung
’W'eisen auf die letzte Epoche des gothischen Backsteinbaues hin,
'wie sich dieselbe anderswo, z. B. in den Gewölben der Stadtkirche
v°n Bernau vom Jahre 1519, zu Jiiterbog, Pfarrkirclie zu Ma-
Kenburg in ähnlichen Formen zu erkennen giebt, Die zweischif-
hge für den Altardienst sehr unpraktische Anlage läfst sich da-
hurch erklären, dafs es bei dem letzten Reparaturbau darauf
ankam, eine gewölbte möglichst feuersichere Decke herzustellen,
°hne die Wände verstärken zu müssen. Obschon durch die
Stützenreihe der Horizontalschub vermindert wurde, sind doch
W’ie es. scheint, später noch die drei südlichen Sti’ebepfeiler ei-
forderlich geworden, um eine genügende Stabilität zu erzielen.
Kine Reihe hier vorhandener Flügelaltäre, darunter auch der der
geistlichen Brüderschaft vom Jahre 1409 ist ebenso wenig xmt-
theilenswerth, wie der steinerne Altar. Dagegen wird das II.
Heft einen hier befindlichen wohl erhaltenen Grabstein, aus ge-
hrannten Thonplatten zusammengesetzt, mittheilen.

Von dem Aufsenbau ist häufiger Reparaturen und .
heckenden Tünch'e halber nur zu bemerken,- dafs sici
lenartigen Rundstäbe der Bleriden äuf der Südseite bei gi
Längen durch treffliehe-und genaue Arbeit auszeic n
Das im Innern vorhandene Zellengewölbe, essen

') Riedel, a. a. O. VIII. 208. 2dl. 212. (capellam antiquam sitam juxta majo
ecclesinm Brcindenburgensem . . .).

2) Riedcl, a. a. 0. 220. 225. 240. — 385. 387.-— 486.

Bl. V, Fig. 2, darstellt, ist mehr technisch interessant, als prak-
tiseh brauchbar. Allerdings bedarf dasselbe seiner Constructipn
nach keiner besonderen Gurt- oder Rippenformsteine, bringt' aber
andrerseits so vielen Verhau mit sich und erfordert einen so
geübten Wölbungsarbeiter, dafs 'es nicht empfohlen werden kann.
Auch an Solidität bleiben derartige Ge'wölbe hinter einfachen
Kreuz- oder Sterngewölben- zurück. Das hier besprochene Ge- ’
wölbe ist bereits so schadhaft, dafs es nicht rriehr betreten wer-
den kann, und geht in kurzer Zeit seiner .völligen Zerstörung
entgegeri. ... *

• Resultat.

Der Granitbau von guter Arbeit, der den ältesten Bauthei-
len, nämlich dem ganzen Unterbau angehört, kann mit Verwei-
sung auf die sicher datirte Westfapade von St. Gödehard auf den
Bau von 1105 —1166 mit der Maafsgabe zurückgeführt werden,
dafs der einfache oblonge Raum von 30 Fufs Spannung damäls
nicht gewölbt war. Der oben erwähnten Bauthätigkeit des Bi-
schofs Friedrich utn 1311 —1315 müssen mit Rücksicht auf die
ungünstige Finanzlage des Stifts die Obermauern in ihrer sehr
einfachen Blendarkaden-Architektur, so wie die Eckstrebepfeiler
zugeschrieben werden. Die künstliche'Construction des Gewölbes
nebst den dazu gehörigen drei Strebepfeilern der Südseite, so
wie der Obertheil des Ostgiebels gehört endlich unzweifelhaft
dem Bischof- Dietrich und dem von ihm 1521 vermittelst Ab-
lafsgelder ausgeführten Bau an. Hierdurch als letzter Bäu der
katholischen Herrschaft, in Brandenburg erscheinend, gewährt
St. Peter’s Kapelle das besondere kunsthistorische Interesse,
nahezu den Anfang wie das Ende einer Bauthätigkeit von fast
vier Jährhunderten darzustellen.

IV. Dom St.. Peter und Paul auf der Burg zu Brandenburg.

. H i s t 6 fi s c h e s.

Wie bei der historischen Einleitung zu St. Peter’s Kapelle
etwähnt word.en ist, iriufs der eigentliche Dombau gleich nach
erfolgter Einrichtung der nothwendigen Stiftsgebäude auf der
Burg,' also um 1170, vielleicht nicht ohne Einflufs der in dem-
selben Jahre erfolgten Weihung des Havelberger Domes begonnen
sein. Um 1173 ist .dieser neue Dombau so weit vorgeschl’itten
gewesen, dafs nach sicherri Zeugnissen Judith'a, Gemahlin Otto’s I.,
'wahrscheinlich die wohlthätige Förderin des Baues, darin bestat-
tet-werden lconnte l). Später mufs der Bau dürch die Freigebig-
keit der Bischöfe und Markgrafen sehr gefördert ’worden sein,.
da das Stift i’n dieser Zeit bedeutende Erwerbungen machte.
Besonders wird sich Siegfried, Sohn Albrecht des Bären und
Bruder der Markgrafen, der 1173 Bischof von Brandenburg wird,
nicht lässig gezeigt haben. Auch sind urkundliche Zeugnisse
bedeutender Schenkungen von Privatpersonen, z; B. vom Jahr
1179 vorhanden, aus denen ganz sicher hervorgeht, • dafs die
Schenkung,für den im Bau begriffenen Dom gemacht und
bestätigt wird 2). Nichtsdestoweniger verzögerte sich bei dem Um-
fange des Baues,' der auch einen Theil der Stiftsgebäude um-
fafste, die Volfendung bis nach dem Jahre 1187, wo nach der
Urkunde Otto’s II. .zu urtheilen, das Weseritliche vollendet war,.
Das bestimmte Jahr. der Einweihung ist .urkundlich nicht über-
liefert, läfst sich aber annähernd ermittel'n. Bis zum Jahr 1194
wird in den kirchlichen Dekreten, das Domkapitel betreffend, die
Formel. gebraucht: „Wir' bestätigen dies irn Namen Petri, des
vornehmsten Apostels etc.“ Von 1194 an lautet aber diese For-
mel stets: „Im Nämen Gottes und der seligen Apostel Petrus
und Paulus.“ In jenem Jahre- oder weni'gstens zwischen 1188 '
bis 1194 mufs -derrigemäfs dem bisherigen Titular-Heiligen St.
Peter ein anderer, St. Paul, zugesellt worden sein, was am füg-
lichsten bei einer neuen Weihung geschehen konnte, und wozu
hier, um Verwechslungen mit der Kapelle St. Peter vorzubeu-
gen, besondere Veranlassung vorlag. Mit der Vollendung und
Weihung des Doms scheint auch die wichtige Verleihung zusam-

J) Garcaeus. De Brandenb. p. 341. ed. Krause. , .

2) Riedel, a. a. O. VIII. 113.
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